SWR Aktuell: Was halten Sie davon, dass wir bis 70 arbeiten sollen?
Axel Börsch-Supan: Das können wir schon – im 22. Jahrhundert. Aber jetzt sollten wir uns erstmal um die Probleme des 21. Jahrhunderts kümmern. Wir haben eine Rente mit 67, die ist noch gar nicht fest eingeführt. Das dauert noch gute fünf Jahre. Und ich denke, da besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Wenn überhaupt, steigt die Lebenserwartung derzeit relativ langsam. Dann kann man über eine Rente mit 68 reden. Aber 70, das ist ein bisschen weit vorgegriffen.
SWR Aktuell: Das heißt, solche Altersdiskussionen halten Sie offenbar für nicht sinnvoll. Wo wären denn aus Ihrer Sicht Ansatzpunkte, um unser Rentensystem zu reformieren?
Börsch-Supan: Es gehen im Augenblick überhaupt nur ein bisschen mehr als ein Drittel zur regulären „Rentenzeit“ in die Rente. Die meisten gehen mittlerweile früher in Rente, und das ist der wichtige Ansatzpunkt. Man muss eigentlich die Leute motivieren und auch finanzielle Anreize geben, dass die Leute wenigstens bis 67 arbeiten. Da geht die abschlagsfreie Rente mit 63, die ja mittlerweile bei ein bisschen mehr als 64 liegt, natürlich völlig in die falsche Richtung. Ich denke, das ist erst einmal der Ansatzpunkt, den man verfolgen sollte.
Im Augenblick subventionieren diejenigen, die länger arbeiten, die, die weniger arbeiten.
SWR Aktuell: Wie könnte man denn Anreize schaffen, damit Leute nicht früher gehen, mit 63 oder 64, sondern wirklich bis 67 arbeiten?
Börsch-Supan: Wir haben im Augenblick Zuschläge, wenn man ein Jahr länger arbeitet, die sind sehr gering, und die könnte man erhöhen. Das hat zwei Effekte: Dann kriegen diejenigen, die sehr früh in Rente gehen und deswegen auch sehr viel länger die Rente beziehen, eine niedrigere Rente pro Jahr, aber diejenigen, die länger arbeiten, bekommen eine höhere Rente pro Jahr. Und das wäre sehr sinnvoll, denn im Augenblick subventionieren diejenigen, die länger arbeiten, die, die weniger arbeiten.
SWR Aktuell: Und gleichzeitig ist es ja gerade so, dass auch viele Unternehmen Programme haben, um Leute früher in die Freistellung zu schicken, indem sie ihnen großzügige Abfindungen gewähren. Wir haben gerade auch das Problem, das die Wirtschaft ein bisschen schwächelt. Unternehmen wollen auch vielleicht teure, ältere Angestellte loswerden. Ist das nicht alles ein Widerspruch zu dem, was Sie sagen?
Börsch-Supan: Es gibt solche Unternehmer und solche Unternehmen. In einigen Branchen wird händeringend nach Leuten gesucht. Versuchen sie mal einen Handwerker von heute auf morgen zu kriegen. In anderen Branchen, Automobilindustrie, sieht es eher umgekehrt aus. Also: Das muss man ein bisschen differenzierter sehen und letztlich auch den Arbeitnehmern und Arbeitgebern überlassen. Aber was nicht stattfinden sollte, ist, dass die, die lange arbeiten, die, die wenig arbeiten, subventionieren. Das ist falsch und da kann man eine Reform machen, die ist aufkommensneutral, die kostet weder die Rentenversicherung mehr Geld, noch die Bundesregierung.
SWR Aktuell: Und gleichzeitig heißt es ja immer wieder, dass man auch Leute begünstigen sollte, die, obwohl sie schon in Rente gehen könnten, selbst wenn sie vielleicht 67 sind, noch weiter arbeiten wollen. Da gibt es ja seit diesem Jahr die „Aktivrente“, die die schwarz-rote Koalition eingeführt hat. Wenn man in der Rente noch arbeitet, dann bleiben bis zu 2000 Euro im Monat brutto steuerfrei. Ist das aus Ihrer Sicht auch ein sinnvoller Schritt?
Die meisten, die nach 67 noch arbeiten, machen das nicht aus Geldgründen, sondern weil sie nicht allein zu Hause rumsitzen wollen, weil ihnen die Arbeit Spaß macht.
Börsch-Supan: Sinnvoll ist das insofern, als dass Leute, die ansonsten nicht arbeiten würden, jetzt einen Anreiz haben, doch zu arbeiten. Man muss allerdings dazu sagen, dass die meisten, die nach 67 noch arbeiten, das nicht etwa aus Geldgründen machen, sondern weil sie nicht allein zu Hause rumsitzen wollen, weil sie noch Kollegen haben, weil ihnen die Arbeit Spaß macht. Das soll es ja auch noch geben. Also das sind andere Motivationen, die eine große Rolle spielen. Und dann ist das Geld natürlich zum Fenster rausgeschmissen, denn die hätten sowieso gearbeitet.
SWR Aktuell: Wir haben jetzt viel über Altersregelungen, dass Leute bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten sollten, gesprochen. Wo sind denn aus Ihrer Sicht noch weitere Ansatzpunkte, die man angehen müsste, um unser Rentensystem vor dem finanziellen Kollaps in den kommenden Jahren zu bewahren?
Börsch-Supan: Das Allerwichtigste ist, dass man die Haltelinie, die ja auch die sogenannte Junge Gruppe schwer kritisiert hat, wieder auslaufen lässt. Das ist einfach absurd, dass man in einer Situation, wo die Demografie sich massiv ändert, weil die Babyboomer in Rente gehen, so tut, als könnte man wieder zu einer Rente zurückkehren, wie wir sie in den 50er und 60er Jahren gemacht haben. Wir haben ja nicht ohne Grund in den 90er Jahren Demografiefaktoren eingeführt – und ausgerechnet jetzt, wo die Babyboomer in Rente gehen, schaffen wir die wieder ab. Das ist absurd.