SWR Aktuell: Die Bauern reden davon, ihre Ware würde verramscht. Ein hartes Wort. Wie ist Ihr Blick darauf? Ist der Vorwurf berechtigt?
Martin Banse: Ich würde sagen, der Vorwurf ist nicht unbedingt berechtigt. Die milcherzeugenden Betriebe haben sich in den letzten Jahren sehr, sehr hoher Milchpreise erfreuen können. Die waren so hoch wie schon lange nicht mehr. Und wenn man aus so einer Hochpreisphase jetzt in eine niedrigere Preisphase rutscht, dann ist das natürlich immer schmerzhaft und macht nicht so viel Spaß. Ich würde nicht sagen, dass wir hier von Verramschen sprechen können. Das sind zeitlich befristete Sonderangebote. Die gibt es immer im Lebensmitteleinzelhandel und haben dann natürlich jetzt unter so einer Situation einen kleinen Skandalisierungsdruck.
Landwirte nach Gesprächen mit Lidl nicht ganz zufrieden Bauerndemo in Bad Wimpfen beendet: Es könnte nicht der letzte Protest gewesen sein
Zahlreiche Landwirte haben vor der Lidl-Zentrale in Bad Wimpfen wegen der Butterpreise protestiert. Nach Gesprächen ist die Demo beendet - doch es könnte weitere Proteste geben.
Aber warum haben wir jetzt so niedrige Preise? Wir haben zwei Entwicklungen. Die Situation gestaltet sich so, dass wir die Ausläufer der sogenannten Blauzungenkrankheit jetzt ausklingen sehen. Die hat sich vor allen Dingen darin niedergeschlagen, dass die Milchleistungen je Kuh deutlich zurückgegangen sind. Das war keine tödliche Krankheit, aber die Leistungen sind zurückgegangen. Und bei steigenden Preisen haben die milcherzeugenden Betriebe mehr Milchangeboten. Das Milchangebot ist deutlich gestiegen. Und das ist natürlich auf engen Märkten dann sofort ein Signal für Preisrückgänge. Und dann mit so einer Sonderrabattaktion wirkt das natürlich und schlägt voll durch. Und da gehen die Emotionen hoch.
SWR Aktuell: Jetzt trifft so ein niedriger Preis ja nicht alle Betriebe gleichermaßen, und gerade im Segment Milch sind ja auch Großmolkereien am Start, die auch noch im Markt zwischengeschaltet sind. Wo sehen Sie da die größten Verluste?
Preissenkungen und Preissteigerungen werden verzögert weitergegeben.
Banse: Die Weitergabe von Lebensmittelpreisen und Milchpreisen ist ein verzögerter Prozess, das geht in beide Richtungen. Preissenkungen werden verzögert weitergegeben und Preissteigerungen werden verzögert weitergegeben. Und diese Effekte wirken an Märkten. Wir haben es ja hier auch nach wie vor mit vielen genossenschaftlich orientierten Molkereien zu tun. Und hier muss einfach verhandelt werden und Klarheit geschaffen werden. Das ist in dieser Situation, wo wir auch hohe Marktkonzentrationen haben, natürlich auch immer ein heißes Eisen, das da angefasst wird.
SWR Aktuell: Die großen Molkereien wiederum verhandeln mit den Ketten, also auch mit Discountern wie Lidl. Wie groß ist deren Macht am Markt?
Wettbewerb unter Discountern sorgt für niedrige Verbraucher- und Erzeugerpreise
Banse: Wir haben eine sehr hohe Marktkonzentration, der großen vier oder fünf am Markt. Aber wir haben hier nach wie vor unter den Discountern einen guten und ordentlichen Wettbewerb, der hier für solche niedrigen Preise, auch was die Verbraucherpreise angeht, sorgt. Wir haben hier eine Situation, wo ein sehr scharfer Wettbewerb herrscht, und hier werden niedrige Preise auch dann deutlich weitergegeben mit der Folge sinkender Erzeugerpreise. Aber ich hatte es ja in meinen ersten Worten auch gesagt: Wir kommen aus einer Situation mit historischen Höchstpreisen, und hier ist ein Preisrückgang auch fällig gewesen. Und diese Reaktion ist bei solchen engen Märkten hier dann deutlich zu spüren.
SWR Aktuell: Diese Schwankungen gab es eigentlich schon immer, und auch schon immer diese Handelsgiganten, die die Preise vielleicht nicht diktiert, aber doch gedrückt haben. Was wäre aus Ihrer Sicht der effektivste ökonomische Hebel, um Bauern einen guten Preis zu garantieren auf der einen Seite – und Verbraucherinnen und Verbrauchern bezahlbare Butter auch zu Weihnachten zu bescheren?
Banse: Auf der Erzeugerseite ist es sicherlich das, was viele Milchproduzierenden Einzelbetriebe inzwischen machen: sich zu Liefergenossenschaften und Liefergemeinschaften zusammenzuschließen. Das bietet den Milch erzeugenden Betrieben mehr Verhandlungsmasse, mehr Verhandlungshebel. Eine Preistransparenz wäre hier sicherlich von großem Vorteil, um zu sehen, was die konkurrierenden Milchunternehmen an Rohmilchpreisen bieten. Aber zurzeit sind wir eher in einer Abwärtstrendsituation, in der natürlich dann auch jeder halbe Cent für das Kilo Milch besonders attraktiv wird.
Und auf der anderen kommen die Konsumierenden, die von hohen Agrarpreisen in den letzten zwei, drei Jahren betroffen waren, in den Genuss sinkender Verbraucherpreise. Und das ist aus meiner Sicht eine faire Situation, dass hier auch solche Preise dann an Konsumierende weitergegeben werden.
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