SWR Aktuell: Durch den Klimawandel werden Starkregenereignisse und damit dann auch Hangrutsche immer häufiger auftreten. Was genau sollte und müsste die Bahn tun?
Lukas Iffländer: Wir müssten uns deutlich stärker darauf vorbereiten, eben nicht „wir hoffen mal, dass das nicht so schnell wieder passiert“, sondern wir brauchen Vorwarnsysteme, Systeme und Lösungen, die erkennen können, wenn so etwas gefährdet ist – und dann die entsprechenden Maßnahmen. Das bedeutet einerseits, wenn wir eine Risikoeinstufung haben, müssen wir eventuell ein bisschen langsamer fahren oder mit Drohnen oder sowas die Strecke befliegen, und andererseits, wenn sowas konkret passiert, müssen wir eine Erkennung haben, die dann im Zweifel auch einen Zug zum Stoppen bringt.
SWR Aktuell: Jetzt haben in der Pfalz Dachse gerade die Strecke zwischen Deidesheim und Bad Dürkheim unterminiert. Zum Glück hat man es da zwar spät, aber doch rechtzeitig gemerkt. Jetzt der Hangrutsch bei Riedlingen. Hat die Bahn denn bei der Aufsicht und Pflege der Bahnstrecken samt der Seitenhänge oder auch Bahndämme in den letzten Jahren zu viel eingespart?
Iffländer:Das ist wahrscheinlich regional sehr unterschiedlich. Wir haben durchaus Regionen, wo zu sehr gespart worden ist. Generell gibt es da ein abgesprochenes Verfahren, das ist auch vom Eisenbahnbundesamt so akzeptiert, zum Beispiel, dass einmal im Jahr die Strecke abgegangen wird. Und für Dinge wie Abläufe und Brücken gibt es auch feste Kontrollzyklen. Das heißt, die Bahn ist da jetzt nicht unbedingt diejenige, die aktiv ihren Sicherheitsanspruch verletzt. Aber man muss auch sagen, in Richtung Innovation ist in den letzten Jahren eigentlich nichts passiert. Auch aus der Flugkatastrophe im Ahrtal haben wir wenig gelernt und aus den anderen Streckenüberschwemmungen in der Umgebung, bei Trier zum Beispiel. Wir machen einfach so weiter, wie wir es bisher getan haben, weil einfach der Schwung für Innovation fehlt und auch, man muss ganz ehrlich sagen, das Geld und Personal für Innovation fehlt.
SWR Aktuell: Jetzt haben Sie Kontrollzyklen angesprochen. Die helfen natürlich überhaupt nichts bei plötzlichen Ereignissen wie Starkregen. Da müsste man ja quasi einige Minuten, bevor der Zug kommt, kontrollieren, ob die Strecke in Ordnung ist. Ist sowas überhaupt irgendwie leistbar?
Iffländer:Da müssen wir definitiv auf Technologie gehen. Dass wir genug Leute haben, die die ganze Zeit die Bahnstrecken auf- und ablaufen, das können wir, glaube ich, vergessen. Selbst wenn die Hälfte der Deutschen durch KI arbeitslos würden, würde das immer noch nicht klappen. Da brauchen wir dann andere technische Lösungen. Eine Lösung kann zum Beispiel Fiber-Optik-Sensing sein. Da legt man ein Glasfaserkabel entlang der Schiene und abhängig davon, wie stark eine Vibration ist und wo sie stattfindet, ändert sich das Licht, das man da durchschickt. Dann kann ein System erkennen, wo hat gerade eine Bewegung stattgefunden, wie stark ist sie, und war es vielleicht nur ein Fuchs, der daneben gelaufen ist? Oder ist da gerade ein Haufen Geröll runtergekommen? Oder vielleicht auch gerade ein Zug entgleist? Solche Systeme ermöglichen auch, dass man Rettungskräfte schneller verständigen kann. Mit so einem System wäre es dann möglich gewesen, dass man erkennt: Da ist gerade was Großes passiert. Und man hätte den Lokführer anfunken können, „bitte fahre mit Schrittgeschwindigkeit in diesem Abschnitt und schau vor dir, was genau passiert, damit du anhalten kannst.“
SWR Aktuell: Das System würde sicherlich bei so etwas wie einem Hangrutsch funktionieren. Was man aber auch öfter hat, sind ja zum Beispiel Unterspülungen. Würde so ein System das auch erkennen?
Iffländer:Wenn wir wirklich eine Unterspülung haben, die einen Absacken verursacht, das würde wieder [im Glasfaserkabel; d.Red.] den Brechwinkel etwas ändern. Sowas wäre möglich. Wenn ich nur eine Unterspülung habe, die wirklich die Stabilität gefährdet und das bricht erst ein, wenn der Zug drüber fährt, dann brauchen wir dann nochmal andere Lösungen. Da bräuchte man dann wirklich etwas, das tief im Bahndamm steckt. Sowas kann man, glaube ich, nicht finanziell akzeptabel überall einbauen, das müsste man, wenn dann, in Risikogebieten gezielt einbauen.
SWR Aktuell: Bleibt die Frage nach den „üblichen Verdächtigen“, die wir in letzter Zeit immer hören. Könnte IT, könnte KI, könnten vielleicht auch Drohnen weiterhelfen?
Iffländer: Mit Sicherheit lässt sich da auch einiges machen. Wenn ich meine ganzen Hänge mit entsprechenden Daten eingebe, dann kann ich da mit irgendwelchen Big-Data-Verfahren und vielleicht auch mit KI-Algorithmen erkennen: Wo ist denn da eine besondere Gefährdung, wo muss ich am ehesten Maßnahmen ergreifen, und wo ist es dann doch vielleicht ein bisschen sicherer und eher zweite oder dritte Priorität. Und natürlich auch Drohnen. Dabei ist aber die Frage: Wären die bei dem Starkregen und bei dem Wind überhaupt flugfähig gewesen? Das kann ich aus der Ferne jetzt wenig beurteilen. Aber generell: Eine regelmäßige Drohnenbefliegung und ein Abgleich mit Bilderkennungs-KI-Algorithmen könnte eigentlich heutzutage schon Tagesgeschäft bei der Bahn sein.
SWR Aktuell: Bei Riedlingen war es den Bildern nach ein recht kleiner Hangrutsch, insofern auch schwer zu erkennen im Vorhinein. Könnte man im Gegenzug die Züge selbst konstruktiv denn besser gegen äußere Einflüsse absichern, sprich, dass die nicht gleich bei fünf Steinen auf der Strecke entgleisen?
Iffländer:Bei so einem Hangrutsch wird es ab einem gewissen Punkt problematisch, wenn der Bereich zwischen den Gleisen aufgefüllt ist. Und das war an dieser Stelle überschritten. Wir hatten tatsächlich auch Diskussionen, ob ein Bahnräumer, also quasi so eine Art Schneeräumer vorne am Fahrzeug, etwas geholfen hätte. Wir sind allerdings auch eher skeptisch, ob das viel bringen würde. Das hängt dann auch sehr davon ab, wie dieser Schlamm und die Steine und sowas zusammengesetzt sind. Da würde ich mich jetzt nicht aus dem Fenster lehnen, dass das etwas gebracht hätte. Was eventuell was gebracht hätte, wären die neueren Crash-Normen gewesen. Also seit gut 15 Jahren müssen Züge mit zusätzlichen Crash-Elementen gebaut werden. Das hier eingesetzte Fahrzeug ist halt von vor dieser Zeit, was aus Nachhaltigkeitsaspekten auch verständlich ist, dass man die weiterverwendet. Aber dann hätte es vielleicht gerade für die Personen im Führerstand noch eine bessere Chance gegeben.