Knapp vier Wochen soll der Ulmer Hauptbahnhof Anfang kommenden Jahres komplett gesperrt werden. In der Zeit sei kein Zugverkehr möglich, so die Bahn. Wie das Ersatzkonzept aussehen wird, soll im Oktober bekannt gegeben werden. Den Bahnhof komplett zu sperren und nicht den Versuch zu unternehmen, einen Teil der Arbeiten im laufenden Betrieb zu erledigen, halten Bahninsider und Experten für eine neue Dimension der Baustellenpolitik, die keine Schule machen dürfe. Die Bahn zeige andernorts, dass sie es besser könne. Unstrittig ist, dass die Bahn gegen überalterte Stellwerke im Streckennetz vorgehen muss.
Neues elektronisches Stellwerk Ulmer Hauptbahnhof wird Anfang 2026 gesperrt - OB protestiert
Im Januar 2026 legt die Deutsche Bahn den Hauptbahnhof in Ulm für fast vier Wochen lahm, Tausende Pendler sind betroffen. Oberbürgermeister Ansbacher protestiert.
Bahnexperten sprachlos über Baustellenpläne der Bahn
Der Fahrplananalyst Felix Berschin aus Heidelberg berät als Experte unter anderem Verkehrsunternehmen und Verkehrsministerien. Seine erste Reaktion auf die angekündigte Sperrung des Ulmer Hauptbahnhofs: "Ich bin da einfach nur noch sprachlos." Schließlich habe die Bahn gezeigt, dass die Inbetriebnahme eines neuen Elektronischen Stellwerks anders laufen könne. "Eines der größten Stellwerksprojekte der DB zuletzt war die Zentrale Osnabrück", so Berschin. Osnabrück sei in etwa vergleichbar mit Ulm. Auch dort gab es zwei Wochen lang Einschränkungen und Ausfälle. Aber in viel kleinerem Umfang. Lediglich an einzelnen Tagen wurde der Bahnhof Osnabrück gesperrt. Auch in Baden-Baden und Rastatt hat die Bahn vergangenes Jahr Stellwerke getauscht - ohne wochenlange Sperrungen.
Das Ganze muss man inzwischen als vom Konzern angeordnete Arbeitsverweigerung interpretieren.
Auch der Bahnexperte Hans Leister aus Berlin ist irritiert: "Ein neues Stellwerk wird normalerweise an einem Wochenende in Betrieb genommen. Dass so viele Wochen der Bahnhof gesperrt werden soll, ist ja ein Witz!" Ein Witz, mit dem Hans Leister nicht gerechnet hatte. Es könne daran liegen, dass deutschlandweit Personal für Prüfungen und Abnahmen der Stellwerkstechnik fehle und man daher mehr Zeit einplane. Verständnis hat Leister dafür dennoch nicht.
Felix Berschin glaubt, dass die Bahn damit eine neue Strategie des Baustellenmanagements fährt. Ähnlich wie schon bei der Generalsanierung sperrt die Bahn lieber einmal komplett, anstatt aufwendiger zu bauen und den Fahrbetrieb dabei aufrechtzuerhalten. Hans Leister sieht das anders. "Von Strategie kann da keine Rede sein. Das ist ein Eingeständnis der Bahn, dass sie das nicht hinbekommt."
Das ist ein Witz und ein Eingeständnis der Bahn, dass sie das nicht hinbekommt.
Für den Tausch und die Inbetriebnahme eines Stellwerks sagen Berschin und Leister ganz deutlich, dass eine Komplettsperrung nicht normal sei. Normal wären Teilsperrungen - das bedeute, man sperre nur einen Teil der Gleise im Hauptbahnhof, während auf den anderen Gleisen zumindest eingeschränkt noch Bahnbetrieb stattfinden könne. Felix Berschin meint: "Das Ganze hat schon eine neue Dimension - die Sperrung eines Knotens über Wochen. Ich glaube, da gibt es kein Beispiel bisher dafür."
Bahn hält dagegen: Inbetriebnahme ist komplex
Auf SWR-Anfrage erklärt die Bahn hingegen, dass es sich bei der Inbetriebnahme des neuen Elektronischen Stellwerks um komplexe Arbeitsabläufe handle. Man ersetze damit nicht nur das bisherige Relaisstellwerk aus dem Jahr 1967, sondern baue im gleichen Zeitraum mehr als tausend signaltechnische Einrichtungen und Signale ein und stelle eine neue Weichenverbindung her. Die Bahn verweist beispielhaft auf die Inbetriebnahme des Stellwerks "Köln linker Rhein" im Frühjahr 2025. Damals habe es 17 Tage Sperrungen gegeben. Allerdings war damals kein kompletter Knoten gesperrt, sondern primär eine Strecke - nämlich die Strecke zwischen Köln und Bonn.
SWR-Bahnexperte Frieder Kümmerer erklärt, dass die Stellwerke teilweise noch aus dem Kaiserreich kommen. Doch vier Wochen Stillstand für die Inbetriebnahme des neuen Stellwerks hält auch er für ungewöhnlich:
Darüber hinaus würden in Ulm bereits auch Vorbereitungen getroffen, damit in einigen Jahren der Ulmer Hauptbahnhof mit dem neuen digitalen Zugsicherungssystem ETCS nachgerüstet werden könne, so ein Bahnsprecher. Auch diese Maßnahmen seien komplex und machten eine Sperrung notwendig. Wenn das neue Stellwerk im kommenden Jahr in Betrieb genommen wird, soll der Ulmer Hauptbahnhof mit der Schnellfahrstrecke Wendlingen - Ulm aus einem gemeinsamen Stellwerk bedient werden. Aktuell wird die ICE-Strecke von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm über ein eigenes Elektronisches Stellwerk gesteuert, dass im Dezember 2022 in Betrieb ging.
Insider: Kostengründe führen zur neuen Strategie der Bahn
Andere Insider der Bahn, mit denen der SWR gesprochen hat, vermuten hinter der Sperrung des Ulmer Hauptbahnhofs noch einen weiteren Grund. "Dahinter könnten auch Kostengründe stecken", heißt es unter anderem. Denn einen Bahnhof komplett zu sperren und das neue Stellwerk in Betrieb zu nehmen, könnte billiger sein, als aufwendiger das Ganze im laufenden oder eingeschränkten Fahrbetrieb durchzuführen. "Die Bahn will die Menschen daran gewöhnen, dass komplette Sperrungen normal sind - dabei sind sie das nicht", so der Insider weiter.
Berschin: Sperrung hat zahlreiche Auswirkungen für Reisende
Laut Felix Berschin bedeutet die Sperrung vor allem eines: Zugausfälle. Die ICE-Züge zwischen Stuttgart und München müssten wohl umgeleitet werden - Fahrzeitverlängerung 40 Minuten bis eine Stunde. Da aber auf der Ausweichstrecke nur begrenzte Kapazität vorhanden sei - die Strecke zum Teil nur eingleisig ist - würden vermutlich einige ICE-Züge ganz gestrichen werden. "Noch bitterer ist es für Allgäu, Oberschwaben und den Bodensee, dort wird man völlig abgehängt", so Berschin. Für die Strecke Biberach - Stuttgart, für die man aktuell etwa 90 Minuten braucht, rechnet Berschin mit Fahrzeitverlängerungen von bis zu zwei Stunden, da der Busersatzverkehr deutlich länger brauche und die zusätzlichen Umsteigezeiten berücksichtigt werden müssten.
Stellwerksproblematik in Deutschland: Zu viele alte Stellwerke in Betrieb
Tatsächlich kämpft die Bahn seit Jahren gegen eine überalterte Stellwerkslandschaft in Deutschland. In Baden-Württemberg sind die ältesten mechanischen Stellwerke aus den 1930er Jahren - zum Beispiel in Bad Mergentheim (Main-Tauber-Kreis), Satteldorf (Kreis Schwäbisch Hall) und Storzingen (Kreis Sigmaringen). Dabei handelt es sich um Stellwerke mit Seilzügen und Hebelmechanik. In Freiburg ist ein Rangierstellwerk sogar aus der Kaiserzeit aus dem Jahr 1900 noch in Betrieb. In Ulm und Stuttgart sind immerhin schon etwas "modernere" Relaisstellwerke im Einsatz, die aus den Jahren 1967 und 1977 stammen. Die sogenannten Elektronischen Stellwerke stammen aus den 1990er Jahren. Solch eines - mit neuerer Technik modernisiert - soll auch in Ulm gebaut werden. Während die Bahn noch damit beschäftigt ist, die ältesten Generationen zu tauschen, sind bereits auch die ersten Elektronischen Stellwerke am Ende ihrer Lebenszeit angelangt und müssen ersetzt werden.
Die Bahn hat mit ihren Stellwerken also alle Hände voll zu tun - von tagtäglich technischen Ausfällen ganz zu schweigen. Eigentlich sollte in den kommenden Jahren die neueste Generation an Stellwerken in Deutschland etabliert werden - die Digitalen Stellwerke. Äußerlich unterscheiden sie sich auf den ersten Blick kaum von den Elektronischen Stellwerken - allerdings funktionieren sie technisch anders, sollen weniger störanfällig, schneller und effizienter in der Bedienung des Bahnverkehrs und langlebiger als das Elektronische Stellwerk sein. Vereinfacht gesagt: Der Bahnverkehr, die Signale und Weichen, werden dann nicht mehr analog, sondern digital angesteuert.
Bahn hat Ausbau Digitaler Stellwerke in Deutschland vorerst gestoppt
Das größte Digitale Stellwerk wird aktuell bei Stuttgart 21 im Rahmen des Projekts "Digitaler Knoten Stuttgart" gebaut. Es soll Ende 2026 (in Teilen, da weitere Verzögerungen aufgetreten sind) in Betrieb genommen werden. Der großflächige Ausbau der Digitalen Stellwerke in Kombination mit dem neuen digitalen Zugsicherungssystem ETCS wurde von der Bahn allerdings vorerst gestoppt (der SWR hatte berichtet). Dass sie nun weiterhin auf Elektronische Stellwerke setzt, hat deutschlandweit eine Welle der Empörung ausgelöst.