Jeden Montagabend verwandelt sich der Vorraum des katholischen Gemeindezentrums in der Tübinger Altstadt in eine Wechselstube. Getauscht werden Gutscheine gegen Bargeld. Und der Andrang ist groß: Ein Dutzend Flüchtlinge stehen in der Schlange. Sie bringen Gutscheine mit, die sie in Supermärkten mit ihrer Bezahlkarte gekauft haben. Auch Tübinger stehen in der Schlange, mit Bargeld in den Geldbeuteln.
Gutscheine gegen Geld: Menschen aus Tübingen wollen, dass Flüchtlinge Bargeld haben
Eine Frau mittleren Alters kommt jeden Monat. Ihren Namen will sie nicht nennen, so wie alle anderen, die in der Schlange stehen. "Ich finde es wichtig, dass die Menschen, die hierherkommen, die Chance haben, das Geld so zu verwenden, wie sie wollen", sagt sie und fügt hinzu: "Es gibt viele Stellen, wo man Bargeld braucht: Flohmarkt, Klassenfahrt, Klassenkasse, sowas."
Dann beugt sie sich über den Tisch, hinter dem drei Freiwillige sitzen, die die Tauschaktion mitorganisieren. "Ich habe Gutscheine von Edeka, Aldi, dm, was hätten Sie gerne?", fragt Gabriele, pensionierte Gymnasiallehrerin um die 70. Die Tübingerin nimmt drei Gutscheine von dm und Edeka und legt dafür 150 Euro hin. Das Bargeld wiederum bekommen die nächsten in der Schlange. Menschen wie der hochgewachsene Mann, der gleich sieben Gutscheine dabei hat. "Die sind nicht nur für mich, die sind auch für andere, die nicht herkommen können, weil sie alt sind oder arbeiten", erklärt er.
Es geht darum, die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihrer Teilhabe einzuschränken, ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass sie hier nicht willkommen sind wie andere Menschen. Und das finde ich einfach furchtbar.
Bezahlkarte unbeliebt: 30 Minuten Anfahrt für etwas Bargeld
Er selbst zahle sein Geld auf ein Bankkonto ein, über das er sowohl den Handyvertrag als auch Zugtickets problemlos bezahlen kann. Auch über die Bezahlkarte sind Überweisungen innerhalb Deutschlands möglich. Aber nur nach vorheriger Prüfung durch die Ämter, was den Ablauf verzögert. So sehr, dass der Mann die 30 Minuten Anfahrt aus Balingen (Zollernalbkreis) für etwas Bargeld in Kauf nimmt.
Zwei Gutscheine darf er gleich wechseln, mit dem Rest muss er warten. Denn zur Tauschaktion kommen viel mehr Flüchtlinge mit Gutscheinen als Menschen mit Bargeld. Und alle sollen zumindest etwas Geld wechseln können.
Mann möchte sich mit Bargeld afrikanische Lebensmittel kaufen
Auf einem Stuhl in einer Ecke sitzt eine Mutter, ihr quengelnder Sohn springt um sie herum, zwei weitere Kinder schlafen im Wagen. Sie sind zwei Stunden lang aus Riedlingen (Kreis Biberach) angereist, erzählt die Mutter. Das nehme sie in Kauf, denn nur von einem eigenen Bankkonto kann sie bei ausländischen Onlinehändlern Kleidung für die Kinder kaufen, die billiger ist als im Laden.
"Sehen sie das", mischt sich ein Mann mit Käppi und Sonnenbrille ein und hebt eine Plastiktüte in die Höhe, in der sich Gemüse abzeichnet. "Das sind afrikanische Lebensmittel, die kann ich nur in afrikanischen Läden kaufen und da wo ich wohne, da kann man in dem Laden nicht mit Karte bezahlen. Wie soll ich an afrikanisches Essen kommen!?", fragt er.
Eine Stunde Fahrtzeit für Bargeld: Bezahlkarte für Flüchtlinge wird als Schikane bewertet
Er ist entrüstet: "Ich fahre über eine Stunde, um hier Bargeld zu wechseln, damit ich Essen kaufen kann. Gottseidank gibt es die Aktion hier." Auch die Freiwilligen der Tauschaktion sehen die Bezahlkarte als Schikane. "Es geht darum, die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihrer Teilhabe einzuschränken, ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass sie hier nicht willkommen sind wie andere Menschen. Und das finde ich einfach furchtbar", sagt Daniela, die neben Gabriele Gutscheine entgegennimmt.
Deshalb tausche Daniela weiter, und sei sich doch bewusst, dass das nicht reiche: "Klar, wir können die Menschen hier unterstützen, aber es geht trotzdem wahnsinnig Zeit und Energie für sie drauf. Wir machen hier Symptombekämpfung." Sie fordert ein Ende der Bezahlkarte und verweist auf Kommunen, die sich dagegen entschieden haben, die Karte einzuführen.
Polarisierte Debatte um Bezahlkarte für Flüchtlinge: Landrat will sie behalten
Im Landratsamt in Tübingen sieht Landrat Hendrik Bednarz das ganz anders: Die Bezahlkarte einzuführen sei ein kleiner Kraftakt gewesen. Jetzt will er sie auch beibehalten. "Wir haben da jetzt ein System und das wieder umzustellen, das wäre nicht zielführend. Wir machen so jetzt weiter, wie wir den Weg eingeschlagen haben."
Er wünscht sich eine weniger polarisierte Debatte. "Es gab diejenigen, die gesagt haben, wir kriegen die komplette Situation nicht mehr in den Griff, wenn wir die Bezahlkarte nicht einführen. Und es gab diejenigen, die gesagt haben, wenn wir die Bezahlkarte einführen, dann ist das das Ende von Integration und alles bricht zusammen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber es gab ja so diese zwei Stoßrichtungen." Beide Positionen seien übertrieben gewesen.
Einführung der Bezahlkarte zur Senkung der Flüchtlingszahlen?
Die Ampelkoalition hat die Bezahlkarte im April 2024 eingeführt. Sie sollte verhindern, dass Flüchtlinge Geld ins Ausland überweisen, an Schlepper oder Familienmitglieder. Dabei überweisen nur sieben Prozent der Flüchtlinge Geld ins Ausland, wie aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hervorgeht.
Und auch das sei legitim, findet Gabriele, die neben Daniela an der Kasse sitzt und dem nächsten Flüchtling 100 Euro auszahlt: "Das Geld, das nach Hause geschickt wird, das kommt genau dahin, wo es gebraucht wird. Zum Beispiel wird es investiert in die Ausbildung jüngerer Geschwister. Oder dass dort gelebt werden kann, ohne dass dann noch ein zweiter oder ein dritter fliehen will, aus wirtschaftlichen Gründen." Das sei die beste Art der Entwicklungshilfe, und die beste Investition, findet sie. Dann zahlen sie dem Mann aus Balingen kurz vor 19 Uhr, dem Ende der Tauschaktion, noch einmal etwas Geld aus und schließen die Kasse.