Hohe Arbeitsbelastung, Personalmangel und das Verhalten von Schülerinnen und Schülern: Obwohl sie dringend gebraucht werden, verlassen auch in Baden-Württemberg jedes Jahr hunderte Lehrkräfte den Beruf. Wie das baden-württembergische Kultusministerium auf SWR-Anfrage mitteilt, haben 446 Lehrkräfte im vergangenen Jahr ihren Beruf aufgegeben. 187 Lehrkräfte waren es bis einschließlich Juni bereits in diesem Jahr.
Einer der Gründe: Stress im Lehreralltag, der krank machen kann. Denn manche legen den Stress, den sie in der Schule erleben, nicht mit dem Klang des Gongs ab. Der Stress begleitet sie bis nach Hause. Und die Belastung ist teilweise so groß, dass ein Burn-out droht.
- Ehemalige Lehrerin: Beruf hat sich verändert
- Weniger Stress: Ex-Lehrerin arbeitet jetzt als Krankenschwester
- Umfrage: Belastung der Lehrer steigt
- Lehrer berichten von Erschöpfung und Zynismus
- Immer mehr Lehrer verlassen in BW den Beruf
- Zehn-Jahre-Trend: Kündigungen von Lehrkräften verdreifacht
- 70.000 Lehrkräfte haben 2023 in Deutschland gekündigt
- Ehemalige Lehrerin berichtet von "extremen Stress"
Ehemalige Lehrerin: Beruf hat sich verändert
Daniela Hug aus Langenargen (Bodenseekreis) war etwa 15 Jahre lang als Lehrerin an einer Realschule tätig. Wie die 47-Jährige im Gespräch mit dem SWR berichtet, ist sie nach dem Schuljahr 2023/24 aus ihrem Job ausgestiegen. Der Grund: Überlastung.
Ex-Lehrerin arbeitet als Krankenschwester
Während der Corona-Pandemie, so schildert es Hug, habe sich offenbart, wie sehr die Digitalisierung in baden-württembergischen Klassenzimmern hinterherhinkt. "In dieser Zeit sind viele Schwächen des Systems ans Licht gekommen", erläutert Hug. In der Folge seien immer mehr Aufgaben an den Lehrkräften hängen geblieben.
Hug erzählt, in ihrer Zeit als Lehrerin sei der Stress enorm gewesen. Sie sei überlastet gewesen und habe fast keine Freizeit gehabt - weswegen sie die "Notbremse ziehen musste." Mittlerweile arbeitet Hug als Krankenschwester und berichtet, sie sei in ihrem neuen Beruf sehr glücklich. Sie kann sich nicht vorstellen, in das Klassenzimmer einer Regelschule zurückzukehren, "auch wenn mir das Lehren immer viel Spaß gemacht hat".
Umfrage: Belastung der Lehrer steigt
Seit 2019 lässt die Robert-Bosch-Stiftung das Deutsche Schulbarometer erstellen. In der kürzlich veröffentlichten repräsentativen Umfrage gaben zehn Prozent der Befragten darin an, sie fühlten sich täglich bei ihrer Arbeit erschöpft. 24 Prozent haben mehrmals pro Woche mit Erschöpfung zu kämpfen, 30 Prozent mehrmals pro Monat.
Fünf Prozent der Befragten sagten zudem, sie fühlten sich täglich morgens schon müde, wenn sie noch einen Schultag vor sich hätten.
Lehrer berichten von Erschöpfung und Zynismus
Neben der Erschöpfung wurden auch typische Burn-out-Symptome wie Zynismus oder das Gefühl der Distanzierung gegenüber den Schülerinnen und Schülern abgefragt. 20 Prozent der Befragten gaben an, sie befürchteten mehrmals im Monat oder häufiger, dass diese Arbeit sie verhärte.
Je jünger die Lehrkräfte, desto häufiger berichten sie von Erschöpfung und Zynismus. Die höchsten Werte zeigen die unter 40-Jährigen, die niedrigsten die über 60-Jährigen. Zudem erleben Frauen häufiger Erschöpfung als Männer.
Immer mehr Lehrer verlassen in BW den Beruf
Wie das baden-württembergische Kultusministerium auf SWR-Anfrage mitteilte, sind im Jahr 2023 in Baden-Württemberg 423 Lehrkräfte freiwillig aus dem Schuldienst ausgeschieden, 2024 waren es 446. Bis einschließlich Juni 2025 haben bereits 187 Lehrkräfte ihren Beruf aufgegeben.
Laut Ministerium sind die Gründe für ein freiwilliges Ausscheiden von Lehrkräften "höchst unterschiedlich". Beispielsweise gebe es nicht nur Wechsel in andere Branchen, sondern auch in andere Bundesländer.
Zehn-Jahre-Trend: Kündigungen von Lehrkräften verdreifacht
Bei insgesamt rund 121.000 Lehrkräften sei die Kündigungsquote von 0,37 Prozent im Jahr 2024 jedoch gering, heißt es seitens des Ministeriums. Man sei sehr froh, die allermeisten Lehrkräfte halten zu können und bemühe sich ständig, ihnen auch weiterhin ein "gutes Arbeitsumfeld zu bieten".
Im Vergleich zu vor zehn Jahren hat sich die Zahl der Kündigungen jedoch fast verdreifacht. Nach Angaben des baden-württembergischen Kultusministeriums lag die Zahl der Kündigungen 2013 bei 123 Lehrkräften.
Ehemalige Lehrerin berichtet von extremem Stress
Susi Ritter ist eine von den 423 ehemaligen Lehrkräften, die 2023 ausgeschieden sind. Wie die 41-Jährige aus Sindelfingen (Kreis Böblingen) im Gespräch mit dem SWR berichtet, hat ihr der Schulalltag zugesetzt. "Der Leistungsdruck für die Kinder, das war der Hauptgrund für mein Ausscheiden."
Ritter sagt, sie sei mit der Art des Unterrichts, die ihr vorgeschrieben wurde, nicht mehr einverstanden gewesen. Dass Ritter keine Zeit und keine Kapazitäten gehabt habe, um auf die individuellen Stärken ihrer Grundschülerinnen und -schüler einzugehen, habe sie belastet. Das habe auch körperliche Folgen gehabt.
"Der extreme Stress hat sich bei mir ganz stark körperlich gezeigt", erklärt sie. Rückenschmerzen, Verspannungen und Schwindel: Bevor Ritter den Job nach elf Jahren verließ, verbrachte sie drei Monate im Krankenstand. Mittlerweile arbeitet die 41-Jährige als Referentin und kann es sich vorstellen, in den Schuldienst wieder einzusteigen. "Jedoch nur unter bestimmten Bedingungen: mit weniger Druck und mehr Freiheiten."
70.000 Lehrkräfte sind 2023 in Deutschland ausgestiegen
Bundesweit haben im vergangenen Jahr mehr als fünf Prozent der Lehrkräfte dauerhaft den Schulbetrieb verlassen - drei Viertel davon frühzeitig. Das berichtet das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS).
Demnach haben im Schuljahr 2023/24 bundesweit rund 70.000 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Schuldienst ausgestiegen, rund 37.000 davon endgültig. Von dieser Gruppe wiederum sind jedoch nur 10.200 altersbedingt ausgestiegen. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Lehrerinnen und Lehrer halten damit fast drei von vier Lehrkräften nicht bis zur Rente durch, sagt Dieter Dohmen, FiBS-Direktor und Autor der Studie.