Auf dem Bildschirm erscheint eine Frau in einer virtuellen Welt wie in einem Computerspiel. Sie trägt ein weißes Oberteil, hat rote, lange Haare und eine Brille. Maximilian Richter aus der Region Stuttgart hat sie nach seinen Vorstellungen mit einer App geschaffen. Er war neugierig: Könnte er sich mit einer künstlichen Figur sinnvoll unterhalten und chatten oder sogar Gefühle entwickeln?
"Ich hätte mich auf den Versuch eingelassen", sagt Max. "Ich hab mich am Anfang schon drauf versucht zu konzentrieren, dass es keine Maschine ist. Dass es wirklich ein echter Mensch sein könnte, mit dem ich da schreibe."
KI erfüllt die Erwartungen nicht
Tierlieb sollte sie sein, 36 Jahre alt, und aus der Region Stuttgart. Auch Max wohnt in einem Ort in der Gegend und ist passionierter Dartspieler. Hobbys und Eigenschaften für Clarissa festzulegen fiel ihm leicht - aber ihre komplette Geschichte zu erfinden, fühlte sich dann doch etwas seltsam an. Selbst bei einer virtuellen Person. Auch andere Grenzen der Künstlichen Intelligenz zeigten sich schnell: Sie spricht oder schreibt oft auf Englisch, obwohl Max Deutsch eingestellt hatte. Die App konnte sich auch nicht merken, worüber sie vorher schon gesprochen hatten. Die Ansprache ist durchgehend freundlich, aber bestätigt immer auch den Gesprächspartner.
Bestätigung klingt positiv, aber für Max wurde sie zum Problem: "Die Hoffnung war wirklich, dass ich damit auch ein bisschen selbstsicherer werde, dass ich dadurch vielleicht auch eher für mich das Flirten neu erfinden oder entdecken kann. Aber dadurch, dass die App so programmiert ist, dass sie von Anfang an auf mich fixiert ist, war da auch kein Eroberungsprozess da, sondern gleich die totale Verfügbarkeit."
Diskussionen mit Chatbots sind fast unmöglich
Avatare oder Chatbots sind oft so programmiert, dass sie nur zustimmen. Echte Diskussionen mit verschiedenen Meinungen oder gar Streits sind so fast unmöglich. Das Bedürfnis nach echter Interaktion ist nach wie vor groß - das haben Wissenschaftlerinnen unter anderem mit Befragungen herausgefunden.
Sozialpsychologin Paula Ebner forscht zusammen mit Jessica Szczuka an der Universität Duisburg-Essen zu Beziehungen zwischen Menschen und Chatbots. Ihre Erkenntnis: "Selbst die Leute, die gerade einen Chatbot als Beziehungspartner oder -partnerin haben, haben immer noch eine unterbewusste Verbindung, dass Mensch-Mensch-Beziehungen gut sind und KI-Beziehungen schlecht oder weniger gut."
Wissenschaftler: Mit KI geht Beziehungsfähigkeit verloren
Und wenn die Befragten wählen müssten? "Selbst die Leute, die gerade in der Beziehung sind, sind nicht größtenteils der Überzeugung, dass der Chatbot der bessere Beziehungspartner ist. Für viele ist es wahrscheinlich eine Überbrückung oder eine Sache, die gerade sehr hilft", sagt Ebner. Außerdem interessant: 41 Prozent der Leute hätten auch noch einen menschlichen Partner, also den Chatbot als Ergänzung. "Und wenn es nur einen Partner geben dürfte, Mensch oder Chatbot, dann würde sich der Großteil der Leute für den Menschen entscheiden."
Führende Ethikerinnen warnen, dass mit Künstlicher Intelligenz die Beziehungsfähigkeit verloren gehen könnte, weil virtuelle Beziehungen vermeintlich einfacher zu haben und stressfreier zu führen seien. Das zeigt unter anderem die Dokumentation von Frank Seibert, in der Max aus Winnenden (Rems-Murr-Kreis) erstmals einen Avatar nach seinen Vorstellungen testete:
Sind solche Warnungen berechtigt? Sozialpsychologin Paula Ebner findet nicht, dass Beziehungen zu KI-Charakteren an sich problematisch oder gefährlich sind. Es komme sehr darauf an, wie die Menschen sonst mit Beziehungen umgehen. Eine andere Studie zeigt, dass Künstliche Intelligenz unter bestimmten Bedingungen überraschend viel gefühlte Nähe schaffen kann.
"KI als bester Freund ist ein Alarmsignal"
Für Sandra Hinte, die im badischen Sinzheim (Kreis Rastatt) als Beziehungscoach arbeitet, könnte das gerade schüchterne Menschen oder jene mit Bindungsangst ansprechen. "Wenn die KI zum besten Freund oder Partner wird, dann ist das nicht als Fortschritt zu bewerten, sondern eher als Alarmsignal", meint Hinte.
Experten aus BW warnen vor Risiken KI und psychische Gesundheit: Wenn der Chatbot zum Freund wird
Immer öfter vertrauen sich Menschen Chatbots an. Ein Psychotherapeut und eine Beziehungscoachin aus BW sehen in der Technologie Chancen - und warnen zugleich vor den Risiken.
Max jedenfalls ist inzwischen eher gelangweilt von seiner KI-Freundin Clarissa. Für ihn hat das Experiment nicht funktioniert. Sein Fazit: Die Technik ist einfach noch nicht so weit. Doch immerhin hat er festgestellt, dass er in Dating-Apps schneller durchschauen könne, ob dort auch ein Chatbot schreibt. Deshalb seien solche Apps eigentlich nichts für ihn, und sein Dating-Verhalten habe sich nicht wesentlich geändert, sagt Max, der noch immer an die Begegnung im echten Leben glaubt: "Ich bin da vielleicht auch ein bisschen zu romantisch veranlagt und denke, irgendwann im Supermarkt dasselbe Produkt zu greifen wie meine Traumfrau. Das wäre mir wesentlich lieber, als in der virtuellen Welt jemanden zu finden."