"Ich stelle es mir vor, wie ein Abschied für immer. Jedes Mal wieder. Das kleine Baby hat überhaupt kein Zeitgefühl", sagt Stephan aus Stuttgart über seine ersten Lebensjahre. Der 63-Jährige wächst in Schönebeck an der Elbe auf und kommt mit sechs Wochen in eine Wochenkrippe. Das heißt, seine Mutter brachte ihn am Montag hin und holte ihn am Wochenende wieder ab, wie es in der DDR damals üblich war.
Denn im Sozialismus ist eine "gute Mutter" auch berufstätig. Über 90 Prozent der Frauen gingen arbeiten, oft im Schichtsystem, insbesondere in Industrie und Gesundheit, in der frühen DDR meist noch mit Sechs-Tage-Woche. Damit das möglich war, schuf die DDR das Konzept der Wochenkrippe für Säuglinge und Kleinkinder.
DDR-Wochenkrippen: Lange Trennung von den Eltern
Die Einrichtungen waren dem Gesundheitsministerium unterstellt, der Fokus lag auf Hygiene und körperlicher Versorgung - zusammengefasst nach dem Konzept "satt, sauber, gesund". Es gab große Schlafsäle und strenge Tagespläne, die beinahe minutengenau bestimmten, wann gefüttert, gewickelt und geschlafen wurde. Eltern hatten oft nur begrenzten Einblick in den Alltag, denn spontane Besuche waren durch den strengen Tagesablauf nicht vorgesehen. Berichten zufolge passte nachts oft nur eine einzige Aufsicht auf viele Kinder auf.
Die Erziehungswissenschaftlerin Beate Vomhof von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg spricht von "unglaublich schwerwiegenden" Erfahrungen für Kinder, die über eine ganze Woche von ihren Eltern getrennt sind und dann am Wochenende wieder in ein bestehendes Familiensystem zurückfinden müssen.
Als Baby in Wochenkrippe: Stephan gründet Selbsthilfegruppe
Stephan lebt heute in Stuttgart. Damals in der DDR studiert der Vater weit entfernt, die Mutter arbeitet sechs Tage die Woche im Buchhandel. Erst 2020 erfährt Stephan, dass auch er ein Wochenkrippenkind war. Denn da wird ihm klar, wenn sein älterer Bruder in der Wochenkrippe war, "muss ich ja wohl auch da gewesen sein".
Daraufhin beginnt Stephan zu lesen und zu recherchieren. Stück für Stück setzt er seine Biografie neu zusammen. Er versteht besser, warum er Konflikten ausweicht und selbst scheinbar einfache Dinge wie ein Telefonat für ihn belastend sein können. Das Gefühl eines selbstverständlichen Selbstwerts, mit dem andere durchs Leben gehen, habe er nicht gelernt, sagt er. Stattdessen überlegt er häufig: Kann ich das machen? "So eine Selbstverständlichkeit, mit der andere durchs Leben gehen. Ich glaube, das haben wir (Anmerkung der Redaktion: Wochenkrippenkinder) nicht gelernt", sagt Stephan.
Weil er den Kontakt zu anderen Betroffenen sucht, gründet er in Stuttgart eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Wochenkrippenkinder. Einmal im Monat treffen sich elf Frauen und Männer, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, Fachliteratur oder auch mögliche Therapien zu empfehlen.
Wochenkrippenkinder leiden unter psychischen Folgen
Katharina reist für die Gruppe extra aus der Nähe von Darmstadt an, weil es bei ihr keine vergleichbare Gruppe gibt. Die 58-Jährige wusste schon immer, dass sie Wochenkrippenkind war. Von der siebten Lebenswoche bis zum dritten Geburtstag verbringt sie die Wochen in der Krippe, die Eltern studieren, sie wächst zunächst bei den Großeltern auf. Aber erst eine schwere Depression bringt sie dazu, ihre Kindheit genauer anzuschauen.
In einer Klinik erzählt sie einer Mitpatientin, dass sie die ersten drei Lebensjahre in der Wochenkrippe war. Die emotionale Reaktion dieser Frau bringt Katharina zum Nachdenken: "Sie ist dann sehr aufgebraust oder traurig oder wütend oder so eine Kombi aus allem gewesen und hat gesagt: 'Wie krass ist das denn gewesen, dass man dir das angetan hat?' Das war, glaube ich, das erste Mal in meinem Leben, dass das jemand gesagt hat, dass das schlimm war", erinnert sie sich.
Sie selbst sagt, sie wolle niemandem persönlich die Schuld geben. Wichtig sei für sie, ihre Geschichte und ihre Gefühle einordnen zu können: die tiefe Traurigkeit, Einsamkeit und die Angst vor dem Verlassenwerden, die sie immer wieder spürt. Denn obwohl sie zwei Kinder hat und sie seit Jahrzehnten verheiratet ist, sei ihr Leben von dem Motto geprägt "Du musst es selber machen". Hilfe annehmen oder um Hilfe bitten falle ihr bis heute schwer.
Forschung spricht von einem "Bruch im Urvertrauen"
Bindungsforschende sprechen von einem Bruch im sogenannten Urvertrauen. Damit ist die frühe Erfahrung gemeint, dass jemand verlässlich da ist, wenn ein Kind weint, Angst hat oder Hilfe braucht, erklärt Erziehungswissenschaftlerin Beate Vomhof. Wenn diese Sicherheit fehlt, kann sich das laut Vomhof im Selbstbild verfestigen: "Dass Kinder das eben sehr früh erfahren haben: Ich bin es anscheinend nicht wert, dass man auf mich Acht gibt." Eine Erfahrung, die sich durch das Leben ziehen kann.
Schon in den 1950er-Jahren zeigen Studien in der DDR, dass manche Wochenkinder langsamer sprechen, häufiger krank sind und sich eher zurückziehen oder sogar apathisch wirken. Das für den Sozialismus als notwendig angesehene System wird aber weiter ausgebaut - im Namen der Erwerbstätigkeit von Frauen und dem "Aufbau des Sozialismus". In der DDR hatte sich bis 1989 das dichteste Netz von Kinderkrippen in Europa entwickelt und galt als Vorreiter in Sachen Kinderbetreuung. Viele Familien nahmen vor allem Tageskrippen und Kindergärten als verlässliche Unterstützung wahr.
Nach Schätzungen von Forschenden waren mindestens 100.000 Kinder in Wochenkrippen untergebracht. Viele haben keine bewussten Erinnerungen, spüren die Folgen aber im Alltag: Sie berichten von Bindungsängsten, Einsamkeit oder haben Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen.
Selbsthilfegruppe gibt Mitgefühl und Anerkennung
Viele ehemalige Wochenkrippekinder wünschen sich vor allem Mitgefühl und Anerkennung - und Räume, in denen sie überhaupt über diese frühen Erfahrungen sprechen können. So wie die Selbsthilfegruppe in Stuttgart. Katharina beschreibt die Treffen als erleichternd: Man könne sich austauschen und sehe, dass man "nicht der einzige Mensch ist, dem es so geht". Stephan sagt, in dieser Runde erlebe man oft mehr Solidarität und Mitgefühl "als von den Eltern". Manche könnten mit ihren Eltern gar nicht darüber sprechen, weil die solche Gespräche verweigern.
Stephan aus Stuttgart möchte, dass die Wochenkrippenzeit "einen friedlichen Platz" in seiner Biografie bekommt. Dafür fehlt ihm lange eine Anlaufstelle vor Ort - bis er selbst aktiv wird und die Selbsthilfegruppe gründet. Er hofft, über den Austausch Menschen zu finden, die helfen, das Leben "ein bisschen leichter, weniger schwer" zu machen.