Schon sein Leben lang begleiten Thomas Depressionen. Der 72-Jährige hat über die vielen Jahre gelernt, mit ihnen umzugehen. Im Herbst waren sie wieder da. Sie haben ihn knallhart erwischt. Dann ging wieder nur das Allernötigste, erzählt Thomas im Gespräch mit dem SWR - "absolute Freudlosigkeit von morgens bis abends". Seinen vollständigen Namen will er nicht preisgeben. Er will aber über seine Erkrankung öffentlich sprechen, um die Scham abzulegen und anderen Mut zu machen.
Ich möchte dazu ermuntern, sich nach Menschen umzugucken, denen man davon erzählen kann und die möglichst nicht gleich mit Wertungen oder Ratschlägen kommen.
Bei Depressionen hilft erstmal: "Einfach nur zuhören"
Ihm helfe es, wenn jemand zuhört und mit ihm die Situation aushält. Da gehörten manchmal auch Aussichtslosigkeit, Ratlosigkeit und kreisende Gedanken dazu, die er nicht mehr selbst in den Griff bekommt. Nachfragen, was der oder die Betroffene sich von einem wünscht, sei auch hilfreich.
Seine Erfahrungen gibt der 72-jährige Pensionär seit Jahren im Verein "Arbeitskreis Leben" in der Tübinger Innenstadt weiter. Dort können Menschen in Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr zum Gespräch hinkommen.
Auslöser für Altersdepression
Jeder Mensch kann in eine Depression rutschen - unabhängig vom Alter. Eine Veranlagung begünstigt das. Im Alter kann der Wechsel vom Berufsleben in den Ruhestand eine Depression auslösen. Außerdem können körperliche Einschränkungen sowie Isolation und Einsamkeit eine Altersdepression begünstigen. Der Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp spricht von dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, was ihn zum Suizidversuch bewogen habe.
Beraterin: Depression kann erkannt werden
Die systemische Beraterin Jana Krämer vom Tübinger "Arbeitskreis Leben" berichtet dem SWR, dass man Depressionen anhand von Veränderungen bei einem nahestehenden Menschen erkennen könne: Er macht Dinge nicht mehr, die ihm sonst Spaß gemacht haben; er zieht sich zurück und entzieht sich Gesprächen und Fragen; er isst anders und nimmt dadurch verstärkt zu oder ab. Das alles könnten Anzeichen für eine Depression sein.
Gleichwohl seien aber Menschen mit depressiven Episoden auch sehr gut darin, diese zu verstecken. Krämer empfiehlt, genau hinzusehen, Äußerungen des Angehörigen oder Freundes ernstzunehmen und der Person zu sagen, dass sie einem viel bedeute und man sich Sorgen um sie mache.
Den "Arbeitskreis Leben Reutlingen/Tübingen" gibt es seit 50 Jahren. Sein Hilfsangebot hat sich fest etabliert. 2025 haben sich über 500 Menschen beraten lassen. Geschulte Ehrenamtliche oder pädagogisch-therapeutische Fachkräfte hören zu, wenn das Leben gerade nicht so läuft.
Männer und Menschen ab 60 scheuen die Beratung
Bislang nutzen viel mehr Frauen das Angebot als Männer. Das zeigen Auswertungen des Vereins, die dem SWR vorliegen. Sie machen auch deutlich: Menschen im Alter über 60 Jahre suchen sich nicht so oft Hilfe, dabei erkranken deutlich mehr Menschen in dieser Altersgruppe an Depressionen. Für sie hat der Verein sein Hilfsangebot erweitert - im Internet. Es heißt "LebensLinien 60+". Auf der Webseite kann man sich anonymisiert anmelden und seine Sorgen herunterschreiben. Eine Antwort wird garantiert.