Kanzler Friedrich Merz (CDU) will es, der grüne BW-Ministerpräsident Winfried Kretschmann auch, die Unternehmensverbände sowieso: Die Deutschen sollen wieder mehr arbeiten - und sich mehr anstrengen, damit Deutschland den Weg aus der Wirtschaftskrise schafft. Die führende Arbeitsforscherin Katharina Hölzle hält solche pauschalen Forderungen an alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für falsch.
"Mich nervt diese Debatte", sagt sie im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv". Sie könne es nicht mehr hören, wenn in der Politik beklagt werde, dass die Deutschen 200 Stunden weniger arbeiteten als die Schweizer. "Habt ihr euch mal die Überstundenkonten angeguckt? Wenn man wirklich mal die Zahlen nebeneinanderlegt, ist das so nicht richtig."
Müssen wir mehr arbeiten? Expertin verweist auf Arbeitsverdichtung und psychische Erkrankungen
Hölzle leitet das renommierte Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart und sagt: "Ja, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland hat abgenommen. Ja, in Griechenland wird mehr gearbeitet." Aber man müsse auch fragen: "Ist eine Arbeitsstunde in einem Land wirklich dieselbe wie eine Arbeitsstunde in einem anderen Land?"
Sie wies darauf hin, dass in Deutschland die Arbeitsverdichtung "ganz stark zugenommen" habe. Und: "Wir wissen, dass der Anteil an psychischen Erkrankungen aufgrund von Arbeit ganz stark zugenommen hat." Sie verwies darauf, dass laut Statistischem Bundesamt 2021 bundesweit 123,3 Millionen Krankentage angefallen seien. Ein Plus von 90 Prozent innerhalb von 15 Jahren.
Kanzleramtsminister kritisiert Fokus auf "Work-Life-Balance"
Zuletzt hatte zum Beispiel Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) erklärt, die Deutschen dürften bei aller "Work-Life-Balance" die Arbeit nicht aus dem Blick verlieren. In der Schweiz beispielsweise arbeiteten die Menschen "200 Stunden mehr als wir Deutschen". Das sei im Hinblick auf das angestrebte Wirtschaftswachstum problematisch, sagte der CDU-Politiker aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis.
Auch Grünen-Regierungschef Kretschmann findet, dass die Deutschen zu viel frei haben, und kann sich etwa die Abschaffung eines Feiertags vorstellen. "In Krisen muss man schlichtweg mehr arbeiten", so der Grünen-Politiker.
Expertin hält "Generationen-Bashing" beim Thema Arbeit für falsch
Hölzle verwies darauf, dass bei internationalen Ranglisten zu den jährlichen Arbeitsstunden, bei denen die Deutschen auf den hinteren Plätzen landen, die hohe Teilzeitquote in der Bundesrepublik oft falsch gewichtet und dadurch das Ranking verfälscht werde. Eigentlich stehe Deutschland im Mittelfeld.
Die Expertin hält auch die Diskussion über eine angeblich arbeitsfaule junge Generation für abwegig. "Sich hinzustellen und gerade über die junge Generation zu schimpfen, die angeblich nur noch Vier-Tage-Woche haben will und immer nur über Work-Life-Balance nachdenkt, das stimmt schon mal gerade gar nicht. Das erlebe ich bei 40-jährigen und bei 60-jährigen Mitarbeitenden genauso. Also: Bitte kein Generationen-Bashing aufmachen."
Arbeitsmoral der Deutschen: "Wir haben da schon ein Thema"
Die Forscherin, die auch Technologiebeauftragte der BW-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist, sagte, stattdessen müsse es darum gehen, "dass wir intelligenter und besser arbeiten und nicht einfach nur mehr". Sie sieht aber auch das Problem, welchen Stellenwert Arbeit für viele Menschen hat. "Ich kann da auch im Dreieck springen. Also wenn ich durch mein Institut gehe an einem Donnerstagnachmittag um 17 Uhr, und die Labore sind eigentlich leer. Dann denke ich mir: Was ist denn hier los?" Sie frage sich dann: "Halten deine Mitarbeitenden dir da gerade den Spiegel vor?" Deswegen müsse sie sagen: "Wir haben da schon ein Thema."
Hölzle findet: "Wir brauchen schon dieses andere Arbeitsverständnis." Sie höre häufig: "Arbeit mach‘ ich, weil ich Geld verdienen muss." Viele steckten dann ihr ganze Energie nur in ihr Hobby, weil das ihnen wirklich Spaß mache. Das sei insbesondere dann problematisch, wenn man den Anspruch habe, dass die Arbeit auch immer besser entlohnt werden müsse.
Transformation erfordert neue Arbeitsweisen und KI-Einsatz
Hölzle, die in Stuttgart auch als Professorin am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement lehrt und den Ex-Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) beraten hat, empfahl mehr Flexibilität und Bereitschaft für neue Arbeitsweisen: "Denn wir stehen vor der Transformation, und wir werden die nicht schaffen, wenn wir sagen, wir machen alles so weiter wie bisher so. Und deswegen brauchen wir tatsächlich auch ein bisschen mehr Ideen und ein bisschen mehr Gedankenleistung."
Die Unternehmen müssten sich öfter die Frage stellen: "Was brauchen wir von den Menschen? Wie setzen wir die Maschinenintelligenz ein? Und wie setzen wir die Menschen intelligent ein?" Um mehr Flexibilität zu ermöglichen und mehr Teilzeit-Beschäftigte in Vollzeit zu bekommen, müssten aber unter anderem die Angebote für Kinderbetreuung deutlich ausgebaut werden. Sie sprach sich auch für steuerliche Anreize aus, wenn jemand bereit ist, seine Arbeitszeit aufzustocken.
Leidensdruck jetzt stark genug? Innovationsforscherin fordert: "Deutsche Autokonzerne müssen in Krise endlich zusammenarbeiten"
Im Autoland BW sind wegen der Krise bis zu 60.000 Jobs in Gefahr. Die Wirtschaftsexpertin Katharina Hölzle hofft, dass der steigende Leidensdruck auch positive Folgen hat.
Auch BW-Manager skeptisch bei reiner Mehrarbeit
Auch Firmenchefs in BW sind skeptisch, was reine Mehrarbeit angeht. "Es geht nicht darum, dass wir stur mehr arbeiten, sondern dass wir flexibler, intelligenter und effizienter arbeiten", sagte Hartmut Jenner, Chef von Kärcher in Winnenden (Rems-Murr-Kreis), der "Stuttgarter Zeitung". Er dringt auf weniger Berichtspflichten, Steuerentlastungen für Unternehmen und niedrigere Energie- und Lohnnebenkosten.
Auch der Chef des Maschinenbauers Dürr in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg), Jochen Weyrauch, sagte dem Blatt: "Man kann nicht pauschal sagen, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Damit wird man vielen Menschen nicht gerecht, die sich im Job engagieren." Weyrauch sprach sich für eine höhere Lebensarbeitszeit aus.