Teilzeit nur noch, wenn es eine besondere Begründung oder einen Anlass gibt, etwa Kindererziehung oder Pflegefälle - so lautet der Vorschlag der Mittelstandsvereinigung, also dem Wirtschaftsflügel der CDU. Das Land brauche wieder mehr Menschen, die Vollzeit arbeiteten, bei einer Rekordzahl von Teilzeitjobs gebe es so etwas wie einen "Teilzeit-Lifestyle".
Reaktionen von Gewerkschaften aus BW auf die Teilzeit-Debatte
Weder ver.di in Baden-Württemberg noch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sind begeistert vom Vorstoß. Ver.di-Landesbezirksleiterin Maike Schollenberger sagte, damit würde man drastisch in die Freiheit der Menschen eingreifen. Jeder müsse selbst entscheiden können, wieviel er oder sie arbeiten möchte - und vor allem: kann. Viele reduzierten ihre Arbeitszeit zum Beispiel im Pflegebereich und auch in den Kliniken sozusagen vorausschauend, weil die Arbeit körperlich und auch psychisch belastend sei und die Beschäftigten schauten, dass sie bis zur Rente gesund bleiben und arbeiten könnten, so Schollenberger.
Vom DGB in BW heißt es, Teilzeit sei für Millionen Menschen kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, Kinder und Angehörigenpflege unter einen Hut zu bringen, wobei ja genau das die Faktoren sind, wo nach dem Willen der CDU weiterhin das Recht auf Teilzeit gelten soll.
Das sagen Arbeitgeber aus BW zu Teilzeit
Beim Badischen Mittelstandsverband (wvib) heißt es, dass es richtig sei, dass laut dem Vorstoß jeder weiterhin ein Recht habe, wenn er Angehörige pflege oder Kinder erziehe. "Wir brauchen dringend jede Arbeitskraft, die zur Verfügung steht, um unseren Wohlstand zu halten." Wenn ein Arbeitnehmer ohne Angabe von Gründen seine Arbeitszeit reduzieren möchte, obwohl man ihn mit einer vollen Stelle eingeplant habe, könne das für Unternehmen ein Problem sein, sagt der wvib - und das belaste die Solidargemeinschaft.
Ähnlich hat sich der Verband der Familienunternehmer in BW zum Thema Teilzeit geäußert. Die Debatte, warum in Deutschland im internationalen Vergleich weniger gearbeitet wird, müsse tatsächlich geführt werden. Es wäre jedoch sinnvoller, Steuern und Abgaben in den Blick zu nehmen - die steigen bei Mehrarbeit. Eine grundsätzliche Reform des Systems würde echte Anreize für Mehrarbeit setzen. Denn wer Menschen zur Mehrarbeit motivieren wolle, müsse attraktive Rahmenbedingungen schaffen, so der Verband der Familienunternehmen in BW.
Wirtschaftswissenschaftler: "Politik muss Rahmenbedingungen gestalten"
Enzo Weber, Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sagt im Interview mit SWR-Kultur: "In den nächsten 15 Jahren verlieren wir rein aus Alterungsgründen sieben Millionen Arbeitskräfte (...) Das heißt, es ist schon richtig, wir brauchen die Arbeitsstunden. Aber Aufgabe von Politik ist es dabei nicht, den Menschen Ansagen zu machen, wie lange sie denn nun arbeiten sollen, sondern Politik muss die Rahmenbedingungen gestalten, muss Anreize verbessern, muss Unterstützung bereitstellen."
Laut Weber muss darauf geschaut werden, wo eigentlich die Hürden im Weg stehen: "Warum bleiben Frauen zum Beispiel in der Teilzeitfalle? In Deutschland leisten wir uns Minijobs, die sagen, arbeite so wenig wie möglich, dann bist du komplett steuer- und abgabenfrei. Solange wir sowas haben, brauchen wir andere Debatten eigentlich gar nicht zu führen", sagt Weber.
Sozialwissenschaftler warnt vor Begriff "Lifestyle-Teilzeit"
Stefan Sell, Sozialwissenschaftler und Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz, sagte zum Thema Teilzeit im Interview von SWR1: "Die meisten tun das nicht, weil sie jetzt in der Hängematte liegen wollen, sondern weil sie gesellschaftlich sehr wertvolle Arbeit verrichten - auch wenn sie keine Verpflichtungen haben, was Kinder angeht oder eigene pflegebedürftige Angehörige."
Sell nennt ein Beispiel: "Wir haben viel Teilzeitarbeit in den Pflegeberufen und da sagen mir viele Pflegekräfte, selbst wenn sie wollen, sie können gar nicht unter den heute herrschenden Arbeitsbedingungen eine 40-Stunden-Woche leisten. Sie arbeiten 30 Stunden, denn mehr schaffen sie nicht, sie können einfach nicht mehr arbeiten. Also insofern muss man wirklich dringend davor warnen, dass sich dieser Begriff der "Lifestyle-Teilzeit" jetzt verselbstständigt", sagt der Sozialwissenschaftler Sell.