Aufgehebelte Türen, eingeschlagene Scheiben, geleerte Opferstöcke, zerfetzte Gebetbücher und Fäkalien in Beichtstühlen: Neue Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen, dass 2024 in Hunderten von Fällen in Kirchen und Kapellen eingebrochen und Vandalismus betrieben wurde - zwar gab es weniger Fälle als in den Jahren zuvor, die Schäden aber bleiben hoch.
Die Zahlen gehen aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion hervorgeht. Betroffen sind neben Dorfkapellen, Stadtkirchen und Klöstern auch Pfarrhäuser und kirchliche Verwaltungsräume. Delikte in diesen Gebäuden werden seit 2020 erfasst.
Zahl gemeldeter Fälle rückgängig - Schäden weiter hoch
Laut der Statistik geht die Zahl der Fälle an und in Kirchen leicht zurück. Für das Jahr 2024 wurden 734 Straftaten registriert - davon 379 Diebstähle und 216 Sachbeschädigungen. Insgesamt ist das der niedrigste Wert seit fünf Jahren. Der finanzielle Schaden lag insgesamt bei rund 275.000 Euro. In etwas mehr als jedem vierten Fall wurde ein Verdächtiger ermittelt.
Bei den Kapellen hingegen haben die Straftaten 2024 zugenommen: Mit 115 Fällen sind das rund 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Hier wurde nur jeder sechste Fall gelöst. Pfarrhäuser und vor allem Klöster sind vergleichsweise seltener betroffen.
Für Gemeindehäuser, Außenanlagen und Verwaltungsräume sank die Zahl der gemeldeten Fälle 2024 zwar leicht auf 189, die Schadenssumme stieg jedoch deutlich an auf rund 853.000 Euro - 20-mal so viel wie im Vorjahr. Welche Fälle die hohen Kosten verursachten, ist bislang unklar.
Angriffe auf Symbol der Toleranz Regenbogen-Bank in Bad Waldsee erneut Ziel von Vandalismus
Die vor einer Kirche aufgestellte Regenbogen-Bank in Bad Waldsee ist erneut von Unbekannten beschädigt worden. Trotz wiederholter Angriffe hält die katholische Gemeinde an der Bank fest.
Innenministerium: Keine Hinweise auf negative Entwicklung
Trotz teils hoher Schäden spricht das baden-württembergische Innenministerium insgesamt von einer stabilen Lage. Es gebe keine Hinweise auf einen generellen Verlust des gesellschaftlichen Respekts gegenüber religiösen Symbolen und Kulturgütern im Land.
Bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gibt es laut Oberkirchenrat Christian Schuler weniger Meldungen aus den Gemeinden. "Bei verlässlich geöffneten Kirchen sind in der Regel Personen zur Aufsicht eingeteilt", erklärt Schuler. Viele Kirchen seien verschlossen, wenn keine Veranstaltung stattfinde.
Die katholische Kirche hatte sich dagegen auf bundesweiter Ebene zuletzt über zunehmend härteren Vandalismus beklagt. "Was geradezu eskaliert, ist die Qualität der Kirchenvandalismen. Hier sind inzwischen sämtliche Tabus gefallen", sagte ein Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz der "Rheinischen Post" im August. Seit einigen Jahren registriere man eine "verschärfte Dimension": Zigarettenstummel würden vor Andachtsbildern abgelegt, Gebet- und Gesangbücher beschädigt, Kirchenbänke umgestoßen. Zudem sei von einem Dunkelfeld nicht erfasster Fälle auszugehen.
Mehrere Kirchen ausgeraubt Mutmaßlicher Opferstock-Dieb im Bodenseekreis ermittelt
Er soll sich in Kirchen am Bodensee an Opferstöcken bedient haben. Die Polizei hat einen 36-Jährigen ausgemacht, der für die Diebstähle verantwortlich sein soll.
Erzdiözese: Schließungen bauen Barrieren auf
Aus Sicht der FDP belasteten die Vorfälle viele Gemeinden. "Kirchen sind vielen Menschen nicht nur heilig - sie sind Räume des Schutzes, des Friedens, des Trostes und der Gemeinschaft. Vandalismus in Kirchen ist damit ein doppelter Frevel", sagt der Fraktionssprecher für Kirchen, Tim Kern.
Michael Hertl, Sprecher der Erzdiözese Freiburg, verweist ebenfalls auf die Folgen: "Kirchen sind geweihte Orte. Sie grenzen sich von säkularen Räumen ab", sagt er, "das ist Einbrechern oft ebenso wenig bewusst wie die spirituelle Betroffenheit, die sie mit ihrer Tat erzeugen." Kirchen sollten offene Orte sein und bleiben. "Wenn sie sich nun entscheiden, tagsüber zu schließen oder sich abzusichern, baut das Barrieren auf, die schädlich sein können", so Hertl.
Wie sich Gemeinden schützen
In Baden-Württemberg reagieren viele Kirchengemeinden auf Diebstähle und Vandalismus mit einer Mischung aus Technik, Organisation und enger Zusammenarbeit mit den Behörden. In besonders gefährdeten Kirchen gibt es zudem gesicherte Aufbewahrungsorte für wertvolle Gegenstände. Diese Maßnahmen sollen nicht nur den materiellen Schaden begrenzen, sondern auch die Atmosphäre der Kirchen als Orte der Andacht bewahren.