Fiona Kearns ist 33 Jahre alt und kommt aus dem US-Bundesstaat Florida. Dass sie als Biophysikerin zu Infektionskrankheiten forscht, ist nur ein Grund, warum sich ihr Leben seit der erneuten Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten drastisch verändert hat. Ein weiterer Grund: Fiona ist bisexuell. "Das sind zwei Dinge, die von der Trump-Regierung attackiert werden". Die junge Frau hat Angst, dass sie deswegen in ihrer Heimat körperliche Gewalt erfahren oder ihren Job verlieren könnte, mit Einbußen bei ihrer Karriere rechnen muss, wenn sie ihre Meinung zu offen äußert.
Flucht vor Trump: Neues Leben in Freiburg
Nun wagt Kearns den Schritt an die Öffentlichkeit. Seit sechs Wochen lebt sie in Freiburg. Als Wissenschaftlerin hat sie eine Stelle als Juniorprofessorin an der Universität gefunden - und fühlt sich hier sicher und wohl.
"Nachdem ich nach Freiburg gekommen bin und auch andere Städte in Europa besucht habe, ist mir aufgefallen, wie viele Menschen offen homosexuell leben. Paare, die Händchen halten und das stolz zeigen. Aufgefallen ist es mir deshalb, weil es in einem krassen Kontrast zu dem steht, was aktuell in den USA passiert."
Hasskriminalität gegen queere Menschen
Schilderungen, die sich mit denen von Sieglinde Lemke decken. Sie ist Professorin für Nordamerikastudien an der Universität Freiburg und verfolgt die Auswirkungen der Trump-Politik seit seiner Amtseinführung im Januar ganz genau. Vor allem queere Menschen leben in dem sogenannten "land of the free" - dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten - heute in Angst.
"Aus diesen ganzen Anfeindungen, die es jetzt verschärft gibt - entsteht auch vermehrt Hasskriminalität gegen schwule, lesbische, queere, nonbinäre und trans Menschen. Die Suizidrate unter amerikanischen trans- und queeren Jugendlichen ist jüngst angestiegen. Umfragen zufolge denken 40 Prozent der queeren und 50 Prozent der trans Jugendlichen darüber nach, Selbstmord zu begehen", zitiert Lemke eine Umfrage zur mentalen Gesundheit bei queeren Jugendlichen. Die Angst sei also durchaus nicht unbegründet, so Lemke - die mit Blick über den großen Teich von "einer beginnenden Diktatur spricht".
Fiona Kearns berichtet von Menschen, die ihre Pronomen wieder geändert haben, sich wieder verstecken und versuchen, entweder in sichere Bundesstaaten zu ziehen oder die USA ganz zu verlassen.
Es wird Angst geschürt und damit wird Politik gemacht.
Einwanderungen aus den USA im ersten Halbjahr
Laut Statistischem Bundesamt zogen im Jahr 2023 insgesamt rund 14.900 US-Amerikanerinnen und -Amerikaner nach Deutschland. Bis einschließlich Juli dieses Jahres sind bereits 8.050 Menschen aus den USA nach Deutschland eingewandert. Mit deutschen Rückkehrerinnen und Rückkehrern waren es bis Ende Juli insgesamt 12.297 Menschen, so die Zahlen des Statistischen Bundesamts.
Trumps Kampf gegen die Wissenschaften
Auch Universitäten und Forschungseinrichtungen sind von den drastischen Maßnahmen der Trump-Regierung betroffen: Fördermittel werden gekürzt oder vollständig eingefroren, massenweise Fachpersonal entlassen und einige Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung werden von der Regierung als unwahr verkauft. "75 Prozent der jungen Wissenschaftler*innen in den USA überlegen sich, ihre Karriere im Ausland fortzuführen", so Lemke.
Es fühlt sich eher so an, als hätte mein Zuhause mich verlassen.
Der Abschied von ihrer Heimat und ihrer Familie in den USA ist Fiona Kearns nicht leicht gefallen. "Es war eine wirklich schwere Entscheidung, mein Zuhause zu verlassen. Aber es fühlt sich eher so an, als hätte mein Zuhause mich verlassen und sich gegen mich und viele Menschen wie mich gewandt", erzählt die 33-Jährige mit Tränen in den Augen. Kearns ist mit einem Mann verheiratet - ihren Partner musste sie vorerst in den USA zurücklassen.
Bisher hatte nur ein Teil ihres Umfelds von ihrer Bisexualität gewusst, weil einige Homosexualität kritisch gegenüberstehen. Im Rahmen des Interviews fasste sie den Mut, ihre Bisexualität öffentlich zu machen. "Ich finde, dass es in diesem Zusammenhang für die Leute wichtig ist, zu verstehen, woher ich komme, wenn ich über meine Ängste spreche", so Kearns.
Proteste in den USA machen ihr Hoffnung
In diesen beängstigenden Zeiten gibt es trotzdem noch viele Menschen, die Kearns Hoffnung machen. "Es gibt so viele Communities in den Vereinigten Staaten, die absolut wundervoll sind. Wenn man sich zum Beispiel die Portland-Proteste anschaut, bei denen sich Leute verkleidet haben […]. Das sind die Menschen, die mir so viel Hoffnung schenken."