Vor 70 Jahren haben Italien und Deutschland ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. Die "Gastarbeiter" sollten eigentlich nur ein paar Monate bleiben. Aber die meisten sind hier am Bodensee, in Oberschwaben und im Allgäu sesshaft geworden.
Rückblick auf die erste Zeit als "Gastarbeiter"
Mario Napoletano ist einer der Italiener, die es nach Deutschland zog. Als junger Mann kam er nach Deutschland. Heute lebt der Rentner mit seiner Frau in Singen im Kreis Konstanz: "Das ist meine Heimat geworden", sagt Napoletano. Mit 83 Jahren blickt er auf die erste Zeit als "Gastarbeiter" in Singen zurück.
Der gelernte Maurer arbeitete zunächst bei verschiedenen Bauunternehmen. Später war er Fernfahrer und dann lange Jahre bis zum Ruhestand in der "Alu" beschäftigt. So nennen die Singener bis heute das ehemalige Aluminiumwalzwerk.
Anwerbeabkommen ermöglicht Arbeit in Deutschland
Das sogenannte Anwerbeabkommen hatte den Weg für Napoletano und seine Landsleute nach Deutschland ermöglicht. Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten der damalige Bundesminister für Arbeit, Anton Storch, und sein italienischer Amtskollege, Gaetano Martino, in Rom die Vereinbarung. Dadurch erhielten Italienerinnen und Italiener das Recht, in Deutschland zu arbeiten.
"Nach dem Zweiten Weltkrieg war die wirtschaftliche Lage in Italien desaströs", erläutert die Konstanzer Historikerin Daniela Schilhab. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Deshalb förderte der italienische Staat die Auswanderung, unter anderem nach Deutschland. Hier nahm die Wirtschaft immer mehr Fahrt auf. Dabei arbeiteten am Bodensee bereits seit den 1860er-Jahren die sogenannten "Transalpini", Menschen aus Norditalien, die zunächst beim Eisenbahnbau eine Beschäftigung fanden. Zeitweise lebten damals laut Schilhab rund 700 Italiener in Singen und Konstanz.
Wirtschaftswunder auch dank "Gastarbeitern"
Mario Napoletano kam erst hundert Jahre später nach Singen. Sein ältester Bruder hatte dort bereits eine Stelle gefunden. Er holte Mario und einen weiteren Bruder nach. Die drei waren in Firmo groß geworden, einem Dorf in Kalabrien. "Ich war Maurer und hatte in Italien während der Sommermonate viel zu tun", erzählt Napoletano.
Aber im Winter sei das Leben nicht so gut gewesen. Außerdem verdiente man in Deutschland besser. Wie Napoletano zog es in den Jahrzehnten nach Abschluss den Anwerbeabkommens hunderttausende Italienerinnen und Italiener nach Deutschland. Das deutsche Wirtschaftswunder ist auch ihnen zu verdanken.
Anfangs war der Aufenthalt auf einige Monate befristet, sagt Daniela Schilhab. Erlaubt sei die Einreise nur in größeren Kontingenten und per Eisenbahn gewesen. "Benvenuti in Germania!", wurden im Mai 1960 die ersten 350 Italiener begrüßt, die in Singen aus dem Zug aus Neapel stiegen: "Willkommen in Deutschland!"
Italiener waren nicht überall willkommen
Doch viele mussten erleben, dass sie nicht überall willkommen waren, sagt Schilhab: "Ich habe bei meinen Recherchen immer wieder von Rassismus, Mietwucher und Schikanen gehört." Die hygienischen Verhältnisse, unter denen die Italiener leben mussten, seien teilweise erbärmlich gewesen. Sogar von Ratten, die die Kinder gebissen haben, wurde ihr berichtet.
Doch es gab auch die andere Seite: Die Caritas in Singen etwa unterstützte die Ankömmlinge nach Kräften bei Behördengängen oder der Wohnungssuche. Und oftmals gelang die Integration rasch. So sagt Mario Napoletano: "Ich war immer willkommen!"
Mario Napoletano nahm deutsche Staatsbürgerschaft an
Der 83-Jährige hat sich früh entschieden, in Deutschland zu bleiben. Nachdem er seine Frau Doris geheiratet hatte und der erste Sohn geboren war, nahm Napoletano sogar die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Den Lebensabend verbringen er und seine Frau Doris Napoletano in Singen. Für Mario Napoletano und viele andere Italienerinnen und Italiener gilt daher, was Historikerin Schilhab so auf den Punkt bringt: "Aus sogenannten 'Gastarbeitern' wurden Mitbürger."