Im Regen von Bern schoss Helmut Rahn Deutschland 1954 zum ersten Weltmeistertitel. Als entscheidender Vorteil auf dem matschigen Spielfeld gelten die Schraubstollen, die die Nationalelf an den Schuhen hatten. Hergestellt und mitentwickelt wurden sie in Mengen (Kreis Sigmaringen).
Das Wunder von Bern auch das Wunder einer Firma aus Mengen
Die Firma Schlösser ist eigentlich auf Dichtungen spezialisiert. Heute liefert sie zum Beispiel Teile für den Sanitärbereich. Aber auch an die Automobilindustrie oder die Medizintechnik. 1954 zählt auch Adidas zum Kundenkreis. Und der Firmengründer Adolf Dassler ist zu dieser Zeit auch Zeugwart der deutschen Nationalmannschaft. Für die WM in der Schweiz tüftelt er an einer kleinen aber letztendlich vielleicht entscheidenden Geheimwaffe: Schraubstollen. Und dafür sucht er Hilfe in Mengen.
Hier kommt der Großvater der heutigen Geschäftsführerin Rebecca Adams ins Spiel: Manfred Bok. "Er saß mit Herrn Dassler gemeinsam in seinem Wohnzimmer in Herzogenaurach, wo die Entwicklung dieser Stollen passiert ist", erzählt sie. Denn die Schraubstollen bestehen damals, wie die Dichtungen der Firma Schlösser, aus gestanzten Lederringen.
Schraubstollen im Vorteil gegenüber Nagelstollen
Stollen unter Fußballschuhen sind an sich schon damals keine neue Erfindung. Neu ist das Schraubgewinde. Denn außer der deutschen Mannschaft haben alle anderen Nationen noch Nagelstollen unter den Sohlen. Der größte Nachteil: Sie bleiben insbesondere bei Nässe im Rasen stecken und lösen sich von den Schuhen. Die Spieler verlieren den Halt. Auf dem regennassen Rasen im Endspiel von Bern verschafft das der deutschen Mannschaft möglicherweise den entscheidenden Vorteil.
Adolf Dassler war nicht der erste, der auf die Idee mit den Schraubstollen gekommen ist. Aber er hat sie nach dem WM-Sieg am erfolgreichsten vermarkten können. Der damalige Geschäftsführer von Schlösser, Manfred Bok, machte erst gar keine Anstalten seine Mitarbeit an den Stollen rechtlich geltend zu machen, sagt Rebecca Adams. Er sei ohnehin bescheiden gewesen.
Dabei hat Manfred Bok als Geschäftsführer im damals noch kleinen Unternehmen selbst Hand angelegt. "Er nannte seine Hände die Weltmeisterhände", sagt seine Enkelin. "Er war weniger stolz dass es so ein großes Event war. Es war mehr die Tatsache, was er geschaffen hatte. Und dass es ihm möglich war, sowas mitauszutüfteln. Er hat ein schönes Leuchten in den Augen gehabt, als er über die Zeit gesprochen hat."
Die Maschinen, mit denen damals die Lederringe für die Stollen ausgestanzt wurden, sind bei der Firma Schlösser heute noch im Einsatz. Die letzten Überbleibsel aus der Zeit, denn in der Werkhalle stehen inzwischen auch vollautomatische Anlagen. "Was sich nicht verändert hat ist, dass wir unsere Teile standardmäßig per Stanze produzieren. Das heißt wir nehmen Werkzeuge, haben unterschiedliche Materialien und fertigen daraus Teile von der Stückzahl eins bis mehrere Millionen", sagt Geschäftsführer Andreas Adams.
Firma Schlösser in Mengen heute noch Stolz auf die Geschichte
Was sich ebenfalls nicht verändert hat: Nach wie vor sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stolz auf den Beitrag des Unternehmens zum Wunder von Bern. "Eine Geschichte prägt ein Unternehmen", sagt Rebecca Adams. In diesem Fall ist es ein Stück Fußballgeschichte. Und das Wunder von Bern auch ein bisschen das Wunder von Mengen.