Ein Landwirt in Kressbronn (Bodenseekreis) erzeugt mit seiner Photovoltaik-Anlage über einem Apfelfeld bereits seit mehreren Jahren Strom. Jetzt baut er die Anlage aus. Mit einem feierlichen Spatenstich in Anwesenheit des damaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) hatte das Projekt 2022 begonnen: Landwirt Hubert Bernhard ließ auf 0,4 Hektar eine Agri-Photovoltaik-Anlage in seinen Apfelgärten in Kressbronn am Bodensee errichten. 200.000 Euro investierte er selbst, weitere 200.000 Euro kamen vom Land Baden-Württemberg. Anfangs sei die Agri-PV-Anlage zum Teil belächelt worden, sogar von Experten. Inzwischen hat sich das Projekt für den Obstbauern als Erfolg erwiesen – vor allem aus zwei Gründen.
Bessere Erträge durch Agri-Photovoltaik im Obstanbau
Zum einen führt die Überdachung durch die Solarmodule auf dem sechs Meter hohen Stahlgerüst laut Bernhard zu besseren Ernten im Apfelanbau. Die Solarmodule schützten die Früchte vor Hagel, Hitze, Starkregen und Frost. Gleichzeitig verdunste unter dem Solardach weniger Wasser, wodurch 30 bis 40 Prozent weniger bewässert werden muss, erklärt der Landwirt. Zudem sei es unter der Anlage trockener, weshalb rund 70 Prozent weniger Fungizide gegen Pilze eingesetzt würden.
Hubert Bernhard bereitet der Klimawandel Sorgen. Es gebe in der Zukunft deutlich mehr Fröste, Hagel und Trockenheit.
Ich weiß nicht, wo das hingeht in den nächsten 20 Jahren. Meine Tochter ist auf dem Betrieb und die muss auch eine Chance haben.
Solarstrom als zweites finanzielles Standbein für Landwirte
Neben besseren Erträgen bringt die Agri-PV-Anlage auch zusätzliche Einnahmen durch Solarstrom, sagt Bernhards Tochter Sina.
Durch den Strom ist das natürlich eine weitere Einnahmequelle, die man auch gut planen kann, anders als jetzt mit dem Obst und mit dem Hopfen.
Bei dem Solarstrom wüssten sie genau, wie viel sie im Jahr verdienen und was sie davon auch wieder in den Betrieb investieren könnten, so Sina Bernhard. Während die erste Agri-Photovoltaik-Anlage mit insgesamt 400.000 Euro noch zur Hälfte vom Land gefördert wurde, finanziert Bernhard den Ausbau nun selbst. Rund 1,5 Millionen Euro investiert der Landwirt in die neue Anlage.
Direktleitung für Solarstrom zum Obst-Logistikzentrum
Der erzeugte Solarstrom soll über eine Direktleitung zum rund 400 Meter entfernten Logistikzentrum BayWa-Obst fließen. Dort werden Äpfel und andere Früchte energieintensiv gelagert und verpackt. Durch die direkte Stromversorgung entfallen Netzentgelte und Steuern auf den Solarstrom. Das sei für beide Seiten wirtschaftlich attraktiv, erklärt BayWa-Standortleiter Markus Bestfleisch gegenüber dem SWR. Das sei schon ein Sonderfall.
Wir haben hier die Ausgangslage, dass wir einen Erzeuger haben, direkt in unserer Nachbarschaft, und mit uns einen Betrieb, der diese Strommenge auch abnehmen kann.
Agri-PV nicht für jeden Betrieb geeignet
Trotz der Vorteile eigne sich Agri-Photovoltaik nicht für jeden Hof, erklärt Solar-Unternehmer Mark Kugel. Der Mitbegründer der Firma Sonntag Energy baut gemeinsam mit Helfern des Maschinenrings Tettnang derzeit neun weitere Agri-PV-Anlagen in der Bodenseeregion.
Landwirte, die den Strom nicht per Direktleitung vermarkten könnten, seien auf einen nahegelegenen Anschluss ans öffentliche Stromnetz angewiesen. Außerdem rechne sich eine Agri-Photovoltaik-Anlage laut Kugel nur mit Batteriespeicher. Darin könne tagsüber erzeugte Solarenergie gespeichert und nachts oder an sonnenarmen Tagen ins Netz eingespeist werden.
Großes Interesse an Agri-Photovoltaik am Bodensee
Die Agri-PV-Anlage in Kressbronn im Bodenseekreis stoße inzwischen auf großes Interesse. Seit dem Bau der ersten Anlage im Jahr 2022 hätten sich Dutzende Landwirte bei Hubert Bernhard informiert, erzählt er. Auch internationale Besucher schauten sich das Projekt an, beispielsweise aus Südtirol.