Immer mehr junge Menschen bräuchten einen Platz in einer Pflegefamilie, auch unbegleitete, minderjährige Geflüchtete. Aber es gibt nicht genug Menschen, die Pflegeeltern sein wollen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg und der Jugendhilfeverein "Arkade e.V." möchten mit dem Positivbeispiel der Pflegefamilie Gerdes aus dem Deggenhausertal (Bodenseekreis) Interessierten Mut machen, einen jungen Menschen bei sich aufzunehmen.
Cornelia und Hans-Peter Gerdes zögerten nicht, als die Anfrage kam, ob sie einen Jugendlichen aus Afghanistan aufnehmen können. Und seither lebt der 18 Jahre alte Aziz Latifi bei ihnen in Obersiggingen, einem Ortsteil der Gemeinde Deggenhausertal. Mit 15 war er aus Afghanistan geflohen, sein Vater wollte ihn an die Taliban übergeben, so erzählt er es. Seine Mutter sei da schon viele Jahre tot gewesen.
Seit 20 Jahren sind die Gerdes Pflegeeltern
Pflegeeltern wie Cornelia und Hans-Peter Gerdes sind für die Jugendhilfe ein Glücksfall, so "Arkade e.V.", wegen ihrer Offenheit, aber vor allem wegen ihrer Erfahrung. Seit 20 Jahren schon nehmen die beiden Pflegekinder bei sich auf. Derzeit leben neben Aziz Latifi drei weitere Jungen bei den Gerdes.
Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gibt es in Baden-Württemberg derzeit rund 4.700 unbegleitete, minderjährige Ausländer (UMA). Nur 300 von ihnen sind in Pflegefamilien untergebracht. Zu wenig, so Daniela Hänle-Kroh von "Arkade e.V." gegenüber dem SWR, denn Integration gelinge am besten in Familien.
Mehr Pflegefamilien durch bessere Unterstützung?
Hänle-Kroh begleitet Pflegefamilien bei der Betreuung von Kindern, die nicht bei ihren eigenen Eltern leben können. Sie hilft zum Beispiel bei der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, aber auch bei Konflikten, die in den Pflegefamilien auftreten. Eine solche enge Begleitung gebe es nicht standardmäßig für Pflegefamilien, so "Arkade e.V.". Das müsse sich ändern, fordert der Jugendhilfeverein. Denn je besser Pflegefamilien unterstützt würden, desto eher könnten sich Menschen vorstellen, ein Pflegekind aufzunehmen.
Eine weitere Forderung von Paritätischem Wohlfahrtsverband und "Arkade e.V.": Pflegeeltern sollen rechtlich besser gestellt werden. So sollten sie einen Anspruch auf Elterngeld erhalten, auch die Altersvorsorge müsse verbessert werden.
Für die Pflegefamilie Gerdes war es ein inneres Anliegen, Kindern in Not zu helfen. Es sei eine Lebensaufgabe. 14 Pflegekinder hat das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hat, im Laufe der Zeit betreut.
Ich habe selbst eine schwere Kindheit gehabt, ich weiß, wie das ist, und kann deswegen gut helfen.
Mit der Hilfe der Familie Gerdes hat Aziz Latifi inzwischen einen Ausbildungsplatz als Küchenhilfe im örtlichen Gasthof gefunden. Auf diesem Weg holt er gleichzeitig seinen Schulabschluss nach und will später Koch werden.
Pflegeeltern wollen Aziz in jedem Fall bei sich behalten
Ob er aber in Deutschland bleiben darf, das weiß er nicht. Auch seinen Platz in der Pflegefamilie wird der Staat nicht mehr lange finanzieren, immerhin ist er volljährig. Vorstellen will Aziz Latifi sich das noch nicht. "Mama und Papa helfen mir immer", sagt der 18-Jährige. Er könne die Sprache noch nicht gut genug, verstehe die deutsche Kultur nicht immer. "Es muss nicht das eigene Kind sein, um zu sagen: 'ich hab dich lieb'", so Cornelia Gerdes. Aziz Latifi wird bei ihnen bleiben dürfen, so lange er möchte, sagt sie.