Rund 1.800 Reiterinnen und Reiter sowie tausende Pilger: Sie sind alljährlich beim Blutritt in Weingarten dabei. Am Freitagvormittag sind sie wieder durch die Stadt gezogen. Im Mittelpunkt der Prozession stand eine Reliquie, die der Überlieferung nach einen Blutstropfen Jesu enthält. Sie wurde vor der Weingartener Barockbasilika, die Teil des ehemaligen Weingartener Klosters ist, dem Heilig-Blut-Reiter übergeben.
Die Prozession hatte Wetterglück. Zwar war der Himmel meist wolkenverhangen, doch es blieb trocken in Weingarten. Die meisten Blutreitergruppen waren in Frack und Zylinder unterwegs, nur wenige hatten Regenjacken übergezogen.
95 Blutreitergruppen aus der Region Bodensee-Oberschwaben nahmen an der traditionsreichen Prozession teil. Sie wurden wie immer von ihren örtlichen Musikkapellen durch die Innenstadt begleitet.
Ein Besucher aus der Region Lörrach zeigte sich gegenüber dem SWR beeindruckt von der Größe der Prozession. Andere Zuschauer beschrieben die Atmosphäre als friedlich, feierlich und gemeinschaftlich geprägt. Für viele Menschen aus Weingarten gehört der Blutfreitag seit Jahren fest dazu.
Gasgeruch beim Blutritt wahrgenommen
Zwischenzeitlich hatte es im Bereich des Klosterhofs Aufregung gegeben. Dort war am Ende des Prozessionswegs Gasgeruch wahrgenommen worden. Blutreitergruppen und Musikkapellen, die sich bereits auf dem Rückweg befanden, mussten kurzzeitig gestoppt werden. Messungen der Feuerwehr ergaben nach Angaben der Stadt Weingarten jedoch keine Hinweise auf einen Gasaustritt. Der Alarm wurde wieder aufgehoben. Ansonsten verlief die Reiterprozession nach Angaben der Stadt Weingarten ohne Zwischenfälle.
Bischof erlebt den Blutritt zum ersten Mal
Erstmals erlebte der neue Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Klaus Krämer, den Blutritt in Weingarten. Er zeigte sich beeindruckt von der Atmosphäre und der großen Beteiligung: Die fast 100 Reitergruppen und die positive Stimmung seien überwältigend, sagte er dem SWR. Er hoffe, dass vom Blutritt ein positiver Impuls für Kirche und Gesellschaft ausgehe.
Zu den prominenten Teilnehmern gehörte in diesem Jahr auch Baden-Württembergs neuer Innenminister Manuel Hagel (CDU). Er ist mit seiner Blutreitergruppe aus Kirchbierlingen (Alb-Donau-Kreis) mitgeritten und verbrachte damit seinen ersten Arbeitstag als Minister auf dem Pferderücken.
Vor dem Start sagte Hagel mit Blick auf den Ritt augenzwinkernd, das Wichtigste sei zunächst, im Sattel zu bleiben. Gleichzeitig betonte er den religiösen Charakter der Wallfahrt. Der Blutritt sei für ihn ein Hochfest des Glaubens und auch familiäre Tradition: Schon sein Großvater sei Blutreiter gewesen, er selbst habe die Prozession bereits als Kind besucht.
Basilikapfarrer Ekkehard Schmid hat sich beim Probereiten verletzt
Viele Jahre lang war es immer Basilikapfarrer Ekkehard Schmid, der beim Blutritt die Reliquie getragen hat. Doch in diesem Jahr war das nicht möglich. Schmid war kürzlich beim Probereiten vom Pferd gestürzt und hatte sich einen Lendenwirbel gebrochen, teilte die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit.
Pater Pirmin Meyer ist deshalb eingesprungen. Auch er ist ein erfahrener Reliquienträger. Als ehemaliger Prior hat er das Heilige Blut schon mehrfach auf dem Pferd durch die Stadt und angrenzenden Feldwege getragen, bis das Kloster 2010 geschlossen wurde.
Wie sieht die Heilig-Blut-Reliquie aus?
Die Reliquie wird seit über 900 Jahren verehrt und liegt das Jahr über im Altar der Basilika. Es handelt sich um ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Kreuz, das in der Mitte einen Bergkristall hat. Hinter diesem befindet sich ein kleines Röhrchen, das der Überlieferung nach Erde mit einem Blutstropfen Jesu Christi enthält. Der Blutritt ist ursprünglich eine reine Männerprozession gewesen. Seit 2020 reiten auch Frauen mit.
Zum Blutritt kommen jedes Jahr auch Ehrengäste, die die Prozession vom Balkon des Weingartner Rathauses aus verfolgen. Dieses Jahr war Günther Oettinger (CDU) da, ehemaliges Mitglied und Vizepräsident der Europäischen Kommission und ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
Blutreitergruppen mit Nachwuchssorgen
Viele Blutreitergruppen haben zunehmend Probleme, Pferde oder Reiterinnen und Reiter zu finden. So haben sich in diesem Jahr mehrere Blutreitergruppen zusammengeschlossen. Mochenwangen (Kreis Ravensburg) oder Renhardsweiler (Kreis Sigmaringen) beispielsweise reiten nicht mehr eigenständig, sondern haben sich mit Gruppen aus der näheren Umgebung zusammengetan.
Mit dabei war auch eine Abordnung aus Mantua, der italienischen Partnerstadt von Weingarten. Die Heilig-Blut-Reliquie war ursprünglich in Mantua aufbewahrt worden, bevor sie vor 900 Jahren nach Weingarten kam.
Eine anspruchsvolle Aufgabe hat beim Blutritt die Polizei. Aufgrund der großen Menschenmengen und möglicher Terroranschläge hatte sie zusammen mit der Stadt wieder ein strenges Sicherheitskonzept erstellt. So wurden viele Zufahrten durch Lastwagen und Baufahrzeuge versperrt. Zudem setzte die Polizei zur Überwachung des zehn Kilometer langen Reiterprozessionswegs Drohnen ein.
Neu: Blutritt kindgerecht erklärt und QR-Codes für Pilgerinnen und Pilger
In diesem Jahr gab es ein neues Angebot für Kinder. An zwei Schulen wurde der Blutfreitag kindgerecht erklärt. An einer Schule ist der Blutreiter vorbeigeritten und segnete die Kinder, teilte ein Sprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit.
Neu war außerdem eine bessere Orientierung für Besucher. Über QR-Codes konnten Standorte, Zeiten und Gebetsorte digital abgerufen werden. Das war vor allem für auswärtige Pilger eine Erleichterung.
Weil viele der Blutreiter bereits an Christi Himmelfahrt angereist sind, stellte die Stadt Weingarten eine Tiefgarage für die Unterbringung der Tiere zur Verfügung. Andere Pferde kamen samt ihren Reiterinnen und Reitern in Privatquartieren unter, etwa auf umliegenden Bauernhöfen.