Viele Menschen trauten ihren Augen nicht, als am Dienstag in Sipplingen (Bodenseekreis) ein schweres Hitzegewitter mit Hagelschauer niederging. Dabei fielen Hagelkörner in so großer Zahl vom Himmel, dass die Straßen komplett weiß waren. "Der Hagel floss die Straße hinunter, in Massen", berichtete ein Touristen-Paar dem SWR. Die Hagelkörner seien bis zu fünf Zentimeter groß gewesen und bis zu einem halben Meter hoch auf den Straßen gelegen, sagte die Feuerwehr dem SWR.
- Wie entsteht Hagel?
- Warum entsteht Hagel meist bei Gewittern?
- Ist ein Hagelschauer wie am Bodensee normal?
- Was macht ein Hagelflieger?
- Gibt es Hagel-Hotspots in BW?
- Warum Hagel nur in einem Ort?
- Wie kurzfristig kann man Hagel vorhersagen?
- Extremes Wetter wie Hagel: Welche Rolle spielt der Klimawandel?
- Wer zahlt bei Hagelschaden?
- Ist Hagel gefährlich? Wie kann man sich schützen?
Wie entsteht Hagel?
Hagel entsteht in mächtigen Gewitterwolken, wenn Regentropfen gefrieren und durch Aufwinde in der Wolke immer wieder nach oben und unten transportiert werden, erklärt SWR-Wetterreporter Michael Kost. Diese bilden sich, wenn zwischen der Luft direkt über dem Boden und der Atmosphäre ein großer Temperaturunterschied herrscht. Während es am Boden heiß ist, herrschen in bis zu elf Kilometern Höhe eisige Minusgrade. Dadurch können sich innerhalb der Wolke starke Aufwinde bilden. Am warmen Erdboden verdampft Wasser, das in der kühlen Atmosphäre wieder kondensiert - also wieder flüssig wird. Durch die herrschenden Aufwinde werden die Wassertröpfchen höher getragen, bis sie zu Eiskristallen gefrieren. Das schwere Eisteilchen sinkt durch die Schwerkraft herab und wird durch die Aufwinde immer wieder nach oben geschleudert. Bei jedem Vorgang wächst die Eisschicht, die Körner werden größer und größer, bis sie schließlich zu schwer werden, um von den Aufwinden getragen zu werden. Sie fallen als Hagel hinunter.
Erst ab einem Durchmesser von 0,5 Zentimetern spricht man von Hagel. Darunter handelt es sich um Graupel.
Warum kommt Hagel meist bei Gewittern vor?
Hagel ist fast immer mit starken Gewittern verbunden und tritt vor allem im Sommer auf, wenn warme auf kalte Luft trifft, erklärt Kost.
Ist ein Hagelschauer wie am Bodensee normal?
Große Hagelschauer, wie der am Dienstag am Bodensee, kommen auch in Baden-Württemberg immer wieder vor. Für SWR-Wetterreporter Kost ist das somit kein außergewöhnliches Phänomen. "Hagel kann besonders im Spätfrühling und Sommer (Mai bis August) auftreten. Dies liegt daran, dass in dieser Zeit starke Gewitter und Schauer, die Hagel verursachen können, häufiger sind", so Kost.
2023 war eine Gewitterzelle über Reutlingen hinweggezogen. Die ein bis zwei Zentimeter großen Hagelkörner verstopften auch die Kanalisation, Straßen wurden überschwemmt. Ein Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes ordnete damals das Gewitter auch als "nicht außergewöhnlich" ein. Es habe sich um eine vergleichsweise kleine Zelle gehandelt, die sich erst kurz vor Reutlingen gebildet hatte.
Was macht ein Hagelflieger?
Hagelflieger sollen Wolken gegen große Hagelkörner "impfen". Die Piloten der Hagelabwehr fliegen bei Hagelgefahr zu Gewitterwolken auf und versprühen ein Silberjodid-Aceton-Gemisch. Dieses soll verhindern, dass sich in einer Gewitterzelle große Hagelkörner bilden und dafür sorgen, dass sich die Wolke stattdessen abregnet. So soll das Risiko für schwere Hagelschäden beispielsweise im Obst- und Weinbau oder an Immobilien reduziert werden. Betreut werden die Hagelflieger dabei von Wetterexperten. Eine solche Hagelabwehr gibt es in Baden-Württemberg zum Beispiel im Rems-Murr-Kreis, in der Ortenau, in Reutlingen oder im Schwarzwald-Baar-Kreis.
Der Einsatz von Hagelfliegern kostet viel Geld, doch der Nutzen ist umstritten. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die Methode wirklich funktioniert.
Gibt es Hagel-Hotspots in BW?
"Die geografische Lage und klimatischen Bedingungen spielen eine große Rolle bei der Hagelbildung", sagt Wetterexperte Kost. Auch lokale Wetterbedingungen und einzelne Ereignisse könnten die Hagelgefahr zusätzlich beeinflussen. Die Mittelgebirgsregionen seien für Gewitterbildung und Hagel besondere Orte in Baden-Württemberg. Ein Hagel-Hotspot in Baden-Württemberg sei außerdem der Schwarzwald, so Kost. Aufgrund seiner Lage und Topografie sei die Region besonders anfällig für Hagelstürme. Aber auch der Oberrhein und die Schwäbische Alb, ebenfalls ein Mittelgebirge, sind Gebiete, in denen häufiger Hagel auftritt.
Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt es eine Karte, die die Hagelzonen in Deutschland zeigt.
Warum hagelt es in einem Dorf und wenige Kilometer weiter ist es trocken?
An einem Ort heftiger Niederschlag oder Hagel und im Nachbardorf ist davon nichts zu sehen: "Das ist eben wie bei Gewittern", so Wetterexperte Kost. Auch die Gewitter treten meist lokal, also räumlich begrenzt auf.
So war es auch im Fall vom Hagelschauer in Sipplingen am Bodensee: "Im Hagelradar von 10:55 Uhr zeigen sich Hagelkorngrößen um vier Zentimeter im Wolkenbereich", teilte Marco Puckert vom Deutschen Wetterdienst auf SWR-Anfrage mit. Weil das Gewitter nur langsam weiterzog, kam es zu einer starken Hagelansammlung über dem Ort im Bodenseekreis: "Die Aufwinde in der Gewitterwolke waren zu diesem Zeitpunkt sehr stark, was aufgrund der geringen Zuggeschwindigkeit des Gewitters dazu führte, dass die dabei entstehenden Hagelkörner recht kleinräumig immer im selben Gebiet aus der Wolke nach unten gefallen sind."
Wie kurzfristig kann man Hagel vorhersagen? Gibt es Frühwarnsysteme?
Hagel sei wie Gewitter langfristig nicht vorhersagbar, erklärt Kost. Etwa zwei bis drei Stunden vorher sei es möglich, ein Gewitter und auch ob da Hagel dabei ist vorherzusagen. Aber wo exakt es dann entlang zieht, sei "unfassbar schwer" zu sagen. "Da ist selbst mit unseren Vorhersage-Methoden noch ganz viel Unschärfe dabei", so Kost.
Kommt ein solches Wetter-Phänomen häufiger vor als früher? Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Je heißer es in unserer Atmosphäre ist, je mehr Luftfeuchtigkeit darin vorkommt, desto mehr Energie steht in unserem Wettersystem, sagt SWR-Wetterreporter Kost. Daher kann man zumindest sagen: Je wärmer es wird, desto stärker können solche Gewitter sein.
Wer zahlt bei Hagelschaden am Auto oder Haus?
Wenn das eigene Auto, Haus oder anderer Besitz durch Hagel beschädigt wurde, zahlt das die entsprechende Versicherung. Die Wohngebäudeversicherung schützt das gesamte Wohngebäude einschließlich aller fest eingebauten Gegenstände unter anderem vor Schäden durch Feuer, Blitzschlag und Sturm (ab Windstärke 8) und Hagel. Schäden an Auto und Motorrad übernimmt die Kfz-Versicherung. Das deckt bereits die Teilkaskoversicherung ab. Die Hausratversicherung deckt alle Schäden der Einrichtung ab. Es wird empfohlen den Schaden gut zu dokumentieren, Zeitpunkt und Ort zu notieren, und den Schaden schnell bei der Versicherung zu melden.
Nach einem Unwetter Welche Versicherung zahlt den Schaden?
Nach dem Unwetter: abgedeckte Dächer, umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller oder Hagelschaden an Autos. Die Frage: Welche Versicherung kommt für welche Schäden auf?
Ist Hagel gefährlich? Wie kann man sich schützen?
Schon ab einem Durchmesser von zwei Zentimetern können Hagelkörner schwere Schäden beispielsweise an Gebäuden anrichten. Die meisten Hagelschäden entstehen unmittelbar durch die Wucht des Aufpralls der Hagelkörner auf Dächer und Fassaden, schreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Es rät dazu, Schutz in Gebäuden oder in Fahrzeugen zu suchen sowie Fenster, Türen und Dachfenster zu schließen.