50 Mitarbeiter vor unklarer Zukunft

Zu viel Bürokratie: Bei der Bäckerei Discher gehen die Öfen aus

Bürokratie, steigende Kosten und Personalmangel zwingen die Bäckerei Discher zur Aufgabe. Ende August schließen alle Filialen – ein Stück Öhringer Backkultur geht verloren.

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Von Autor/in Julian Küng

Seit Jahrzehnten steht Andreas Discher für traditionelles Bäckerhandwerk. Nun will er alle seine vier Betriebe in Öhringen (Hohenlohekreis) sowie in Langenbrettach und Gochsen (beide Kreis Heilbronn) Ende August schließen. Nicht aus Mangel an Leidenschaft, sondern wegen Personalmangels und wachsender Bürokratie. Rund 50 Arbeitsplätze sind von der Schließung betroffen. Dass andere Bäcker die Filialen übernehmen, hält Discher für unwahrscheinlich.

Umgeben von Mehlsäcken und dampfenden Backöfen steht Andreas Discher am Teigtrog. Jeder Griff sitzt, während er den Teig formt - auch wenn er selbst nur noch selten dazu kommt. "Das hat schon fast was Religiöses für mich", sagt der Bäckermeister dem SWR. Man versorge die Menschen mit dem Symbol des Lebens - dem Brot, schwärmt er über seine Berufung. Seit über drei Jahrzehnten ist er mit viel Herzblut Bäcker, angefangen hat er 1990 als Lehrling in einem Öhringer Betrieb.

Mittlerweile als Chef von insgesamt vier Filialen verbringt er allerdings die meiste Zeit einen Stock höher in seinem Büro - umgeben von Formularen, Ordnern und viel Bürokratie. Die Rahmenbedingungen seien "unhaltbar geworden", klagt er.

Andreas Discher ist meist im Büro zu finden, nur an den Wochenenden steht er gelegentlich in der Backstube.
Andreas Discher ist meist im Büro zu finden, nur an den Wochenenden steht er gelegentlich in der Backstube.

Bürokratie lähmt Bäckerei-Betriebe

Keinesfalls wegen fehlender Leidenschaft schließt Discher seine Filialen. Vielmehr sei das Bäckerhandwerk unter den aktuellen Bedingungen wirtschaftlich nicht mehr lohnenswert - vor allem aufgrund der immer weiter ausufernden Bürokratie. Eine lange Liste von Vorschriften erschwere den Arbeitsalltag, so Discher. Zu den neuesten Regelungen zählt unter anderem ein neues Verpackungsgesetz sowie Schutzvorgaben für den Import von Kaffeebohnen, die er als Bäcker erfüllen müsse - "obwohl ich selbst noch nie auf einer Kaffeeplantage war", moniert der 53-Jährige.

Denn auch die Personalgewinnung ist ein großes Problem. Junge Leute für das Handwerk zu begeistern, sei schwierig geworden. Und mit dem Ausscheiden langjähriger Mitarbeiter ging jüngst zusätzlich fachliche Qualität verloren. Discher steht in Öhringen für Handwerksqualität und Kontinuität. Als Nachfolger des renommierten Bäckermeisters Adolf Hammel übernahm er 2008 dessen Betriebe und führte sie gemeinsam mit seiner Frau Meike weiter - in fünfter Generation einer Bäckerfamilie, deren Wurzeln bis ins Jahr 1904 reichen.

Wenn die Politik uns einfach mal machen lassen würde, wäre der Beruf wieder topaktuell und auch attraktiv für junge Menschen.

Mit der Bäckerei Discher geht auch ein sozialer Knotenpunkt in der Innenstadt von Öhringen verloren.
Mit der Bäckerei Discher geht auch ein sozialer Knotenpunkt in der Innenstadt von Öhringen verloren.

Schmerzlicher Verlust für die Stammkunden

Mit dem Aus des Handwerksbetriebs verliert die Region nicht nur eine traditionsreiche Bäckerei, sondern auch ein Stück Kulturgut, heißt es bei den Stammkunden. Simone Schmitt etwa kommt jede Mittagspause vorbei – für sie ist es "eine kulturelle Vollkatastrophe". Auch Ursula Glöckner schaut täglich auf ein Schwätzchen vorbei bei Discher: "Wir werden sie vermissen", sagt sie. Auch Stammkunde Andreas Strak bedauert die Schließung: "Das machte einen Teil der Seele von Hohenlohe aus. Wenn so etwas verloren geht, ist das wirklich schade."

Wie die Zukunft bei der Familie Discher aussieht, will er noch offen lassen. Nach der Abwicklung des Unternehmens will er sich zunächst eine mehrmonatige Auszeit gönnen. "Meine Frau und ich sind noch jung, wir möchten noch etwas tun", sagt der 53-Jährige. Angebote gebe es genug: in der Produktentwicklung, als Berater für Unternehmen oder auch wieder in einer Backstube - denn an Leidenschaft und Herzblut für den traditionsreichen Beruf mangelt es ihm keinesfalls: "Ich habe Bäcker gelernt und nicht Verwaltung", bringt der Bäcker seinen Ärger auf den Punkt.

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Julian Küng