Moderatorin Collien Fernandes hat eine bundesweite öffentliche Debatte um digitale Gewalt angestoßen. Ausgangspunkt sind Vorwürfe, ihr Ex-Mann Christian Ulmen habe Fake-Profile mit pornografischen Inhalten über sie erstellt. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Wie mit digitaler Gewalt umgegangen wird und was ihre Ursachen sind, beschäftigt auch Selin (Name geändert) aus Heilbronn.
Die 44-jährige berichtet, heimlich von ihrem Ex-Partner fotografiert und ins Internet gestellt worden zu sein. Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass eine entsprechende Anzeige vorliegt. Die Ermittlungen dauern an, auch für ihren Ex-Partner gilt im Strafverfahren die Unschuldsvermutung.
Frau aus Heilbronn ungeahnt nackt im Internet?
15 Jahre seien sie ein Paar gewesen, verheiratet, hätten ein gemeinsames Kind. "Wir waren so verliebt, dachte ich zumindest", sagt die Frau, die wir Selin nennen. Sie möchte anonym bleiben - aus Angst vor Anfeindungen und um ihr Kind zu schützen.
Wir waren so verliebt, dachte ich zumindest.
2022 habe Selin zufällig Chats auf dem Handy ihres damaligen Partners entdeckt - mit fremden Männern. Darin intime Fotos von ihr, erzählt sie, die teils im Alltag entstanden seien, ohne ihr Wissen. "Er hat mich fotografiert, wenn ich mich umgezogen habe oder nach dem Geschlechtsverkehr."
Auch persönliche Daten wie ihr Name und Wohnort seien weitergegeben worden.
Vorwurf: Nacktbilder an fremde Männer, Motiv unklar
"Ich wäre nie darauf gekommen, dass er so etwas macht", sagt die 44-Jährige mit türkischem Migrationshintergrund über die mutmaßliche Tat ihres Ex-Partners. Nach außen sei er immer "der nette deutsche Nachbar" gewesen.
Warum ihr Ex-Partner wohl so gehandelt haben soll, könne sich Selin nicht erklären, sagt sie. Ihrer Einschätzung nach sei es nicht um Geld gegangen. Vielmehr habe er es wohl zu seiner eigenen sexuellen Befriedigung getan. In den Chats soll er sie fremden Männern angeboten und beschrieben haben, "was man mit mir alles machen kann".
Auf SWR-Anfrage: Ex-Partner möchte sich nicht äußern
Wochenlang verlässt sie kaum das Haus, bricht soziale Kontakte ab, erzählt Selin. "Ich habe mich so geschämt, ich dachte, jeder könnte diese Bilder gesehen haben." Erst nach zweieinhalb Jahren vertraut sie sich ihren Freunden und ihrer Familie an.
Auf Anfrage des SWR teilte der Ex-Partner mit, dass er sich zu den Vorwürfen wegen der laufenden Ermittlungen nicht äußern möchte.
Weißer Ring meldet vermehrte Zahlen digitaler Gewalt
Mutmaßliche Fälle wie dieser sind kein Einzelfall. Der Weiße Ring in Heilbronn berichtet von steigenden Zahlen. Leiter Dieter Ackermann sagt, dass seit Jahresbeginn rund 23 Fälle digitaler Gewalt betreut wurden - etwa jede fünfte Beratung.
"Die Dunkelziffer ist deutlich höher", so Ackermann. Viele Betroffene meldeten sich aus Scham nicht.
Rechtslage schwierig: Polizei erwartet neue Regelungen
Die rechtliche Einordnung ist häufig kompliziert. Laut Behörden ist die "Digitale Gewalt" kein eigener Straftatbestand, sondern beschreibt die Art, wie eine Tat begangen wird. Die Tat, die statistisch erfasst wird, ist dann oft ein anderes Delikt wie Stalking, Verleumdung oder Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild.
Je nach Fall greifen unterschiedliche Gesetze. In der Statistik werden diese Fälle unter den jeweiligen Straftatbeständen erfasst - nicht als "Digitale Gewalt". Deshalb lässt sich auch nicht genau sagen, wie viele Fälle es in der Region gibt.
Ein Sprecher der Polizei Heilbronn geht aber davon aus, dass der Gesetzgeber die rechtliche Lage zur digitalen Gewalt künftig klarer regeln wird. Grund dafür sei die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema.