Tag der Arbeit am 1. Mai

Vier Tage arbeiten, drei Tage frei? Wie sich Heilbronner die Work-Life-Balance vorstellen

Mehr Freizeit, flexiblere Arbeitszeiten, weniger Stress - das wünschen sich derzeit viele Menschen. Doch wie sieht die richtige Balance aus? Heilbronner haben ihre Meinung.

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Von Autor/in Ulrike Schirmer

Es klingt verlockend: Vier Tag arbeiten, drei Tage einfach mal leben. Doch passt die Vier-Tage-Woche wirklich zur Realität in Deutschland? Begriffe wie Arbeitszeit, Freizeit und Teilzeit schwirren gerade durch die Köpfe der Menschen - auch vor dem Hintergrund stetiger politischer Diskussionen. Und während die einen - auch in Heilbronn-Franken - sich nach mehr Zeit für Familie, Freunde und Freizeit sehnen, pochen die anderen auf mehr Fleiß.

"Work-Life-Balance": Der Traum von mehr Freiheit

Ob drei oder vier Tage arbeiten, 50 Prozent Teilzeit oder einfach nur eine Stunde weniger am Tag - die Wünsche der befragten Passantinnen und Passanten in Heilbronn fallen unterschiedlich aus. Doch ein Muster zieht sich durch fast alle Antworten: Die klassische Fünf-Tage-Woche hat für viele ausgedient.

Und so träumt, vielleicht gerade auch am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, so manch einer in Heilbronn von mehr Freiheit - und mehr Zeit für Hobbys, Reisen, Natur und Freunde. Oder wie diese junge Mutter, die meint: "Ich hab's schon perfekt" - 50 Prozent arbeiten und den Rest der Zeit sei sie eben Hausfrau und Mama. Ein anderer wünscht sich:

Wenn der Tag fünf Stunden mehr hätte, das würde schon reichen.

Zumindest auf den ersten Blick hat der Wunsch nach Zeit in der nicht repräsentativen SWR-Umfrage die Oberhand. Denn mit Blick auf die Vier-Tage-Woche kommen auch Sorgen auf: Wächst der Leistungsdruck? Einige befürchten, dass die gleiche Arbeit einfach in weniger Zeit erledigt werden müsste. Stress statt Entlastung - trotz eines zusätzlichen freien Tages?

Die Menschen wünschen sich mehr Freizeit. Aber wie sieht die richtige Work-Life-Balance genau aus?
Die Menschen wünschen sich mehr Freizeit. Aber wie sieht die richtige Work-Life-Balance genau aus? Ulrike Schirmer

Vier-Tage-Woche im Praxistest: Zwischen Hype und Realität

Dass die Diskussion längst nicht nur theoretisch ist, zeigen aktuelle Studien. 2024 haben 45 Unternehmen in Deutschland die Vier-Tage-Woche getestet. Das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Münster fiel damals deutlich aus: Rund 73 Prozent der teilnehmenden Unternehmen wollten das Modell beibehalten.

So auch eine Flaschnerei aus Widdern (Kreis Heilbronn). Chef Sascha Wagner hat in seinem Betrieb die Vier-Tage-Woche eingeführt - bei neun Stunden pro Tag und gleichem Lohn. Das Ergebnis aus Sicht des Betriebs: mehr Motivation und keine offenen Stellen mehr.

Die Erfahrung passte zu den Studienergebnissen: Wenn Prozesse klar organisiert sind, können weniger Arbeitstage sogar effizienter sein, hieß es. Und gleichzeitig zeigte sich, dass sich Beschäftigte an den freien Tagen sogar besser erholen. Bei der Folgestudie entschieden sich allerdings gut ein Drittel der Unternehmen dazu, nicht mit der Vier-Tage-Woche weiter zu machen. Also doch kein Modell für die Zukunft?

"Generation Teilzeit": Faul oder nur neu gedacht?

War die Vier-Tage-Woche vielleicht ein Strohfeuer? Ein Modell, dass ohnehin nicht bei jedem gut ankommt: Kritiker werfen vor allem jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vor, sie seien zu viel am Handy, zu wenig belastbar und würden Arbeit mit "Chillen" verwechseln.

Erst kürzlich hat Unternehmer Reinhold Würth aus Künzelsau (Hohenlohekreis) die Arbeitsmoral in Deutschland kritisiert. Er fordert mehr Leistungsbereitschaft - ähnlich wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der zuletzt vor einer sogenannten "Lifestyle-Teilzeit" warnte.

Künzelsau

Von der "Work-Life-Balance zur Life-Balance" Mehr Arbeit, mehr Fleiß? Unternehmer Würth kritisiert Arbeitsmoral

Mehr Fleiß in unsicheren Zeiten - der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth fordert, dass die Menschen sich hierzulande wieder mehr auf die Arbeit konzentrieren.

Viele Menschen sehen das aber grundlegend anders. Das zeigte sich bei einer Debatte zwischen jungen Menschen und ihren Firmenchefs in Stuttgart: Gerade die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten ihr Arbeitsverständnis neu geprägt - insbesondere durch die Corona-Pandemie. Homeoffice, ständige Erreichbarkeit und gleichzeitig der Versuch, Grenzen zu ziehen: Viele haben gelernt, dass Leistung nicht automatisch mit Anwesenheit zu tun hat.

Die große Frage: Gibt es die perfekte Work-Life-Balance überhaupt?

Bernd Michael Aunitz, Koordinator Prävention bei der AOK Heilbronn-Franken, ordnet die Debatte ein: Eine perfekte Work-Life-Balance sei kein festes Modell, sagt er, sondern sei immer individuell. Entscheidend sei, dass Arbeit und Erholung in einem gesunden Gleichgewicht stehen - angepasst an Lebensphase, Job und an die persönlichen Bedürfnisse.

Das muss nicht bedeuten, dass Arbeit und Freizeit exakt gleich viel Zeit einnehmen.

Die Forschung aus der Arbeitspsychologie zeige, dass Menschen Balance besonders dann empfinden, wenn sie Autonomie über ihre Zeit haben. Wer selbst bestimmen kann, wann und wie er arbeitet, empfinde eher ein echtes Gleichgewicht.

Heißt unterm Strich: Eine erfüllende Work-Life-Balance existiert - aber eine universelle Formel gibt es nicht. Auch braucht nicht jeder eine Vier-Tage-Woche. Aber viele wünschen sich mehr Flexibilität und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Kern der Diskussion.

Widdern

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