Der Gang zur Unfallstelle fällt Eugenia Schotter schwer. An dem schmalen, baufälligen Asphaltstück zwischen Schöntal-Marlach (Hohenlohekreis) und Erlenbach (Neckar-Odenwald-Kreis) verlor ihr zehnjähriger Sohn sein Leben. "Er war mein Herz, mein Leben, mein ganzer Sinn", sagt die alleinerziehende Mutter und ringt nach Worten.
Ende Mai kam es zu dem tragischen Unglück. Der zehnjährige Alexander saß damals mit seinem Rollstuhl in einem Behindertentaxi auf dem Weg nach Krautheim (Hohenlohekreis). Aus noch ungeklärten Gründen geriet das Fahrzeug in den Gegenverkehr und prallte frontal gegen einen Linienbus. Für den querschnittsgelähmten, körperlich und geistig beeinträchtigten Jungen kam jede Hilfe zu spät.
Das abschließende Unfallgutachten steht noch aus. Seine Mutter Eugenia blickt auf die marode Kreisstraße 2319, deren Gefahrenlage für sie offensichtlich ist: "Die Fahrbahn ist zu eng, es gibt keinen Platz für Fahrzeuge, keine Sicht. Hier hat es bereits mehrere Unfälle gegeben und dennoch wurde nichts verändert."
Weitere Unfälle auf der Kreisstraße 2319
Seit 2011 hat die Polizei auf dem Streckenabschnitt 27 Unfälle registriert, davon zwei mit tödlichem Ausgang. Offiziell erfüllt die Strecke nicht die enge Definition eines Unfallschwerpunkts, doch viele im 500-Seelen-Ort Marlach glauben, dass der baufällige Zustand der Straße zum Unglück beigetragen hat:
Auch Ralf Zürn, der direkt neben der baufälligen Strecke wohnt, findet klare Worte: "Es ist sehr unbefriedigend, als Bürger mitanzusehen, dass hier Menschen zu Schaden kommen und dass es dann ein zehnjähriger Junge ist. Das war der Anlass, bei dem das Fass fast überläuft."
Der Unmut der Bevölkerung ist deutlich spürbar.
Zürn kennt die Kreisstraße seit seiner Kindheit. "Das war früher nur ein Feldweg", erinnert sich der Heizungs- und Sanitärunternehmer. Irgendwann wurde geschottert, später eine schmale Teerschicht aufgetragen, nach und nach asphaltiert und erweitert. Heute gleicht die 5 bis 5,5 Meter schmale Straße einem Flickenteppich: Brüchiger Asphalt, kaum vorhandene Seitenstreifen, zahlreiche Schlaglöcher wurden nur notdürftig geflickt – ein umfassender Ausbau der Trasse steht bis heute aus. "Wir warten händeringend darauf, dass diese Straße endlich gemacht wird", schimpft Zürn.
Straßenausbau ist ein politisches Dauerversprechen
Der Ausbau der Marlacher Trasse befindet sich spätestens seit 2013 in Planung. Im Rahmen einer Bürgerbeteiligung mit Vertretern mehrerer Kommunen wurde die Strecke bereits früh als Schwerpunkt festgelegt, berichtet Thomas Schmitt, der in Marlach lebt und dem Gemeinderat Schöntal angehört. Der Baubeginn war für 2017 vorgesehen, doch acht Jahre später stecke das Projekt noch immer in der Planungsphase, moniert Schmitt. "Wir haben immer wieder angemahnt und darauf hingewiesen", doch passiert sei wenig.
Landratsamt erklärt die Ursachen der Bauverzögerung
Für die Kreisstraße 2319 ist das Landratsamt Hohenlohekreis zuständig. Die Verzögerung des Ausbaus sei auf zahlreiche andere Bauprojekte zurückzuführen, die vorrangig behandelt werden mussten, schreibt Sprecher Sascha Sprenger in einer Stellungnahme. Zudem wurde das Bauvorhaben im Laufe der Jahre erweitert: Geplant sei jetzt ein vollständiger Ausbau der Straße mit breiterer Fahrbahn sowie zusätzlichen Einrichtungen wie einer Bushaltestelle, einem Radweg und einer Abbiegespur. Vor allem der Erwerb der Grundstücke nehme viel Zeit in Anspruch, fügt Sprenger hinzu.
Gemeinde übernimmt Grundstücksverhandlungen
Klar ist aber auch, dass das Landratsamt personell nicht ausreichend aufgestellt war. Deshalb wandte es sich 2023 an die Gemeinde Schöntal mit der Bitte, die Grundstücksverhandlungen zu übernehmen, um das Bauvorhaben voranzubringen, wie der Schöntaler Bürgermeister Joachim Scholz (CDU) dem SWR erzählt. Seither nimmt die Planung Fahrt auf. Die "komplexen und zeitaufwendigen" Verhandlungen erfordern zwar etwas Geduld, aber mittlerweile stehe man in den letzten Zügen, sagt Scholz.
Zuletzt hat sich der Ausbau verzögert, weil noch zwei Grundstücksfragen offen waren. Eines davon gehört Ralf Zürn und umfasst 55 Quadratmeter. Verkaufen wollte er umgehend: "Ich habe von Anfang an klargestellt, dass ich bereit bin zu verkaufen. Ich möchte diesem Projekt keinesfalls im Weg stehen", betont der Marlacher Unternehmer.
Hoffnung auf Baubeginn im Jahr 2027 - vierzehn Jahre nach Planungsbeginn
Zürn wollte außerdem ein Vorkaufsrecht für ein anderes Grundstück und im Kaufvertrag war mehr Land enthalten als ursprünglich vereinbart. Deshalb wies Zürn das Dokument zurück, woraufhin der Vorgang ins Stocken geriet. "Nun ist aber alles in trockenen Tüchern", versichert Bürgermeister Joachim Scholz. Die letzten beiden Verträge liegen beim Notar. Der Schöntaler Bürgermeister zeigt sich zuversichtlich, dass die Bauarbeiten 2027 beginnen - vierzehn Jahre nach Beginn der Planung. Ob der Zeitplan diesmal eingehalten wird, bleibt abzuwarten.
Für Eugenia Schotter zählt jeder Tag. Ihr Sohn Alexander soll nicht umsonst gestorben sein. Aus seinem Schicksal soll etwas entstehen, das andere schützt und Leben rettet. Mit eindringlichen Worten appelliert sie an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung: "Machen Sie diese Straße sicher", fordert sie. "Jetzt. Nicht irgendwann."