Bis 2040 wird es in Baden-Württemberg deutlich mehr ältere Menschen geben. Das Durchschnittsalter steigt auf 45,4 Jahre an. Das zeigt eine aktuelle Berechnung des Statistischen Landesamtes. Datenjournalisten des SWR Data Lab haben die Zahlen ausgewertet - für sämtliche 1.100 Gemeinden.
Bad Mergentheim (Main-Tauber-Kreis) gehört schon lange zu den älteren Städten im Land und wird vermutlich auch in 15 Jahren mit einem prognostizierten Durchschnittsalter von 46,6 Jahren über dem Landesschnitt liegen. Als Altersruhesitz ist die Kurstadt seit Jahren gefragt - selbst bei "jungen Alten" um die 60.
Betreutes Wohnen trotz Beruf
Ursula Burkert hat sich für Bad Mergentheim entschieden. Sie war gerade 57, als sie im Oktober 2007 mit ihrem Mann in die Kurstadt zog, ins betreute Wohnen. "Da war ich noch berufstätig und stand noch voll im Saft", sagt sie. Aber es sei die richtige Entscheidung gewesen. Sie empfiehlt, sich schon ab Mitte 50 Gedanken zu machen, wo und wie man im Alter leben möchte.
In eine kleinere Wohnung zu ziehen, war befreiend.
Das Pfarrer-Ehepaar hatte das zu groß gewordene dreistöckige Haus mit Garten in Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis) aufgegeben und zog in eine Drei-Zimmer-Wohnung in der damals nigelnagelneuen Residenz am Kurpark in Bad Mergentheim. "Die Wohnanlage war etwas ganz Besonderes, es gab nichts Vergleichbares in der Stadt", schwärmt Ursula Burkert noch heute. Schnell hätten sie sich in ihrem neuen Zuhause mit dem großen Balkon und dem unverbaubaren Blick ins idyllische Taubertal wohlgefühlt. Es war "befreiend".
Die Residenz wurde wenige Jahre später um den Wohnpark Tauberland erweitert. 90 Wohnungen unterschiedlicher Größe gibt es, die Miete liegt bei acht bis zehn Euro pro Quadratmeter, dazu kommen Nebenkosten. Ein Hausmeister ist vor Ort, es gibt einen Nachtdienst, verschiedene Serviceleistungen und Angebote, die jeder nutzen kann, aber nicht muss.
Auch US-Bürger wollen nach Bad Mergentheim
"Die Residenz ist keine Pflegeeinrichtung", betont Geschäftsführerin Franziska von Stetten. Das Konzept unterscheide sich zu den beiden Residenzen Schloss Stetten und Künzelsau (Hohenlohekreis), die von der Familie seit Jahrzehnten geführt werden. Die Nachfrage in Bad Mergentheim sei konstant hoch, es gebe Wartelisten.
Interessierte kämen nicht nur aus der Umgebung, sondern aus ganz Deutschland und "sogar aus den USA" - aus unterschiedlichsten Gründen. Dass sich ein Mann für die Kurstadt entschieden hat, weil "hier die besten Temperaturen sind", sei aber wohl das kurioseste Argument gewesen. Die jüngste Bewohnerin ist derzeit 62 Jahre alt, der älteste 98 Jahre.
Wohnanlagen wie diese mit 120 ausschließlich älteren Menschen wirken sich natürlich auf die Statistik einer Stadt aus, so die Leiterin, "aber die Älteren sorgen auch für Kaufkraft in der Stadt".
Von der Stadt in die ländliche Region
Sylvia Koch ist vor viereinhalb Jahren von München ins Taubertal gezogen, kam mit gerade mal 62 Jahren in die Residenz. An Bad Mergentheim schätzt sie die gute Infrastruktur und Versorgung mit Krankenhaus, Fachkliniken und -Ärzten, aber auch die Einkaufsmöglichkeiten. Klein, übersichtlich sei Bad Mergentheim, alles fußläufig erreichbar. Und es passe die Mischung in der größten Stadt im Main-Tauber-Kreis: "Tagsüber sind die Älteren unterwegs und abends die jungen Studenten, da ist Leben!"
Es ist ein schwerer Schritt, alles loszulassen... aber uns beiden hat es gutgetan.
Auch Renate und Claus Plochmann aus Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) haben den Schritt nach Bad Mergentheim nicht bereut. In den sieben Monaten, seit sie nun in ihrer 84 Quadratmeter großen Wohnung leben, haben sie sich "überraschend schnell eingelebt und gleich Anschluss gefunden", sagen die beiden Neu-Mergentheimer übereinstimmend.
Von Anfang an habe es gepasst: "Wir sind hierher gekommen und haben gesagt: Das ist es!" Die Residenz, das Taubertal und Bad Mergentheim mit Kurpark und kulturellen Angeboten hätten sie überzeugt. Vor allem die Solymar-Therme und das Freibad in unmittelbarer Nachbarschaft genießen sie. "Es ist schon ein schwerer Schritt, alles loszulassen, was man lieb gewonnen hat", gibt Renate Plochmann zu, "aber uns beiden hat es gutgetan."
Die Mergentheimer seien feierfreudig, in der Stadt sei immer was los und auch auffallend viele junge Familien mit Kindern unterwegs.
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Stadt verzeichnet steigende Kinderzahlen
Tatsächlich verzeichnet Bad Mergentheim, eines der größten Kur- und Heilbäder im Land, steigende Kinderzahlen. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts rechnet die Stadt mit einem Spitzenwert von 1.200 Grundschülerinnen und Grundschülern. Für 20 Millionen Euro sei eine neue Grundschule gebaut worden, teilte die Stadt mit, jetzt werde der Ausbau der weiterführenden Schulen geplant.
Die Kommune stützt ihre Planungen auch auf den Familienbericht des Landkreises. Danach gehört Bad Mergentheim im Main-Tauber-Kreis zu den Städten mit einem der höchsten Anteile mit unter 18-Jährigen und mit einer der stärksten Wachstumsraten in dieser Altersgruppe.
Dennoch wird es dem landesweiten Trend entsprechend in Bad Mergentheim bis 2040 noch mehr Ältere geben als bislang. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes lebten 2023 in der Kurstadt rund 2.900 Menschen ab 75, in 15 Jahren könnten es etwa 3.700 sein - ein Plus von 28 Prozent.
Zukunft planen mit Plus-Minus-Liste
Für Ursula Burkert sind die Residenz und Bad Mergentheim ein "Ruhepol". "Schöner könnten wir's doch eigentlich gar nicht haben", hätten sie und ihr Mann, der vor vier Jahren gestorben ist, immer wieder gesagt. Als selbstständige Beraterin für Führungskräfte habe sie Menschen in der Lebensmitte ständig ermuntert, den dritten Lebensabschnitt zu planen, "am besten mit einer 'Plus-Minus-Liste', um zu wissen, welche Wohnform passe.
Nichts auf die lange Bank schieben und bloß nicht warten bis das Leben eine Antwort erzwinge, sagt sie. Das kann auch Sylvia Koch aus eigener Erfahrung empfehlen. "Weil ich fit bin, mache ich's jetzt gleich", sollte die Devise sein. Für sie wie für Ursula Burkert war die frühe Entscheidung für Bad Mergentheim "absolut richtig."