In den Heilbronner SLK-Kliniken läuft derzeit eine kleine Premiere: Zum ersten Mal arbeitet dort eine Physician Assistant (PA) im hochsensiblen Intensivbereich. Für viele Patientinnen und Patienten wirkt Caroline Wotsch auf den ersten Blick wie eine Ärztin. Tatsächlich gehört sie zu einem Berufsbild, das im deutschen Gesundheitswesen noch jung ist, sich aber vermutlich rasant etablieren wird.
Physician Assistant: Ein neuer Beruf am Patientenbett
Die 29-jährige Caroline Wotsch ist eine der ersten Master-Absolventinnen Deutschlands in diesem Bereich. Sie übernimmt viele Aufgaben, die früher fast ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren: Patientenuntersuchungen, Ultraschall, Punktionen oder das Legen von Kathetern.
Doch wichtig: Sie befindet sich immer in enger Abstimmung mit dem ärztlichen Team. Denn ihrer Arbeit sind klare Grenzen gesetzt, berichtet sie. Bestimmte Tätigkeiten seien dem Arzt oder der Ärztin vorbehalten.
Beispielsweise die Gabe von Bluttransfusionen, Indikationsstellungen oder Therapieentscheidungen. Das sind alles Sachen, die nur der Arzt machen darf.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen bespricht Caroline Wotsch im Anschluss immer mit einem Arzt oder einer Ärztin. Die Verantwortung bleibt dort. Doch auch wenn Physician Assistants keine Ärzte sind - sie dürfen deutlich mehr als klassische Pflegekräfte. Und ganz nebenbei: Auch der Verdienst von monatlich rund 5.500 Euro brutto sei deutlich besser als in der Pflege.
Rund 3.000 Physician Assistants in Praxen und Kliniken
Für Caroline Wotsch war auch das Gehalt bei der Berufswahl ausschlaggebend, aber auch die Mischung aus Verantwortung und Teamarbeit, die den Beruf attraktiv mache. "Man kann mit dem Patienten arbeiten, [...] es ist nicht dieses Aufgaben-Abarbeiten, sondern das aktive Mitdenken, medizinische Zusammenhänge verstehen und sehen." Es sei ein "Hand-in-Hand-Arbeiten mit der Pflege und mit den Ärzten zusammen".
Deutschlandweit arbeiten inzwischen rund 3.000 Physician Assistants in Praxen und Kliniken - Tendenz steigend. Wichtig vor allem vor dem Hintergrund, dass nach Einschätzung der Bundesärztekammer dem deutschen Gesundheitssystem durch den demografischen Wandel in den kommenden Jahren rund 100.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen könnten.
Und so ist die Idee hinter dem Berufsbild PA klar: Ärztinnen und Ärzte sollen sich stärker auf komplexe medizinische Entscheidungen konzentrieren können, während delegierbare Aufgaben vom Physician Assistant übernommen werden, erklärt Marcus Hennersdorf, Professor an den SLK-Kliniken.
Wir erkennen, dass eine wertvolle Entlastung des ärztlichen Personals stattfindet. Es werden Kapazitäten frei, die anderweitig eingesetzt werden können.
Billige Arbeitskraft? Entlastung für ein System unter Druck
Auch wirtschaftlich sei der Effekt relevant: Ein Arzt in Ausbildung kostet Kliniken im Schnitt etwa dreimal so viel wie ein Physician Assistant - bei deutlich längerer Ausbildungszeit. Die PAs sind also günstiger als Assistenz-Ärzte. Doch, so die Mahnung, das dürfe nicht dazu führen, dass man Ärztinnen und Ärzte wegspart.
So dynamisch der Beruf wächst, so unklar ist noch der rechtliche Rahmen. Gesundheitsökonom Jan-Marc Hodek von der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten kritisiert, die Studieninhalte seien noch nicht vereinheitlicht und es gebe bislang kein einheitliches Berufsrecht. Dadurch sei nicht klar geregelt, welche Aufgaben bundesweit verbindlich übernommen werden dürfen.
Aktuell definieren Kliniken und Praxen die Rolle selbst. Das wiederum sorge teils für Spannungen im Team, wenn Zuständigkeiten neu verteilt werden. Die Entwicklung ist dennoch eindeutig: Der Marburger Bund - nach eigenen Angaben der größte deutsche Ärzteverband - geht davon aus, dass sich die Zahl der Physician Assistants in den kommenden Jahren stark erhöhen könnte - langfristig auf bis zu 30.000.