Knapp 80 Schülerinnen und Schüler gehen derzeit allein in Schwäbisch Hall nicht zur Schule, sagt der Verein Lebendige Lernorte. Betroffen seien alle Stufen von der ersten bis zur dreizehnten Klasse. Bei den meisten seien psychische Probleme zusammen mit Leistungsdruck der Grund. Am Verständnis für den Schulstoff liegt es meistens nicht, sagt die Lehrerin Sina Rose, die auch ehrenamtlich im Verein hilft.
Wir reden oft von einem besonders schweren Rucksack, den die Kinder tragen. Psychische Belastungen, Sachen, die aus der Familie kommen, aber auch Dinge, die in der Schule passieren, wie Mobbing-Erfahrungen.
Ein Viertel aller Schüler mit psychischen Auffälligkeiten
Zahlen wie viele Schülerinnen und Schüler im Land die Schule ohne Abschluss verlassen, hat das Kultusministerium nicht. Eine Studie der Robert Bosch Stiftung hat kürzlich festgestellt, dass die psychische Belastung unter Schülern zunimmt. Ein Viertel aller Schüler leide unter psychischen Auffälligkeiten, heißt es.
Kultusministerium will gegensteuern
Auch Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) spricht von einem größer werdenden Problem. Die Ursachen dafür, dass Schülerinnen und Schüler längere Zeit wegen psychischer Probleme krank geschrieben werden oder die Schule sogar ganz ohne Abschluss verlassen, seien vielfältig. Das Ministerium arbeite derzeit an einer Strategie, Hilfen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte besser verfügbar zu machen.
"Habe gelernt es auszuhalten"
Ein Weg zum Wiedereinstieg ins Schulsystem können außerschulische Lernorte wie der Schwäbisch Haller Verein sein. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, zum Teil ausgebildete Pädagogen, bieten halbtags Hilfe beim Schulstoff und einen Austausch mit anderen Betroffenen an. Aber auch eher lockere Angebote wie gemeinsames Kochen oder handwerkliche Tätigkeiten ohne Leistungsdruck gibt es.
Für Schülerin Mai, deren vollen Namen wir auf Wunsch der Familie nicht nennen, sind die Menschen des Vereins zu einer zweiten Familie geworden. Die 15-Jährige ging zeitweise monatelang nicht zur Schule, hatte Panikattacken und musste wegen Mobbing-Erfahrungen psychische Hilfe in einer Klinik in Anspruch nehmen. Erst durch die Hilfe des Vereins macht sie zur Zeit ihre Prüfungen für den Hauptschulabschluss.
Ich habe gelernt, es auszuhalten, in die Schule zu gehen und dort zu bleiben, auch wenn ich eigentlich gar keinen Bock und gar keine Kraft mehr habe. Es trotzdem durchzuziehen, weil ich weiß, es ist Endeffekt doch gut für mich.
Verein will "Mut für den nächsten Schritt machen"
Kathleen Uttrodt hat ihren Job als verbeamtete Lehrerin gekündigt, um einen Ort für Schülerinnen und Schüler wie Mai zu schaffen. Der Bedarf ist da: die Grenzen der ehrenamtlichen Helfer sind bereits erreicht. Die Nachfrage nach Plätzen des Schwäbisch Haller Vereins ist groß. Viele Kinder und Jugendliche, die Uttrodt betreut, hätten bislang nicht den richtigen Rahmen gehabt, sagt die Leiterin des Vereins. Aber es sei toll, die Fortschritte zu sehen, wenn sie hier den richtigen Rahmen finden. Der Lebendige Lernort will für Kinder und Jugendliche ein Ort sein, um Mut für den nächsten Schritt zu finden. Nach ihrem Abschluss will Mai an die Realschule und später ein Ausbildung machen.