"Ein Freund, der sonst auch in Atomkraftwerken isoliert, hat den Ofen hier gerettet", sagt Geschäftsführerin Susanne Henkel sichtlich stolz. Mit diesem Ofen werden unter anderem die Stahlrohre der Liegen pulverbeschichtet. Eigentlich sollte die große Anlage nach langer Laufzeit durch ein neues Modell ersetzt werden. Doch Dinge einfach verschrotten, passt so gar nicht ins Konzept der Geschwister Henkel.
Seit Jahrzehnten produziert und modernisiert ihr Unternehmen Bade- und "Gesundheitsliegen" für Schwimmbäder und Privatpersonen. Die hat einmal der Großvater erfunden. Und nicht selten sind die Exemplare zur Aufbereitung schon 50 Jahre alt. Außerdem beschichten sie Teile für andere Kunden, unter anderem aus der Luftfahrtindustrie. Das Geschäft boomt. Vor allem aus Reha-Einrichtungen kommen viele Liegen-Aufträge. Mehr Umsatz will Henkel aber nicht machen, und das hat mehrere Gründe.
Die alten Fabrikhallen kühlen - von Termiten inspiriert
Man braucht schon eine Zeit von der Autobahn bis ins ländliche, kleine Forchtenberg-Ernsbach (Hohenlohekreis). Ausgerechnet hier, in einer von außen eher schmucklos wirkenden grünweißen Fabrik, entstehen seit Jahren clevere Ideen für mehr Profit und Nachhaltigkeit.
Wir orientieren uns nicht am Umsatzwachstum, das ist old school!
Statt auf den Umsatz schauen die 73-Jährige Susanne Henkel und ihr Team nach Möglichkeiten, in der Fertigung effizienter und umweltfreundlicher zu werden. So habe sie zum Beispiel bei Fischern in Polynesien gesehen, dass diese sich bei der Kühlung ihrer Hütten von Termiten inspirieren ließen. Diesen Kamineffekt nutzt sie jetzt für die Kühlung ihrer Hallen. Denn wir hätten nur eine Erde und die gelte es zu bewahren, so Henkel.
Ein weiterer Grund, warum Wachstum hier keine Priorität hat, sind negative Erfahrungen mit Stress und Abhängigkeit. Für einen Kunden wurde die Produktion bis zum Dreischichtbetrieb hochgefahren, dann sprang er plötzlich ab. Henkel wollte niemanden entlassen, qualifizierte die betroffenen Mitarbeitenden um. "Seitdem suchen wir unsere Kunden sorgfältig aus", betont die Chefin.
Keine Teile aus China
Unabhängigkeit ist den Henkels auch bei den Lieferanten wichtig. "Bei uns finden Sie keine Teile aus China", so die Chefin. Die Materialien kommen aus Europa, das Robinienholz der Armlehnen zum Beispiel aus Deutschland. Kürzere Transportwege bedeuteten nicht nur niedrigere Energiekosten, sondern auch weniger CO2.
Herzinfarkt führt zur Erfindung der "Gesundheitsliege"
Die Geschwister Susanne und Kai sind in der Firma aufgewachsen, haben als Kinder in der Halle gespielt und als Jugendliche Ferienjobs gemacht. Gegründet wurde das Unternehmen von ihrem Großvater Richard Henkel 1922 in Heilbronn. Er produzierte Jute-Säcke und später Jute-Planen für Lkw. Als Heilbronn im 2. Weltkrieg zerstört wurde, zog es die Henkels ins Kochertal. Richard Henkel überlebte 1948 einen Herzinfarkt. Bei der Reha in Baden-Baden bemerkte er, dass man dort nur sitzen oder liegen konnte. Wieder zurück im Betrieb entwickelte er die "Gesundheitsliege", ein Stahlrohrkonstrukt, welches mit einer Schnur bespannt ergonomisches Liegen ermöglichte.
In den 1960er Jahren übernahm Richards Sohn Uwe die Firma. Als der Mitte der 1990er ebenfalls nach einem Herzinfarkt aufhören wollte, stieg Susanne Henkel ein. Eigentlich hatte sie Jura studiert und arbeitete in einer Kanzlei. Schon damals im Umweltrecht. Bruder Kai ist seit 13 Jahren im Unternehmen, er ist ebenfalls Geschäftsführer und war vorher im Bankensektor tätig.
Susanne Henkel: "Wir brauchen wieder mehr, die mit Hirn und Hand arbeiten"
In vielen Unternehmen werde der Einkauf an den kurzfristigen Kosten gemessen, kritisiert Kai Henkel. Besser wäre es, wenn der gesamte Lebenszyklus berücksichtigt würde. Also zum Beispiel die Reparierbarkeit. So könne langfristig Geld gespart werden. Unternehmen wie Airbus hätten das erkannt.
Henkel hat rund 40 Mitarbeitende. Eine Herausforderung ist es, Handwerker zu finden. Zuletzt konnte eine Ukrainerin die Stelle als Näherin besetzen. "Bei uns arbeiten Menschen aus zwölf Nationen" sagt der 61-Jährige Kai Henkel. "Wir zahlen faire Löhne, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und trotzdem ist es schwer, Handwerker zu finden", ergänzt seine Schwester. In den Schulen müssten handwerkliche Berufe wieder einen anderen Stellenwert bekommen, wünschen sich die Geschwister.