Weisser Ring kritisiert Überheblichkeit

Die Scham der Opfer - warum das Umfeld so wichtig ist

Ob Betrug, Gewalt oder Missbrauch, viele Opfer gehen aus Scham nicht zur Polizei. Dabei spielt nicht selten das direkte Umfeld eine zentrale Rolle, mahnt der Weisse Ring Heilbronn.

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Von Autor/in Raphael Moos

Der Opferschutzverein "Der Weisse Ring Heilbronn" warnt davor, überheblich auf die Opfer von Straftaten zu reagieren. Auch im direkten Umfeld ist es anmaßend zu glauben, so etwas könne einem selbst nicht passieren, sagt der Vorsitzende des Weissen Rings Heilbronn Dieter Ackermann im SWR-Interview.

Da die Opfer sich häufig schämten, sei es wichtig zuzuhören, Empathie zu zeigen und zu einer Anzeige zu ermutigen. Doch allzu oft erleben die Opfer aus dem direkten Umfeld das Gegenteil, berichtet Ackermann aus der Praxis.

"Wie kann man so naiv und doof sein!"

So erzählten die Opfer in fast jeder Beratung nicht nur von der Tat, sondern auch von den Reaktionen der Familie und von Freunden. Gerade bei den zahlreichen Betrugsmaschen kämen nicht selten Vorwürfe, wie man so naiv und doof sein könne, berichtet Ackermann. Opfern von Sexualstraftaten oder häuslicher Gewalt werde zudem schnell eine Mitverantwortung suggeriert. Es würden dann Fragen gestellt wie: "Hast Du ihn provoziert?" Oder: "Warum bist Du nach der Disko überhaupt mitgegangen?".

Solche Reaktionen ausgerechnet von Menschen zu erfahren, die doch der wichtigste Rückhalt sein sollten, ist besonders hart, sagt die Professorin für Polizeiwissenschaften Daniela Pollich. Insbesondere da sich die Opfer durch die Tat meist sehr verletzlich fühlten.

Diese Reaktionen des Umfelds vergrößerten noch die Scham. Auch die Hürde, danach dann noch zur Polizei zu gehen, ist noch einmal höher, wenn schon die erste Anlaufstelle auf dieses Anvertrauen so negativ reagiere, erläutert die Forscherin.

Weisser Ring: Druck aus der eigenen Familie

"Scham ist eine Emotion, die sehr durch die Annahme geprägt ist, wie andere auf mein Verhalten reagieren", erklärt Pollich. Während die moralische Scham eher eine Art schlechtes Gewissen sei, gehe es bei der sozialen Scham um die Angst vor der Reaktion der anderen.

So kommt es bei Sexualstraftaten oder häuslicher Gewalt auch zu Druck aus der eigenen Familie. Gerade in kleineren Orten ist die Angst groß, ins Gerede zu kommen, berichtet Dieter Ackermann vom Weissen Ring Heilbronn.

Da sagt man einem missbrauchten Kind vielleicht: "Wenn wir jetzt zur Polizei gehen, kann der Opa nicht mehr zum Bäcker". Es gebe Frauen, die halten die Gewalt zu Hause aus, aus Angst, dass die Kinder nach einer Anzeige angesprochen werden könnten, ergänzt Daniela Pollich.

Täter nutzen die Scham

Auch viele Täterinnen und Täter arbeiten mit der Scham als Druckmittel. Sie versuchen, den Opfern klarzumachen, dass auch sie einen Anteil an der Tat hätten. Ein perfides Beispiel ist das Cybergrooming, sagt Pollich. Wenn Menschen, vor allem Kinder, mit Nacktbildern erpresst werden, die ihnen vorher im Internet entlockt wurden. Die sie vorher also mehr oder weniger freiwillig gesendet haben.

Stigma der Einsamkeit

Groß ist auch die Scham bei den Opfern des Love- oder Romance-Scams. Ackermann hat einige solcher Opfer beraten. Die Täter nutzten hierbei die Einsamkeit vieler Menschen brutal aus, sagt er. Zum Beispiel Menschen, die einen Partner verloren oder aufgrund anderer Umstände wenig soziale Kontakte haben.

Ihnen wird auf Internetportalen mit gefälschten Profilen eine Zuneigung vorgegaukelt. Irgendwann wird plötzlich dringend Geld gebraucht. Einige der teilweise verliebten Opfer zahlen mehrfach hohe Summen ins Ausland.

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Schon der Grund, Opfer eines solchen Betrugs zu werden, ist schambehaftet, sagt Polizeiforscherin Pollich. Niemand gebe gerne zu, so einsam zu sein. Zum finanziellen Schaden komme dann noch der Vertrauensverlust und die emotionale Enttäuschung. Die Polizei geht deshalb von einer hohen Dunkelziffer an Geschädigten aus.

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