In Neuenstein (Hohenlohekreis) ist seit Anfang Mai ein Mann spurlos verschwunden. Hubschrauber kreisten, Spürhunde wurden eingesetzt, das Waldgebiet durchkämmt, gefunden wurde er bisher nicht. Der 83-Jährige ist einer von zurzeit etwa 30 Vermissten in Baden-Württemberg, bei denen die Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung hofft. Öffentliche Fahndungsaufrufe werden in der Regel immer erst dann eingesetzt, wenn alles andere vergeblich war.
Landesweit werden jährlich über 11.000 Menschen als vermisst gemeldet. Etwa 8.000 davon sind Minderjährige. Die Hälfte der Fälle klärt sich innerhalb der ersten Wochen, der Rest innerhalb eines Jahres. Doch ein kleiner Teil bleibt auch auf Dauer verschwunden. Angehörige gehen durch eine schwere Zeit, doch das Umfeld kann unterstützen.
Psychotherapeutin: Trauern trotz Hoffnung wichtig und "erlaubt" für Angehörige
Stirbt ein Mensch, können wir trauern, abschließen und nach vorne schauen. Auch das Umfeld der Angehörigen kennt die Rituale, schickt Beileidsbekundungen, Geld und kommt zur Beisetzung. Im Fall von Vermissten ist das anders, sagt die Psychotherapeutin Barbara Preitler. Auf Seiten des Umfeldes herrscht Unsicherheit, was nicht selten dazu führt, dass sich beide Seiten zurückziehen.
"Ich kann doch die Nachbarin nicht jedes Mal fragen, gibt's was Neues von deiner Tochter", umschreibt es Walter Büttner. Er ist Vorsitzender des Vereins VerNie, der sich deutschlandweit um Angehörige kümmert. Dabei sei genau dieses Kontakthalten enorm wichtig. Ob auf dem Stadtfest oder im Sportverein, zu zeigen wir sind bei dir, versteck dich nicht.
Ein Weg, der Angehörigen helfen kann, sind Rituale. Der Verein VerNie pflanzt nach mehr als einem Jahr gemeinsam einen Baum, um einen Punkt zu setzen. Andere hängen bewusst ein Bild auf, erneuern immer wieder die Kerzen oder beten für die Person.
Rituale der Erinnerung setzen der Ohnmacht und Ungewissheit ein Handeln entgegen, sagt Preitler. Es sei wichtig, das bisherige Leben des Menschen hochzuhalten und zu würdigen. Auch dürfe trotz Hoffnung getrauert werden. Schon allein um die Zeit, die man jetzt nicht mit dem oder der Vermissten verbringen konnte.
Auch während der Suche: "Rechnungen laufen ja erstmal einfach weiter"
Vereine wie VerNie begleiten und beraten Angehörige auf unterschiedliche Art und Weise. Ehrenamtlich engagieren sich hier Anwälte, Psychologen, Ärzte und andere. Sie helfen bei der Zusammenstellung von Hinweisen, unterstützen bei der Suche nach Therapieplätzen, nehmen Akteneinsicht oder beraten in juristischen Fragen.
Denn wenn jemand vermisst wird, laufen Rechnungen meist erstmal weiter. Versicherungen, Krankenkasse, Miete, Kredite, da kommt oft viel auf einmal, sagt Walter Büttner. Zudem gibt es weiter spezialisierte Selbsthilfe-Vereine wie Anuas. Er richtet sich an Angehörige, bei denen der oder die Vermisste wahrscheinlich Opfer einer Straftat wurde.
Wie lange sucht die Polizei einen Vermissten?
Ob und wie intensiv die Polizei sucht, hängt von der vermuteten Gefahrenlage ab. Bei Kindern wird diese immer unterstellt. Bei Erwachsenen könnte es ja auch durchaus sein, dass sie freiwillig verschwunden sind. Hunde, Drohnen und Hubschrauber kommen zum Einsatz, wenn Eile geboten ist, bei Dunkelheit oder unzugänglichem Gelände. Manchmal müssen auch Taucher und Boote eingesetzt werden.
Mit was und wie lange gesucht wird, entscheidet die Polizei. In manchen Fällen eng abgestimmt mit der Staatsanwaltschaft. Die Kosten einer Suche trägt der Steuerzahler. Es gibt einige wenige Ausnahmen, zum Beispiel bei einer absichtlichen Falschmeldung oder wenn der Rettungseinsatz grob fahrlässig provoziert wurde. Im Fall des 83-Jährigen aus Neuenstein stellte die Polizei die intensive Suche nach 18 Tagen ein. Sollten sich neue Hinweise ergeben, werde die Suche fortgesetzt, so die Polizei.