Nach wiederholten Verschiebungen ist die Rakete mit dem neuen Satelliten am Freitagabend deutscher Zeit erfolgreich vom amerikanischen Kalifornien aus ins All gestartet.Nach Angaben der Firma OroraTech, die den Satelliten gebaut hat, wurde dieser anschließend erfolgreich in die Erdumlaufbahn gebracht. Das hat das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz mitgeteilt. Am Montag, 1. Dezember, will die Firma mit der Inbetriebnahme des Satelliten beginnen. Er soll das Projekt ICARUS (International Cooperation for Animal Research Using Space) wieder mit Daten versorgen.
Unter anderem am Bodensee arbeiten Forschende seit mehr als 20 Jahren am Projekt. Eine Kooperation mit Russland im Rahmen der Internationalen Raumstation ISS war mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine beendet worden. Der erste Satellit mit der neuen Technik erreichte etwa eine Stunde nach dem Start auch seine Zielposition in der Erdumlaufbahn.
ICARUS: Rettung Afrikanischer Wildhunde zählt zu Erfolgen
Die Routen von Zugvögeln beobachten, Nashörner vor Wilderern beschützen und Tierseuchen frühzeitig erkennen - all das soll durch ICARUS möglich werden.
Martin Wikelski leitet das Projekt des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell (Kreis Konstanz) und arbeitet seit über zwanzig Jahren daran, Tiere weltweit beobachten zu können.
Dabei gab es bereits Erfolge, etwa die Rettung Afrikanischer Wildhunde aus Fallen. Von ihnen gibt es im Krüger-Nationalpark nur noch wenige Hundert. Sobald Tiere in die Schlingen der Wilderer laufen, schicke das Rudel dem Team eine Art Nachricht, erklärt Wikelski. So habe man in den vergangenen zwei Jahren etwa 50 Wildhunde gerettet.
Datenstrom vom russischen Teil der ISS reißt ab
"Eine Nachricht schicken" bedeutet in diesem Fall: Bewegungsdaten von einem Sender übertragen. Für den Empfang dieser Bewegungsdaten wurde 2018 eine Antenne auf dem russischen Teil der ISS installiert. Sie leitete die Daten der Tiersender in die "Movebank"-Datenbank weiter.
Die Freude über den Projektstart war damals groß, hielt aber nicht lange: Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine riss der Datenstrom ab. Für Wikelski ein herber Rückschlag: "Es war ein totales Chaos. Wir haben zwanzig Jahre auf dieses System hingearbeitet, und dann heißt es: 'Nö, das ist jetzt alles tot.'"
Neues System aus Kleinsatelliten im All geplant
Wikelski tauscht sich daraufhin mit den ICARUS-Ingenieuren aus: Können sie das System so verkleinern, dass es auf einen Satelliten passt? Denn das könnte die Forschungsgruppe finanzieren. Wikelski spricht von Kosten von etwa einer Million Euro.
Elektroingenieur Gregor Langer gründet daraufhin das Start-up Talos in München und entwickelt mit seinem Team ein System aus Mikrosatelliten, die die ISS-Antenne ersetzen und sogar verbessern sollen.
Die ISS-Technik war etwa so groß wie ein Kühlschrank, die neuen Satelliten sind dagegen kaum größer als ein Schuhkarton. Das System brauche somit auch weniger Strom und werde günstiger, sagt Langer. Außerdem erhofft sich das Team besseren Empfang und mehr Leistungsfähigkeit, denn das System lasse sich beliebig ausbauen.
ICARUS-Team hat Zwischenzeit genutzt
Die Zwischenzeit bis zum Start des neuen Satelliten hat das ICARUS-Team in Radolfzell genutzt und an neuen Sendern gearbeitet. Mithilfe Künstlicher Intelligenz sollen die Daten künftig schon auf den Chips der Sender verarbeitet und so genauer werden.
Außerdem haben die Forschenden mit terrestrischen, also landgestützten, Systemen gearbeitet, die etwa Mobilfunkmasten nutzen. Damit konnten sie zum Beispiel Haustiere mit GPS-Halsbändern beobachten und deren Vitaldaten auslesen.
Nils Linek wertet diese Daten aus. Er sagt: Tiere reagieren stark auf menschengemachte Änderungen wie den Klimawandel oder Ereignisse wie Silvester. Mit den Daten könne man genau quantifizieren, inwieweit die Tiere beeinflusst werden und wie lange sie brauchen, um sich zu erholen.
Einsatz von ICARUS für den Herdenschutz in Baden-Württemberg
Auch auf dem ehemaligen Militärgelände des Innovationscampus Empfingen hat das Team ein landgestütztes System eingesetzt. Die Ziegen von Claudia Gallatz "mähen" dort das unebene Gelände und sollen vor Wölfen geschützt werden - mit Halsbändern, die die Körperbeschleunigung messen.
"Wenn klar ist, dass da irgendwas ganz Wildes passiert, dann geht die Information direkt an die Claudia", erklärt Wikelski. Ein Alarm bei drohender Gefahr direkt aufs Handy - daran arbeitet das Team noch.
Das Projekt könnte auch als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen dienen
Sender an Ziegen können aber nicht nur die Tiere schützen, sondern vielleicht auch uns Menschen. Am Vulkan Ätna hat Wikelski Ziegen als Frühwarnsystem für Vulkanausbrüche erprobt, weil sie sich vor solchen Ereignissen ungewöhnlich verhalten. Woran das liegt, ist noch unklar.
Das ICARUS-Team hat noch viele offene Forschungsfragen. Beantworten will es diese, indem es das terrestrische und das neue Satellitensystem zusammenführt. Dann kann ICARUS wieder Daten über Ozeanen erfassen und erstmals auch Daten über den Polen sammeln. Die ISS fliegt nämlich kaum über den 50. Breitengrad hinaus.
Mikrosatelliten-System soll Unabhängigkeit garantieren
Ein weiterer Vorteil: Die Souveränität über das System liegt jetzt in deutscher Hand. Ein erster Satellit mit der neuen Technik wurde jetzt am Abend des 28. Novembers mit einer SpaceX-Rakete ins All gebracht. Er soll zeigen, ob die Technik funktioniert - damit die noch kleineren Mikrosatelliten in Serie gehen können.
"Es ist unglaublich, wenn man sich vorstellt, man hat 25 Jahre an so einem System gearbeitet. Es war ein paar Mal schon so, dass es wirklich vor dem Aus stand", sagt Martin Wikelski. Doch immer habe man weitergemacht - "und jetzt geht es endlich in den Orbit".