Nach mutmaßlichem Anschlag in Reutlingen

Tausende Angriffe täglich: Wie kann der Schutz gegen Drohnen, Hacker und Blackouts aussehen

Der mutmaßliche Brandanschlag auf ein Umspannwerk in Reutlingen zeigt die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur. Wie können Flughäfen, Kliniken oder das Schienennetz geschützt werden?

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Von Autor/in Liv Meyer-Berhorn

Der große Stromausfall im Raum Reutlingen hat gezeigt, wie verletzlich die Infrastruktur in Baden-Württemberg ist. Dabei ist nicht nur die Stromversorgung gefährdet - auch der Schutz vor Drohnen oder Angriffe auf Kliniken spielen eine immer größere Rolle.

Beispiel Reutlingen. Es ist drei Uhr nachts, als Anette Reiff in ihrem Heimatort Kirchentellinsfurt (Kreis Tübingen) aufwacht. Ihr Radiowecker funktioniert nicht mehr. Auch die Kaffeemaschine will morgens nicht angehen. "Ohne Kaffee geht eigentlich gar nichts." Dann: Kein Handyempfang. Ihr Handy ist fast leer. Ihre nächste Sorge: die gefrorenen Lebensmittel in der Kühlung. Anette Reiff ist eine von rund 40.000 Betroffenen des Stromausfalls in Reutlingen.

Im Autoradio hört sie, dass der Ausfall länger dauern kann. Wie lange, ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. Ihre gekühlten Lebensmittel bringt sie bei ihrem Sohn unter, der in Pliezhausen noch Strom hat. Letztlich kann sie alles retten, obwohl sie selbst einen Tag lang keinen Strom hat.

Anette Reiff ist nach dem Stromausfall von Reutlingen verunsichert.
Anette Reiff ist nach dem Stromausfall von Reutlingen verunsichert.

Kühlkette unterbrochen: Schaden von 150.000 Euro

Nicht alle haben die Option einer Notfall-Kühlung. In einem Supermarkt im Kreis Reutlingen ist die Kühlkette zu lange unterbrochen. Viele Lebensmittel müssen entsorgt werden. Der geschätzte Schaden: 150.000 Euro.

Anette Reiff berichtet von unterschiedlichen Auswirkungen in ihrer Nachbarschaft. Besonders ältere Menschen sind erst spät informiert. In Häusern mit elektrischen Rollläden bleibt es auch tagsüber dunkel.

Probleme hat auch die Kläranlage im Ort. Viele Geschäfte bleiben zu. Irgendwann hört Anette Reiff anlaufende Notstromaggregate. An der benachbarten Schule wird vom Deutschen Roten Kreuz ein Zelt aufgebaut. Auch die Feuerwehr ist da und kommuniziert über Lautsprecher.

Das war schon ein komisches Gefühl.

Trotz der Durchsagen fühlt Anette Reif sich nicht ausreichend informiert. Vor allem vorab. Ihr Schwager war vom mehrtägigen Stromausfall in Berlin im Januar betroffen. Danach machte sie sich selbst über Vorkehrungen schlau. Trotz aller Vorbereitungen "ein komisches Gefühl. Vor allem häuft sich das jetzt immer wieder", vermutet sie.

Schutz unserer Infrastruktur: Wie ist die Lage im Land?

Nicht nur die Stromversorgung ist bedroht. Auch Drohnen über Flughäfen, oder Cyberangriffe auf Krankenhäuser verdeutlichen, wie angreifbar die Infrastruktur ist.

Die Hubschrauberstaffel der Polizei Baden-Württemberg ist für die Drohnenabwehr im Land zuständig. Sie reagieren im Ernstfall, wenn Drohnen über sensiblen Einrichtungen gesichtet werden. Sie abzuschießen ist eine Option, "aber die letzte Option. Eine Drohne stürzt zu Boden und kann unbeteiligte Personen verletzen", sagt der Leiter der Polizeihubschrauberstaffel, Martin Landgraf. Die genauen technischen Möglichkeiten sind streng geheim.

Drohnenabwehr nimmt zu

In den letzten Jahren werden laut Landgraf immer mehr Drohnen gesichtet und abgewehrt. Auch das Bewusstsein der Menschen für Drohnen nehme zu. Daher sei die Polizei Baden-Württemberg im engen Austausch mit den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern. "Wir entwickeln uns und unsere Fähigkeiten weiter."

Ständige Weiterentwicklung sei absolut notwendig. Denn absolute Sicherheit werde es nie geben, betont auch Innenminister Manuel Hagel in der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg": "Wir sind jetzt in einer völlig neuen Zeit. Wir werden uns mit Dingen beschäftigen müssen, die die letzten zehn, zwanzig Jahre für uns einfach nicht präsent waren im Land."

Die Hubschrauberstaffel bereitet sich in ganz Baden-Württemberg mit verschiedenen Möglichkeiten auf die Drohnenabwehr vor.
Die Hubschrauberstaffel bereitet sich in ganz Baden-Württemberg mit verschiedenen Möglichkeiten auf die Drohnenabwehr vor.

Kliniken im Cyberabwehr-Dauerstress

Den allgegenwärtigen Gefahren von Angriffen sind auch Krankenhäuser ausgesetzt. Im Katharinenhospital des Klinikums Stuttgart werden im Jahr 90.000 stationäre und 600.000 ambulante Patienten behandelt. Sensible Informationen sind beliebte Ziele für Hackerangriffe. Die Daten und auch die Versorgung von kranken Menschen müssen im Krisenfall geschützt werden.

"Ein Krankenhaus sollte ein Ort der Sicherheit und der Heilung sein. Und dafür tun wir alles", sagt der medizinische Vorstand Jan Steffen Jürgensen. Bei einem Stromausfall versorgen Batteriespeicher kritische Bereiche im Klinikum unterbrechungsfrei mit Strom. Auch spezielle Operationssäle mit Robotern werden durch abgekapselte Netzwerke streng vor äußeren Einflüssen geschützt. Ein unautorisierter Fernzugriff wäre hier fatal.

Ein OP-Roboter in der Urologie des Klinikums Stuttgart. Gesteuert über eine Konsole, damit kein externer Zugriff möglich ist.
Ein OP-Roboter in der Urologie des Klinikums Stuttgart. Gesteuert über eine Konsole, damit kein externer Zugriff möglich ist.

Cybercrime: Täglich tausende Angriffsversuche

Cyberangriffe wehrt die IT des Klinikums Stuttgart ab. Das sind täglich tausende Angriffsversuche, schätzt Jürgensen. Die meisten wohl eher unintelligent und weniger bedrohlich. Wenige sind raffinierter. "Fast alle Prozesse hängen von funktionierender IT ab. Deren Ausfall ist bedrohlich für das Funktionieren dieses Hauses und der Maximalversorgung", erklärt er. Firewalls, Identitätsprüfungen bei der Anmeldung und eine permanente Überwachung aller Systeme sorgen für sichere Abläufe. Bei Auffälligkeiten werden Geräte sofort abgeschirmt. "Es ist permanenter Beschuss."

Zur ständigen Verbesserung werden Angriffe simuliert und Schwachstellen aktiv gesucht. Wichtig sei dabei auch der Austausch mit anderen Kliniken und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie, dass die Schutzanforderungen für Kliniken stellt. "Da ist Baden-Württemberg sicherlich Vorreiter." Trotzdem besteht laut Jürgensen Luft nach oben: "Wir müssen mit den Gefahren wachsen."

Prof. Jan Steffen Jürgensen in der IT-Abteilung des Klinikums Stuttgart.
Prof. Jan Steffen Jürgensen in der IT-Abteilung des Klinikums Stuttgart.

Private Vorräte helfen im Ernstfall

Trotz der Schutzmaßnahmen bleiben viele Menschen wie Anette Reiff nach dem Stromausfall in Reutlingen unsicher. "Ein Anschlag auf die Allgemeinheit ist immer ein bisschen bedrohlich", erzählt sie. Dank ihrer Vorräte, wie Eiern von den eigenen Hühnern, Obst und Gemüse im Garten und einem kleinen Gasherd wäre sie in einem längeren Krisenfall gut ausgestattet. In der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" verrät auch Innenminister Hagel, dass er privat einen Lebensmittelvorrat für sinnvoll hält.

Kapitän zur See Michael Giss, Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg, ergänzt: "Ich versuche durch Gespräche im privaten Bereich für die Gesamtsituation und Resilienz zu sensibilisieren." Eines ist sicher: Angriffe auf unsere Infrastruktur werden uns in Zukunft weiter begleiten.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Liv Meyer-Berhorn
SWR-Redakteurin Liv Meyer-Berhorn

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