Anti-Aggressivitätstrainer fordert früheres Handeln

Interview zu gewalttätigen Jugendlichen: "Arbeit mit Tätern ist der beste Opferschutz"

Immer mehr Gewalttaten bei Jugendlichen werden erfasst. Im Interview mit dem SWR erklärt Anti-Aggressivitätstrainer Emanuel Giuliano, was seiner Meinung nach dringend passieren sollte.

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Gewalt von Jugendlichen nimmt seit Jahren zu. Das zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik. An vielen Schulen gehört Gewalt mittlerweile zum Alltag. Lehrer einer Realschule in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) haben erst vor kurzem einen Brandbrief geschrieben, in dem sie von Schlägereien und Kontrollverlust berichten. Emanuel Giuliano ist Anti-Aggressivitätstrainer und arbeitet mit jugendlichen Tätern und Täterinnen. Im Gespräch mit dem SWR erklärt er, dass man sie erstmal aus der "Komfortzone" holen müsse, damit ein Umdenken im Kopf stattfinden kann.

SWR Aktuell: Das Thema Jugendgewalt ist immer wieder in den Schlagzeilen. Die Täter werden jünger und auch mehr Mädchen werden gewalttätig. Was ist Ihre Beobachtung, wo liegen die Gründe?

Emanuel Giuliano: Gewalt ist leider an der Tagesordnung. Das fängt schon in der Grundschule an. Dabei sprechen wir nicht nur über körperliche Gewalt, sondern auch psychische Gewalt. Viele Kinder und Jugendliche haben nicht mehr gelernt, die Sprache zu benutzen beziehungsweise eine Streitkultur aufzubauen.

SWR Aktuell: Wie erklären Sie sich die Zunahme der Gewalt?

Giuliano: Gewalt gab es schon immer, dass es immer mehr wird, kann ich so nicht unterschreiben. Zahlen in der Polizeilichen Kriminalstatistik beziehen sich auf das Anzeigeverhalten und es wird zunehmend mehr angezeigt. Hinzu kommt, dass mehr darüber berichtet wird. Allerdings haben Intensität und Verrohung zugenommen. Früher war Schluss, wenn der andere gemerkt hat, er hat gewonnen. Heute geht oft noch darum, den anderen zu erniedrigen. Es wird auch immer häufiger in Gruppen Gewalt ausgeübt.

Gewaltschutztrainer Emanuel Giuliano
Gewaltschutztrainer Emanuel Giuliano Barbara Reeder

SWR Aktuell: Was kann man dagegen tun?

Giuliano: Gewalt ist oft eine Kompensation für ein Defizit. Da setzt unsere Arbeit an: Wie geht man mit Provokationen um, wie geht man mit Wut um? Dafür vermitteln wir im Training neue Handlungskompetenzen. Dabei gilt, je früher desto besser ist es, mit den Menschen zu arbeiten. Oft sitzen die Jugendlichen aber erst mit 17 oder 18 Jahren bei uns - als verurteilte Straftäter. Man muss hier früher aktiv werden, damit schon Kinder andere Lösungsstrategien lernen. Prävention bedeutet in Deutschland: Es ist etwas passiert und jetzt machen wir was. Da sollte ein Umdenken stattfinden. Dazu gehört auch, dass wieder mehr Wert auf Pädagogik in der Ausbildung der Lehrkräfte gelegt wird, damit sie mehr Verständnis für auffällige Schüler und Schülerinnen bekommen.

Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem. Trotzdem muss man immer sehen, dass es ein kleiner Prozentsatz ist. Fünf bis sieben Prozent der Jugendlichen sind gewalttätig.

Prävention bedeutet in Deutschland: Es ist etwas passiert und jetzt machen wir was. Da sollte ein Umdenken stattfinden.

SWR Aktuell: Wie sollte die Politik reagieren?

Giuliano: Gesetze gibt es genug, man muss sie nur anwenden. Aber teilweise dauert es bis zu einem Jahr, bis es zu einer Verurteilung kommt. Das ist viel zu lang. In diesem Jahr kommen dann häufig noch viele weitere Straftaten dazu. Jedes Verhalten hat ein Gegenverhalten. Und wenn mir als Täter nicht viel passiert, warum soll ich mich dann verändern?

SWR Aktuell: Die Arbeit mit Tätern ist für Sie der beste Opferschutz. Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Giuliano: Wir arbeiten immer praktisch und kreieren entsprechende Szenarien. Anschließend fragen wir, wie sich das angefühlt hat. So entsteht Empathie. Oder wir stellen Situationen nach, die sich aus Statusgründen oder vermeintlicher Ehrverletzung hochschaukeln. Dann zeigen wir Handlungsstrategien auf - ohne, dass auf alte Gewaltmuster zurückgegriffen wird. Jeder Täter war selber schon mal Opfer und weiß, was er da tut.

Wenn wir die Jugendlichen nach ihren Zielen fragen, möchten die meisten einen guten Job haben, ein schönes Auto, aber auch Familie und ein Haus. Ihnen ist wichtig, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. In 21 Jahren Täterarbeit hat sich da nicht viel verändert.

SWR Aktuell: Sie sagen, man muss die Täter aus ihrer Komfortzone holen. Warum?

Giuliano: Wenn man bei Tätern oder Tatgeneigten nicht an der Komfortzone rüttelt, kommen sie auch nicht raus. Ich will sie aber dort rausholen, sonst kann kein Umdenken im Kopf stattfinden.

Ganz entscheidend ist bei dieser Arbeit, den Jugendlichen mit Respekt zu begegnen. Zu vermitteln: im Prinzip bist Du gut, aber Dein Verhalten ist nicht in Ordnung. Aber nicht jeder packt das, nicht jeder möchte an sich arbeiten.

SWR Aktuell: Welche Rolle spielen soziale Faktoren oder extremistische Strömungen?

Giuliano: Gewalt ist etwas Erlerntes und hat nichts damit zu tun, woher ich komme. Für mich ist das eine Rechtfertigungsstrategie. Es wird immer ein Forum gesucht zur Rechtfertigung der Gewalt, das kann dann die Kindheit oder auch Islamismus, Rechtsextremismus oder Linksextremismus sein.

Ich hatte in meiner Kindheit Gewalterfahrungen in der Familie und im Umfeld. Ich habe nie gelernt, zu kommunizieren oder zu diskutieren. Die Devise lautete immer: "Du musst dich durchboxen im Leben". Irgendwann habe ich das in Frage gestellt und überlegt, dass es auch einen anderen Weg geben muss. Für mich ist die Kindheit oder das Umfeld nicht die Frage, sondern was man daraus macht. Oft haben die Jugendlichen viel Potential, aber häufig nutzen sie es negativ.

Gewalt ist überall, ob in der Musikszene oder in den Nachrichten. Daher ist es wichtig, dass Kinder schon früh lernen, sich davon abzugrenzen.

SWR Aktuell: Was halten Sie von der Forderung, das Strafmündigkeitsalter von 14 Jahren herabzusetzen?

Giuliano: Davon halte ich nicht viel. Dann setzt man das Alter herunter und es passiert genauso wenig. Man sollte die Gesetze nutzen, die man hat, aber schneller reagieren. Gewalt ist überall, ob in der Musikszene oder in den Nachrichten. Daher ist es wichtig, dass Kinder schon früh lernen, sich davon abzugrenzen. Wir dürfen vor allem nicht die Augen vor den Problemen verschließen. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass es Missstände gibt und dass man keine Scheu hat, diese Missstände anzugehen.

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SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Barbara Reeder
SWR Aktuell-Redakteurin Barbara Reeder

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