Ende letzten Jahres wurde in Karlsruhe die Designer-Droge Cychlorphin entdeckt. Der Stoff gehört zu den neuen synthetischen Opioiden. Oft kann der Konsum schon bei winzigen Mengen tödlich enden. Für Patienten und Ärzte sind diese neuen synthetischen Opioide eine Herausforderung. Das zeigt ein Blick in die Suchtmedizinische Ambulanz der AWO in Karlsruhe.
Arzt Christoph Stoll aus Karlsruhe: Cychlorphin ist nur ein Beispiel von vielen
Die Mitarbeiter der Substitutionspraxis der AWO seien für neue synthetische Opioide sensibilisiert, sagt Arzt Christoph Stoll. Mit seinem Team aus Medizinern und Sozialarbeitern behandelt er hier täglich suchtkranke Menschen. Zweimal am Tag werden in der Substitutionspraxis Ersatzstoffe ausgegeben. Zum Beispiel um heroinabhängige Menschen zu therapieren.
Cychlorphin sei nur ein Beispiel von neuen synthetischen Opioiden, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind, erklärt der Arzt. "Jedes Jahr treten 50 neue psychoaktive Stoffe auf, die wirklich gefährlich sind", erklärt er. "Diese neuen synthetischen Opioide sind so stark, dass sie wirklich eine Gefährdung darstellen. Die Gefahr, dass man ateminsuffizient wird (Anmerkung der Redaktion: also einen Atemstillstand hat) oder daran stirbt, die ist sehr groß", so Stoll. Zum ersten Mal in seiner Einrichtung aufgetaucht seien sie im Jahr 2022, als er einen Konsumenten reanimieren musste.
Abhängig von Opiaten: "Das war der schlimmste Entzug meines Lebens"
Einer von Christoph Stolls Patienten ist Moritz Schneider (Name von der Redaktion geändert). Er ist seit acht Jahren opioidabhängig. Weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren, will er anonym bleiben. Täglich kommt der 39-Jährige zur Ambulanz der AWO. Hier wird er mit einem Ersatzstoff namens Diamorphin versorgt. Dabei handelt es sich um synthetisch hergestelltes Heroin, das in der Substitutionstherapie verwendet wird und ihm einen einigermaßen normalen Alltag erst möglich macht.
Zum ersten Mal mit Anfang 30 habe er Opiate genommen, sagt er. Über eine Schmerzmittelabhängigkeit sei er hineingerutscht. Sein Verlangen nach dem "warmen Gefühl", wie er es beschreibt, wurde immer größer. Seine Toleranz gegenüber Drogen war mittlerweile aber so hoch, dass ein richtiger "Kick" nicht mehr möglich war. Mit dem Konsum von neuen synthetischen Opioiden war das anders. "Es war wie beim ersten Mal, es war einfach wunderschön."
Drogen verherrlichen wolle er nicht, er möchte davor warnen. Der Entzug danach sei der schlimmste in seinem Leben gewesen. "Es war so schlimm, dass ich gekrampft habe, mich fast eingekotet, erbrochen und auch teilweise Ohnmachtsanfälle gehabt habe", erzählt der 39-Jährige. An die Drogen habe er auch einen guten Freund verloren. "Er ist 30 Jahre alt gewesen und in seiner Suppe eingeschlafen während des Essens. Und ist dann halt in der Suppe ertrunken." Neue synthetische Opioide hätte Moritz Schneider am liebsten nie angefasst, sagt er. Zweimal hätten sie ihn fast das Leben gekostet.
Cychlorphin 100 Mal stärker als Morphin
Das synthetische Opioid Cychlorphin ist laut Experten mehr als 100 Mal stärker als Morphin und wesentlich potenter als Fentanyl. Winzige Mengen können tödlich sein. Laut Christoph Stoll wurde Cychlorphin in den 50er-Jahren von Pharmafirmen entwickelt. Sie seien jedoch im medizinischen Bereich nie zum Einsatz gekommen, weil ihre Wirkung so stark ist.
Konsumenten empfinden nach dem Gebrauch eine innere Wärme und vor allem Geborgenheit, sagt der Mediziner. Viele seiner Patienten hätten eine schwere Vorgeschichte, seien traumatisiert. Der Konsum von Opiaten sei "ein Versuch, mit den schwierigen Situationen klarzukommen."
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Stoll: "Lage wird unübersichtlicher"
Dass synthetische Opioide in Karlsruhe aufgetaucht sind, überrascht den Mediziner nicht. Das könne in jeder Stadt vorkommen. Früher sei die Situation aber "übersichtlicher" gewesen. Es habe vielleicht fünf unterschiedliche Drogen gegeben. Mittlerweile gebe es eine riesengroße Bandbreite an Stoffen. Viele User, also Konsumenten, wüssten gar nicht, was sie da eigentlich konsumieren. Hinzu komme, dass die Substanzen über das Internet einfach bestellt und per Post verschickt werden könnten.
Und hier sieht der Mediziner auch die größte Gefahr bei den synthetischen Opioiden. "Man kann es nicht detektieren, weil die Stoffe in den normalen Drogentests nicht angezeigt werden. Das heißt, ein normaler Opiattest spricht da nicht an, man muss wirklich gezielt danach suchen", erklärt Christoph Stoll.
Arzt Christoph Stoll: Dunkelziffer ist hoch
Mediziner Christoph Stoll weiß von sechs Personen in seiner Einrichtung, die den Stoff konsumiert haben. Doch die Dunkelziffer ist hoch, da ist sich Stoll sicher. Obwohl der Besitz und Handel neuer synthetischer Opioide in Deutschland strafbar ist, können die Stoffe leicht über das Internet bestellt werden. So ist der Stoff vermutlich auch nach Karlsruhe gelangt, meint Christoph Stoll.
"Viele von den Usern, die diese Substanzen bestellen im Internet, sind auch jünger." Er fordert bei unklaren Todesfällen oder Vergiftungsfällen genau hinzusehen, ob diese Substanzen eine Rolle spielen. Auch ein sogenannte Drug-Checking, wo Drogen von Experten vor dem Konsum überprüft werden, hält er für sinnvoll.