Mit versteinerter Miene blickt Ahmet Can durch den Nieselregen auf die von Stacheldraht gesäumten Gefängnismauern, hinter denen er so viel Zeit seines Lebens verbracht hat. Fast fünf Jahre saß er zusammengerechnet hier, in der JVA Mannheim. Wegen Körperverletzung, Diebstahls und versuchten Totschlags. "Viel verlorene Zeit", murmelt er. Nach der letzten Haft in Mannheim ging es noch in den Maßregelvollzug in Calw im Schwarzwald, aus dem man ihn im Juli 2025 von einem auf den anderen Tag entließ. Plötzlich stand der 45-Jährige vor dem nichts. "Ich wusste nicht wohin", sagt er leise: Er hatte keine Wohnung, keinen Job, keine Perspektive. Wie findet so jemand den Weg zurück in die Gesellschaft?
Mannheimer Ex-Häftling: Klassischer "Drehtür-Täter"
Ahmet Can spricht offen über seine Vergangenheit, aber seinen Nachnamen möchte er nicht öffentlich nennen, um eine realistische Chance auf Rehabilitierung zu haben. Seine Taten tun ihm heute leid. "Ich war damals nicht klar im Kopf", sagt er heute. Schon in jungen Jahren gerät er in die falschen Kreise, macht erste Drogenerfahrungen. Erst Cannabis, später auch Speed oder Heroin. Mit 21 landet er das erste Mal im Gefängnis, wegen Körperverletzung. Auch wenn er es regelmäßig kurz raus aus der Kriminalität schafft - er wird immer wieder rückfällig. Die Geschichte eines klassischen "Drehtür-Täters".
Zeitweiser Wohnort: Ein Matratzenlager unter einer Brücke
Ortstermin unter einer Brücke am Rand des Mannheimer Stadtteils Jungbusch, neben einem Verbindungskanal des Rheins. "Da habe ich geschlafen", sagt Ahmet Can und deutet auf ein Matratzenlager, das sich Wohnungslose eingerichtet haben. Vor Wind und Wetter sind sie hier wenigstens ein bisschen geschützt. Tische, Sessel und Matratzen haben sie aufgetürmt wie eine kleine Festung. Hier hatte Ahmet Can seinen Tiefpunkt während der Corona-Pandemie. Er wurde heroinabhängig, schließlich obdachlos. Um seine Sucht zu finanzieren, beging er immer öfter Diebstähle. Diese Beschaffungskriminalität führte ihn immer wieder ins Gefängnis.
Café Anker: Hilfe in Suchthilfe-Einrichtung
Wer es nicht aus dem Kreislauf aus Obdachlosigkeit, Drogensucht und Haft schafft, landet häufig im Café Anker. Die Einrichtung des Mannheimer Drogenvereins und der Caritas ist eine Anlaufstelle für Suchtkranke und liegt direkt neben dem provisorischen Schlaflager unter der Brücke. Alkohol- und Drogenabhängige werden im Café Anker nicht verteufelt, sondern bekommen einen Raum, in dem sie kontrolliert trinken können und sauberes Spritzbesteck bekommen.
Als Ahmet Can das Café Anker betritt, begrüßen ihn freudig alte Bekannte. Hier gilt er als der, der es rausgeschafft hat. Er hat aufgehört, Drogen zu konsumieren, lebt inzwischen in seinen eigenen vier Wänden, ist seit einiger Zeit nicht mehr straffällig geworden.
Doch seine Geschichte ist nicht selbstverständlich, weiß Manuela Morsch, Sozialarbeiterin im Café Anker. Viele Menschen, die frisch aus der Haft entlassen werden, landeten schnell wieder in der Obdachlosigkeit. Das sei eine ganz kritische Phase, "die Hürden sind riesig", so Morsch. Das Entlassgeld, das Ex-Häftlinge bekämen, sei oft schnell wieder weg – es werde geklaut oder für Drogen ausgegeben. Es brauche generell mehr Unterstützung und Vorbereitung schon in der Zeit im Gefängnis, "damit die Leute gar nicht erst wieder versumpfen."
Resozialisierung funktioniert oft nicht
Oberstes Ziel des Strafvollzugs ist es, Gefangene zu befähigen, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen". Das steht im Strafvollzugsgesetz. Dass das oft nicht wie gewünscht funktioniert, zeigt ein Bericht des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg. Von den 5.106 Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten, die Ende März 2024 im Land inhaftiert waren, waren nur knapp die Hälfte – 2.524 – nicht vorbestraft. Die übrigen 2.582 Häftlinge waren schon ein (524) oder zwei Mal (314) mit einer Strafe belegt. 780 Inhaftierte waren zwischen fünf bis zehn Mal vorbestraft (363 elf bis 20 Mal, 89 mehr als 20 Mal).
Ex-Häftlinge müssen sich selbst Hilfe suchen
Damit sie nicht rückfällig werden, können sich Ex-Häftlinge an freiwillige Angebote wenden. Zum Beispiel an den Bezirksverein für soziale Rechtspflege Mannheim. Dorthin hatte Manuela Morsch auch Ahmet Can nach seiner letzten Entlassung vermittelt. Deswegen trifft er sich hier, in einem kleinen Büroraum in den Mannheimer Quadraten, wöchentlich mit seiner Sozialarbeiterin. Für Ex-Häftlinge kann sich jeder kleine Schritt in Richtung normales Leben wie eine große Hürde anfühlen. Auf der Tagesordnung: Antrag auf Bürgergeld, Wohnungssuche, Schuldenplan erstellen. Jahrelang hat Ahmet Can nicht in die Krankenkasse eingezahlt, jetzt drücken ihn Schulden von fast 10.000 Euro.
"Nach der Haft gibt es einfach nur die totale Überforderung, bei allem was zu tun ist", sagt Y. Broghammer. Sie arbeitet viel mit Ex-Häftlingen zusammen und betreut Ahmet Can (ihren Vornamen möchte sie wegen Persönlichkeitsschutzes nicht nennen). Sie weiß um die üblichen Probleme nach der Haft. Viele Straffällige wüssten erst mal nicht, an welche Stellen sie sich wenden sollen, der Papierkram werde schnell zu viel. Nach der Entlassung seien sie schnell erschöpft und reizüberflutet. "Allein wenn sie rauskommen und ein Auto an ihnen vorbeifährt...", erklärt Broghammer. "Im Gefängnis fährt maximal ein Lkw mit Schrittgeschwindigkeit vor, um das Essen zu bringen."
Ziel: Selbständigkeit
Eine wichtige Hürde hat Ahmet Can gemeistert: Er ist weg von der Straße. Vom Bezirksverein hat er ein Zimmer in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für Ex-Häftlinge bekommen. Schmales Bett, kleiner Schreibtisch, Fernseher. Hier soll er wieder grundlegende Alltagsaufgaben lernen: Putzen, Einkaufen – kein Drogenkonsum. Regelmäßig gibt es Gemeinschaftsaktivitäten mit den Sozialarbeitern wie Spiele-Abende. Aber es wird kontrolliert, ob die Bewohner die Regeln einhalten. Wer Drogen nimmt, fliegt raus.
Ich will wieder klar im Kopf werden.
Wer Ahmet Can hier erlebt, merkt, wie wichtig das Zimmer für ihn ist. "Das Zimmer ist mein Schloss", sagt er ernst. "Es ist viel größer, als es aussieht." Für ihn sind es die ersten eigenen vier Wände seit langem ohne Gitter vor den Fenstern. Durch das Zimmer schaffe er es langsam, eine Stabilität zu entwickeln. "Es bedeutet mir im Moment alles."
Der Weg zurück in die Normalität
Ahmet Can will jetzt so schnell wie möglich Normalität in sein Leben bringen. Die nächsten Schritte auf dem Weg zur Selbständigkeit sind klar: Mit seiner Sozialarbeiterin sucht er jetzt eine eigene Wohnung. Langfristig möchte er auch wieder einen Job finden und arbeiten – und seine Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.