Trampolin springen, Skateboarden, in den Urlaub fahren: Was für die meisten Menschen Normalität ist, ist für Daniel Meinold ein Punkt auf der Liste der Dinge, die er unbedingt noch erleben will. Denn für den 42-Jährigen aus Gaggenau (Kreis Rastatt) waren viele Dinge lange unmöglich - zum Beispiel, in einer Hängematte zu liegen. Er erinnert sich: "Diese Hängematte, die wir haben. Die habe ich seit über zehn Jahren und lag im letzten Urlaub das erste Mal drin."
250 Kilo abgenommen: Kampf mit Gewicht seit etwa 30 Jahren
Der Grund dafür: Adipositas - also starkes Übergewicht. Daniel Meinold kämpft seit rund 30 Jahren gegen die Krankheit, wog zwischenzeitlich fast 400 Kilogramm. Ein Gewicht, das ihm lange schwer zu schaffen machte - auch psychisch. "Es gibt viele, viele Jahre von mir nur Fotos von meinem Gesicht. Das war immer so eine Sache, wo ich geguckt habe, dass mich ja keiner fotografiert, weil ich mich selber auch nicht sehen wollte", erzählt Meinold an seinem Wohnzimmertisch in Gaggenau.
Dort blickt er mit seiner Verlobten Maren auf die wenigen Bilder aus der Vergangenheit. Gewissermaßen ist es eine Reise durch seine Geschichte - und ein Blick auf viele kleine Zwischenerfolge. Denn Daniel Meinold hatte nicht nur mehrere Magenverkleinerungen, ihm wurde auch bereits mehrfach überschüssige Haut entfernt. Mit den Operationen und einer Ernährungsumstellung schaffte es der Informatiker schließlich, fast 250 Kilogramm zu verlieren.
Leopoldina fordert mehr Aufklärung
Heute wiegt Daniel Meinold rund 130 Kilogramm. Damit gilt er per Definition immer noch als adipös - wie ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland. Laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft gilt als adipös, wer einen Body-Mass-Index von mehr als 30 hat. Der Body-Mass-Index beschreibt das Verhältnis von Körpergröße zu Körpergewicht.
Ein aktuelles Papier der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands, listet Empfehlungen der Wissenschaftler an die Politik auf. Um dagegen vorzugehen, dass immer mehr Menschen adipös sind, fordern sie etwa mehr Vorsorge und Aufklärung in Kitas und Schulen, eine Besteuerung stark zucker- und fetthaltiger Lebensmittel sowie niedrigere Kosten für Medikamente wie Abnehmspritzen.
Welt-Adipositas-Tag Neuer Vorschlag zur Diagnose von Adipositas
Seit langem ist der BMI zur Diagnose von Übergewicht ausschlaggebend. Eine Kommission definiert nun neu, ab wann Übergewicht als Krankheit zählt.
Verlobte: "Für mich war erst die Liebe, dann der Körper"
Die Zahl auf der Waage war für das Herz von Freundin Maren nie ausschlaggebend. Die beiden lernten sich im Internet kennen, als Daniel noch auf Höchstgewicht war. Maren erinnert sich: "Ich habe Daniel vor seiner ersten Operation kennengelernt. Ich wusste gar nicht, wie hoch sein Gewicht ist."
Ich habe ihn aber so nie gesehen. Also für mich war erst die Liebe, dann der Körper.
Marens Liebe wurde Daniels größte Stütze: Sie motiviert ihn, belohnt ihn für Zwischenziele - für jedes gab es eine Engel-Figur. Sie schmücken nun das gemeinsame Esszimmer.
Daniel Meinold: Es müssen mehrere Faktoren stimmen
Aber Liebe allein macht nicht gesund. Für Daniel Meinold ist klar: Um da rauszukommen, wo er war, mussten mehrere Faktoren zusammenspielen. Die eine Seite war für den 42-Jährigen die medizinische: seine Operationen und eine Ernährungsumstellung.
Die andere Seite war die psychische. Meinold ist sich sicher: "Ich glaube, die Festigung meines Umfelds war das, was mein Leben gerettet hat. Auch der Wegzug aus meiner Heimat, die neue Liebe, ein neues berufliches Umfeld - all das hat da mit reingespielt, dass ich heute da bin, wo ich bin."
Die Unterstützung, die er von seiner Verlobten Maren bekommt, will der Informatiker auch anderen geben. Deswegen engagiert er sich in der Selbsthilfegruppe Adipositas Mittelbaden. In der Gruppe kommt Daniel Meinold regelmäßig mit anderen Betroffenen zusammen - etwa zu Freizeitaktivitäten und Info-Veranstaltungen. Aber was wirklich zählt, ist der Zusammenhalt, der Rückenwind. Hier macht man sich gegenseitig Mut. Und feiert, was schon geschafft ist.
Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid
In der Selbsthilfegruppe ist man sich sicher: Gemeinsam lässt sich der gesellschaftliche Druck besser aushalten - gerade bei einer sichtbaren Krankheit wie Adipositas. Daniel Meinold erzählt: "Die Krankheit wird nach außen getragen, sichtlich. Man wird immer direkt abgestempelt."
Auch ich gehe gerne mal ein Eis essen. Aber wenn ich in die Eisdiele gehe, kommen die Kommentare, dann kommen die Blicke.
Auf die Frage nach seinem Traumgewicht zögert Daniel Meinold keine Sekunde: "110 Kilogramm", sagt er. Warum? "Weil alles, was im Leben Spaß macht, darf man bis 120 Kilo machen. Bungee-Jumping, Hochseil-Klettergarten, Segway fahren, aus dem Flugzeug springen - alles das geht bis 120 Kilo." Eins ist sicher: Woran es Daniel Meinold nicht mangelt, sind Ziele für seine Zukunft. Eine, in der er sich viele Träume selbst erfüllen kann.