Vom Abwasser-Fluss zum Schlaraffenland für Insekten

Die Murg in Rastatt: "Umweltschutz hört nicht an der Wasseroberfläche auf"

Die Murg ist "Flusslandschaft der Jahre 2026/27". Ausgezeichnet wird vor allem das große Engagement vor Ort. Auch in Rastatt wurde schon viel für den Umweltschutz am Fluss gemacht.

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Von Autor/in Mirka Tiede

Die Menschen in der Region Rastatt lieben und beschützen die Murg. Das große Engagement für den Fluss hat die Jury des Preises "Flusslandschaft der Jahre 2026/27" überzeugt. Am Sonntag wird die Auszeichnung feierlich im Rastatter Naturfreundehaus überreicht.

Umweltschutz mit viel Leidenschaft - Der Angler Werner Dautner

Werner Dautner vom Angelsportverein Rastatt ist der Mann, der das möglich gemacht hatte. Der Naturschützer hat schon an verschiedenen Projekten vor Ort mitgeholfen. Und er war einer der beiden Männer, die die Bewerbung für die Murg eingereicht hatten.

Für viele hört der Umweltschutz an der Wasseroberfläche auf.

Der Angler war 16 Jahre lang Gewässerwart des Angelsportvereins. Aus 20 oder 30 Gewässern könne er die Murg herausriechen, wettet er. Denn ihr Wasser habe einen ganz eigenen Geruch: erdig, ein bisschen was von Moor und den verschiedenen Gesteinen. "Das ist eine spezielle Mischung, die es nur hier gibt", schwärmt Werner Dautner.

Die Murg in Rastatt - eine gelungene Renaturierung

Sein Lieblingsplatz in Rastatt ist der Teil zwischen der Badener Brücke und dem Rohrersteg. "Weil man hier sieht, was eine gelungene Renaturierung schaffen kann", erklärt der Angler. Zwischen 2012 und 2014 gab es Arbeiten im Vorland des Rastatter Stadtgebiets.

Ein kleineres Hochwasser während der Bauzeit hat nach Angaben Regierungspräsidiums Karlsruhe auf natürliche Weise Kies- und Sandbänke geschaffen. Der Fluss wurde so dazu gezwungen, einen kurvenreichen Verlauf zu nehmen. Das erste Mal seit Johann Gottfried Tulla die Murg Anfang des 19. Jahrhunderts begradigen ließ.

Werner Dautner watet durch das fließende Wasser und schaut immer wieder nach unten. Irgendwann zieht er ein Stück Holz aus dem Fluss. Auf ihm bewegt sich ein kleines, schwarzes Tierchen mit sechs langen Beinen. Es krabbelt blitzschnell auf die Hand des Anglers. Es ist eine Libellenlarve. Auf einem weiteren Stück Holz schlängelt sich eine Eintagsfliegenlarve. Insektenarten, die erst durch die Renaturierung wiedergekommen seien. Sie dienen Vögeln und Fischen als Nahrung.

Eine Libellenlarve aus der Murg auf der Hand von Werner Dautner vom Angelsportverein Rastatt.
Eine Libellenlarve aus der Murg - ein Zeichen, dass der Fluss sich durch die Renaturierung wieder erholt.

Lachs durch Industrie-Abwässer im Fluss ausgerottet

Ein Fisch steht dabei besonders im Fokus: der Lachs. Der Sympathieträger soll in der Murg wieder angesiedelt werden. Entlang des Flusses ist dem Tier auch ein Lachserlebnispfad gewidmet worden. Werner Dautner betreut den Abschnitt in Rastatt.

Die Murg sei in der Vergangenheit in Süddeutschland einer der bedeutenden Lachsflüsse gewesen, erzählt Werner Dautner. Und dann sei die Industrialisierung gekommen. Auch bis vor kurzem seien in die Murg Abwasser abgeleitet worden, so der Naturschützer, zum Beispiel von der Papierindustrie im Murgtal.

Als ich noch ein kleiner Bub war, hat man in der Murg keinen Sand, keinen Kies gesehen. Zentimeterdick war ein grauer Belag drüber. Das war alles Zellulose von der Papierindustrie.

Auf dem Lachserlebnispfad informiert eine Tafel darüber, wie schnell die Lachse wegen Industrie-Abwässer aus der Murg verschwunden sind.
Auf einem Schild des Lachserlebnispfads zeigt eine Grafik, wie schnell die Lachse wegen Industrie-Abwässer aus der Murg verschwunden sind.

150.000 Lachse werden jährlich in Murg ausgewildert

1928 ist laut Werner Dautner der letzte Lachs in der Murg gefangen worden. Jetzt wollen die Naturschützer den Bestand der Lachse innerhalb der nächsten zehn Jahre so erhöhen, dass sich die Tiere selbst reproduzieren können. Dafür werden jährlich nach Angaben des Landesfischereiverbands Baden-Württemberg 150.000 junge Lachse in der Murg ausgesetzt.

Die Eltern für die Zucht der jungen Lachse werden aus der Staustufe Iffezheim entnommen. Das passiere in den meisten Fällen um den Herbst herum, erzählt Aaron Henning von der Lachszucht Wolftal. Ein Großteil der Junglachse, die in der Murg ausgesetzt werden, stammen von hier. Im Winter werde dann abgelaicht.

Die Fischzucht in Wolftal von außen. Hier werden Lachse gezüchtet, die in der Murg ausgewildert werden.
Die Fischzucht in Wolftal Bild in Detailansicht öffnen
Aaron Henning von der Fischzucht in Wolftal
Aaron Henning von der Fischzucht in Wolftal Bild in Detailansicht öffnen
Fischlaich in einem Becken zur Wiederansiedlung des Lachses in der Murg
Ein Becken mit Fischlaich in der Fischzucht Wolftal Bild in Detailansicht öffnen
Kleine Lachse mit Dottersäcke, aus deren Nährstoffe sich die Tiere ernähren, in einem Becken in der Lachzucht Wolftal.
Kleine Lachse mit Dottersäcke, aus deren Nährstoffe sich die Tiere ernähren. Bild in Detailansicht öffnen
Schwarze Eimer stehen vor der Murg. In dem Fluss wurden Lachse ausgewildert.
Endlich geschafft: Zwischen April bis Juli werden die Lachse in der Murg ausgewildert. Bild in Detailansicht öffnen

Zwischen April und Juli - je nach dem, wie gut die jungen Fische wachsen - werden sie dann laut Aaron Henning in der Murg ausgewildert. Es sei alles auf einem guten Weg, sagt der Fischzüchter. Für die Wiederansiedlung möchte er sich trotzdem keinen zeitlichen Rahmen setzen: "Das braucht leider Gottes so lange, wie es braucht." Immerhin habe der Mensch auch viel Zeit dafür gehabt, den Lachs in der Murg zurückzudrängen.

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Autor/in
Mirka Tiede
SWR-Reporterin steht in einem Großraumbüro

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