Gottesdienst in der Lukaskirche

"Wir könnten auch tanzen": Warum Gebärden in einer Karlsruher Kirche das Singen ersetzen

In Stefan Heidlands Gottesdienst mit Schwerhörigen und Gehörlosen in Karlsruhe ist jeder willkommen. Das Wort Gottes für jeden verständlich zu machen ist aber gar nicht so einfach.

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Stand

Von Autor/in Mirka Tiede

"Ich zeige zuerst", sagt Prädikant Stefan Heidland im kleinen Gemeindesaal in der Karlsruher Lukaskirche. Der ehrenamtliche Prediger leitet ein Lied ein. Das wird aber nicht gesungen. "Ich bin da. Das ist wahr. Das ist wunderbar", spricht er und gebärdet die Wörter gleichzeitig mit. Bei der Wiederholung machen auch die anderen in der kleinen Gemeinde mit. Denn an dem mit Kaffeetassen und Tellern gedeckten Tischreihen sitzen nicht nur Schwerhörige und Gehörlose. Beim Gottesdienst in der Karlsruher Lukaskirche ist jede und jeder willkommen.

Hilfen für Gehörlose und Schwerhörige in der Lukaskirche

Wie beim gemeinsamen Singen in anderen Gottesdiensten geht es auch hier nicht ganz geordnet zu. Manche kennen die liturgischen Sondergebärden schon sehr gut und sind dementsprechend routiniert. Andere sind zum ersten Mal da und brauchen beim Gebärden noch ein bisschen Übung. Schwerhörige und Gehörlose können mit Melodien nicht so viel anfangen, erklärt Stefan Heidland. "Wir könnten auch tanzen. Aber das bedarf langer Übung."

Seit mehr als 30 Jahren leitet Stefan Heidland den Gottesdienst. Der badische Landespfarrer hatte ihn damals gefragt, ob er die zweijährige Prädikanten-Ausbildung absolvieren möchte. Dort lernte Stefan Heidland auch die Gebärdensprache. Die Predigten in der Lukaskirche werden in einfacherer Sprache und in Lautsprache mit Gebärden gehalten, damit sie sowohl von Gehörlosen als auch von Schwerhörigen verstanden werden.

Direkt auf den Punkt müsse das sein, sagt Stefan Heidland - und zwar ohne geistige Ausflüge. "Das ist oft anstrengender. Mir fällt es leichter, auszuschweifen." Dazu spreche der Prädikant mit einem deutlichen Mundbild und einer deutlichen Aussprache, in einem hallarmen und hellen Raum, mit guten Sichtverhältnissen und nah am Publikum.

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Schwerhörigkeit von Stefan Heidland erst spät entdeckt

Der langjährige Prädikant ist selbst schwerhörig. Wahrscheinlich wegen einer Hirnhautentzündung, erzählt er. Seine Schwerhörigkeit wurde aber erst mit vier Jahren entdeckt. "Da wir in der Verwandtschaft keine Schwerhörigen hatten, war man ratlos. Das Kind reagiert nicht so, wie man sonst reagiert", erinnert sich Stefan Heidland. Mit einem speziell ausgebildeten Lehrer lernte er danach noch artikuliert zu sprechen.

Er machte sein Abitur am Bodensee, studierte in Kiel erst Landwirtschaft und dann Geografie. Weil es für Schwerhörige im Norden nicht so viele Arbeitsplätze gab, zog Stefan Heidland zurück nach Karlsruhe. Dort arbeitete er in der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Er möchte für Menschen, die keinen Zugang zum Christsein haben, ein Pontifex - also ein Brückenbauer sein. "Von ihrer Welt auf die Welt, die eben nicht ihre ist."

Wenige Gemeinden für Gehörlose und Schwerhörige in BW

In Baden-Württemberg gibt es nur wenige Gemeinden für Gehörlose und Schwerhörige. Sie sind in Heidelberg, Offenburg, Freiburg, Weil am Rhein und Bruchsal. Häufig arbeiten die Gemeinden überkonfessionell Hand in Hand. Bei den Gebärden kann es aber schon bei kleinen Distanzen große Unterschiede geben. "In Mannheim gebärden sie anders als in Heidelberg und anders als in Karlsruhe", sagt Stefan Heidland.

Marina und Jens Etuel, die beiden Gehörlosen waren zum ersten Mal im Gottesdienst in der Karlsruher Lukaskirche.
Marina und Jens Etuel sind für den Gottesdienst in der Lukaskirche extra aus Haslach bei Offenburg angereist.

Marina und Jens Etuel sind zum ersten Mal dabei. Die beiden Gehörlosen sind extra aus Hausach bei Offenburg zum Gottesdienst gekommen - obwohl es dort auch eine große Schwerhörigen- und Gehörlosengemeinde gibt. Den Gottesdienst haben sie über das Internet gefunden. "Es hat ihm gut gefallen", übersetzt Stefan Heidland die Gebärden von Jens Etuel. "Er hat alles verstehen können. Das ist wichtig. Er hatte das Gefühl, dabei zu sein."

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Autor/in
Mirka Tiede
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