Die Kirchen in Baden-Württemberg ringen um die Zahlen ihrer Mitglieder. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. In Bruchsal-Obergrombach (Landkreis Karlsruhe) ist das aber kein Problem. Pastoralreferent Mathias Fuchs von der katholischen Kirchengemeinde Bruchsal-Michaelsberg hat zusammen mit den anderen Gemeindemitgliedern immer wieder neue Konzepte und Ideen, um Menschen in die Kirche zu bringen.
Lichteffekte, Luftballons und Dudelsackmusik im Headbanger Gottesdienst
Vor dem Gottesdienst werden noch ein paar Sicherheitshinweise gemacht. "Das ist bei einer solchen Veranstaltung auch einfach notwendig. Sollte etwas passieren, außer der Ekstase, die ihr nachher hoffentlich alle an den Tag legt", so die Ansage. Es sei zwar ein Gotteshaus, aber das Publikum dürfe sich trotzdem verhalten wie bei einem Konzert. Heißt konkret: Singen, Klatschen und Toben ist ausdrücklich erlaubt! Und dann geht es schon los.
Die typischen Gottesdienst-Elemente wie Bibeltext, Predigt und Gebet stehen im Wechsel mit Stroboskop- und anderen Lichteffekten, fliegenden Luftballons, rockiger Gitarrenmusik und sogar einer Einlage mit einem Dudelsack. Viele der Besucherinnen und Besucher lassen sich vollständig gehen - tanzen, klatschen und jubeln. Und manche sieht man sogar beim Headbangen. Das gemeinsame Amen wird nicht stoisch vorgetragen, sondern laut im Chor ausgerufen. War es zu leise, wird es noch mal wiederholt.
Die musikalische Untermalung kommt von der Band "Metal GodZ powered by Gelbsucht and friends". Die Formation hat sich extra für den ersten Headbanger Gottesdienst gegründet. Inzwischen spielt sie auch zu anderen Anlässen, wie beim vergangenen Weihnachtsgottesdienst oder beim Bikergottesdienst der Metal Biker Church am kommenden Samstag in der evangelischen Kirche in Gondelsheim (Landkreis Karlsruhe). Der Headbanger Gottesdienst endet mit Jubel und tosendem Applaus.
Die Tattoo-Segnung in Bretten im November 2024 war eine andere Aktion, die von Mathias Fuchs mit organisiert wurde:
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Ein Rosenkranz oder ein Kreuz: Viele Menschen tragen religiöse Symbole auf ihrer Haut. Bei einer Tattoosegnung in Bretten zeigt sich: Glaube und Tattoos schließen sich nicht aus.
Bänke in kleiner Kirche in Bruchsal-Obergrombach gut gefüllt
Vor einem Jahr hat der Pastoralreferent die sogenannte Headbangers' Church ins Leben gerufen. Schon der erste Gottesdienst vor einem Jahr im Mai 2024 hat nach Erzählungen der Besucherinnen und Besucher vor Ort die Kirchenbänke in der kleinen Kirche in Obergrombach an der Helmsheimer Straße bis zum Anschlag gefüllt. Auch beim zweiten Gottesdienst waren wieder zahlreiche Metal-Fans mit dabei.
Einige von ihnen bereits zum zweiten Mal. So wie Udo. Er ist von der Kombination aus Rock und Kirche fasziniert. Udo schätzt, dass die Organisatoren sehr engagiert sind und immer wieder neue Wege gehen, um andere Teile der Bevölkerung anzusprechen. "Man sieht, es kommt an", sagt er im Gespräch. Denies ist hingegen zum ersten Mal da. Es reize sie schon, erzählt sie.
Headbanger Gottesdienst: "Anderer Zugang zur Religion"
Auch von weiter weg kommen die Leute zum Gottesdienst. Mathias Fuchs habe mit Leuten aus dem Saarland gesprochen. Marcus Dietrich ist extra aus Freiburg nach Obergrombach gefahren. Er finde die Musik gut und sei vor dem Gottesdienst im vergangenen Jahr noch nie auf einem Festival oder Konzert gewesen. "Alle sind in einem Herzschlag. Die Energie ist krass", schwärmt er. Die Einheit des Publikums habe ihn beeindruckt.
Die Stimmung hat auch Holger Dietrich das letzte Mal begeistert. "Es hatte viel vom Heiligen Geist. Da war eine andere Energie drin, als man es von einem normalen Gottesdienst kennt." Das sei ein anderer Zugang zur Religion.
Ganz viel Power. Ganz viel Wow!
Trotz Kirchenaustritt beim Gottesdienst
Christin, die Begleiterin der beiden, hatte den Gottesdienst das letzte Mal verpasst. Sie musste arbeiten. "Aber die beiden Herren waren da und haben geschwärmt. Da musste ich es mir mal anschauen", sagt Christin. Die Gottesdienste der Gemeinde seien nicht so steif, das gefalle ihr. Christin ist eigentlich aus der Kirche ausgetreten. Inzwischen gehe sie immer mal unregelmäßig in die Kirche, um Holger Dietrich zu begleiten, der sehr religiös sei.
Eine andere Vierer-Gruppe ist da, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten ist. Sie kennen Mathias Fuchs und seien da, um ihn zu unterstützen. Sie schätzen die moderne Art der Kirche. Es sei einfach mal was anderes. Im letzten Jahr sei die Kirche so voll gewesen wie zuletzt vor 40 Jahren, erzählen sie.
Mathias Fuchs: Alle sind willkommen
In der Gemeinde habe Mathias Fuchs mit der Idee offene Türen eingerannt. Er habe Rückendeckung vom Ortspfarrer, vom Dekan und für den Gottesdienst gebe es sogar finanzielle Unterstützung von der Erzdiözese Freiburg. Tatkräftige Unterstützung erhält Mathias Fuchs auch von seiner Freundin Esther. Sei es als Fahrdienst oder auch als offenes Ohr: "Es ist viel Rückenstärkung nötig", erzählt sie. Sie sei sehr stolz auf ihn, dass er erfolgreich ist und seine Ideen umsetzen kann.
Die Organisation macht dem Pastoralreferenten eine riesige Freude. Und dass er die zwei Fundamente in seinem Leben teilen kann: der Glaube an Gott und die Verbundenheit mit der Musik. Mathias Fuchs selbst ist leidenschaftlicher Metaler und fährt jedes Jahr zum Musikfestival Wacken. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder und jede bei Gott willkommen ist. Mit dem Headbanger Gottesdienst wolle er deswegen einen Ort für alle schaffen, die sich nicht akzeptiert und von der Kirche ausgeschlossen fühlen.
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