Print war gestern?

Schülerreporter erleben in Pforzheim den Alltag von Zeitungsjournalisten

Wann ist Dorffest? Wann macht die Gemeinde etwas gegen die Schlaglöcher vor der Haustür? Das steht in lokalen Zeitungen. Doch die sterben nach und nach aus - die BNN macht was dagegen.

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Von Autor/in Annika Jost, Mirka Tiede

Immer weniger Menschen lesen Zeitung. Das merken auch die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). "Es gibt sinkende Printauflagen - kein Geheimnis", erzählt René Ronge, der Leiter der Redaktion in Pforzheim. Seine Zeitung müsse dem jetzt entgegenarbeiten, sagt er. Indem sie im Online-Bereich sowie auf Social Media wachse und die jüngeren Zielgruppen erreiche.

Wir gucken auf die eigene Stadt, auf die eigenen Gemeinden. Was da los ist.

Schüler sind in Pforzheim selbst Reporter

Die BNN will nah an ihren Lesern sein. Dafür nutzt die Zeitung am "Tag des Lokaljournalismus" verschiedene Aktionen. Eine davon ist in Pforzheim. Die Redaktion hat 25 Schülerinnen und Schüler vom Hilda-Gymnasium eingeladen, selbst einmal in die Rolle eines rasenden Reporters zu schlüpfen: Erst wählen sie ein Thema aus - und düsen dann direkt für eine kleine Fotoreportage los.

Eine Schülerin steht auf dem Leopoldplatz in Pforzheim und macht ein Foto mit dem Handy.
Das Thema "Lieblingsort" für die Fotoreportage haben sich die Schülerinnen und Schüler selbst ausgesucht.

Die BNN-Reporterin Kübra Deveci leitet Sevim-Nazsüdem auf dem Platz vor dem Pforzheimer Theater an: "Du probierst dich jetzt einfach mal aus. So wie du denkst, dass es toll aussieht." Nachdem die Schülerin das Bild gemacht hat, stecken beide die Köpfe über dem Handy zusammen. "Wenn du dir jetzt das Bild anschaust, was fällt dir auf?", fragt die erfahrene Journalistin. "Es hat fast die gleiche Farbe wie der Boden?", fragt die Schülerin unsicher zurück.

"Hier ist die Bank zentral im Bild", lobt Kübra Deveci. "Du schaust direkt drauf. Sie fällt auf." Der Ort ist Sevim-Nazsüdems Lieblingsplatz, weil eine Freundin sie hier vor einer Wespe beschützt hatte. Bei der umfangreichen Fotosession ist jeder mal dran. Danach geht es wieder zurück in die Pforzheimer BNN-Redaktion. Dort erstellen sie gemeinsam eine Bildergalerie für die Website.

BNN-Reporterin Kübra Deveci steht auf einer Brücke in Pforzheim und zeigt auf das Handy einer Schülerin.
Jetzt ist Alischa an der Reihe - jeder der Schüler bekam von BNN-Reporterin Kübra Deveci Tipps zu den Bildern.

Nicht jeder kannte BNN vor Besuch

Viele von den Schülerinnen und Schülern kannten die BNN vor ihrem Besuch gar nicht. In ihrem Alltag kommen sie mit Zeitungen selten in Kontakt. Max hatte zum letzten Mal in den Herbstferien eine gedruckte Ausgabe in der Hand. "Ich war da bei meiner Oma und sie hat was zu essen gemacht", erinnert sich der Schüler. "Die Zeitung lag auf dem Tisch und wir hatten gerade den Tisch gedeckt, deswegen musste die Zeitung runter."

Während das Essen abgekühlt sei, habe er sie sich angeschaut. Mehr Bilder wünscht er sich und weniger Text. Er interessiert sich aber für die verschiedenen Themen in seiner Stadt. Deswegen findet er es schade, keine Zeitung nach Haus geliefert zu bekommen. "Ich schaue sie mir dann meistens bei meinen Großeltern an."

Eine BNN-Reporterin seitzt vor dem PC und redet in der Redaktion in Pforzheim mit Schülerinnen.
Was wird aus den Fotos? In der BNN-Redaktion in Pforzheim dürfen die Schülerinnen und Schüler Kübra Deveci über die Schulter schauen.

Sondersituation Pforzheim: Hier gibt es zwei Zeitungen

In Pforzheim sitzen sogar zwei Verlagshäuser - eine Sondersituation bei der Größe der Stadt. Auch das wussten manche der Schülerinnen und Schüler nicht. Für René Ronge ist diese Situation aber ein Luxus: "Das heißt, unterschiedliche Deutungsangebote, unterschiedliche Rechercheansätze bei bestimmten Themen." Diese verschiedenen Perspektiven seien sehr wertvoll.

Manche der jungen Nachwuchs-Leser sind nach dem Besuch in der BNN von den lokalen Themen der Zeitung überzeugt. Sie wollen sich auch in Zukunft die Inhalte der Zeitung öfter anschauen – zumindest auf Instagram und Tiktok.

Tag des Lokaljournalismus – was uns ohne Berichte von vor Ort verloren geht

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gibt es noch viele lokale Zeitungen. Und trotzdem ist der Anzeiger aus dem Heimatort eine aussterbende Spezies. Wo sonst, wenn nicht hier erfahren wir noch, was der Gemeinderat beschlossen hat, wie das Handballteam in der Kreisliga gespielt hat und wie die Waldfreizeit der Pfadfindergruppe war? "Der lokale Journalismus greift Themen auf, die von der Leserschaft unmittelbar erlebbar und überprüfbar sind. Ob die Umgehungsstraße gebaut oder der Kindergarten geschlossen wird", sagt Christof Seeger. Er ist Professor für Zeitungsthemen an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Doch trotz seiner wichtigen Funktion fürs Zusammenleben erfahre der Lokaljournalismus zu wenig Liebe. "Wir haben einen Strukturwandel in der Medienbranche, so dass die meisten Menschen die lokalen Nachrichten gar nicht mehr in der klassischen Form wahrnehmen, sondern sie digital konsumieren." Also weg von der Zeitungslektüre am Frühstückstisch, hin zur App auf dem Smartphone. Durch die sinkende Auflage werden Zeitungen zusammengelegt und lokale Berichterstattung zusammengestrichen. Was es bedeuten würde, wenn es keine lokale Berichterstattung mehr gebe, darüber hat SWR Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex mit Christof Seeger gesprochen.

SWR Aktuell am Nachmittag SWR Aktuell

Tag des Lokaljournalismus Gegen die Nachrichtenmüdigkeit – „Eine lebendige Demokratie braucht blühenden Lokaljournalismus“

Trotz Vertrauensvorsprung kämpfen Lokal- und Regionalzeitungen immer mehr ums Überleben. Tiefer recherchierte Themen könnten die Lösung sein, so Experte Tanjev Schultz.

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Annika Jost
SWR-Reporterin Annika Jost
Mirka Tiede
SWR-Reporterin steht in einem Großraumbüro

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