Lebendige grüne Wände statt grauem Beton: Immer öfter sieht man Pflanzen an Gebäuden nicht nur auf der Fensterbank, sondern auch an der kompletten Fassade. Vertikale Gärten, auch Pflanzenwände oder living walls (engl. für lebendige Wände) werden sie genannt. Diese grünen Fassaden können die Sommerhitze - ein immer größer werdendes Problem - in Städten abkühlen.
Auch wenn es immer mehr davon gibt: In der Regel sind die vertikalen Gärten an großen öffentlichen Gebäuden oder an den Fassaden von Firmen. Eher selten entscheiden sich Privatmenschen dazu, ihre Hausfassaden als Garten zu gestalten. Das bestätigt auch Architekt und Projektleiter Jonathan Müller, der sich um die Umsetzung des vertikalen Gartens von Volker Lück in Karlsruhe-Knielingen gekümmert hat. Der wollte schon lange ein Haus, das immergrün ist. Jetzt schmücken rund 3.000 Pflanzen die Fassade.
Ich habe 50 verschiedene Pflanzen, was mir wichtig ist, dass man die Biodiversität hat. Es blüht vom Februar bis in den Dezember hinein.
Gegen Hitze in der Stadt: Pflanzen kühlen ihre Umgebung
Pflanzen geben über ihre Blätter Wasser ab. Dieser Prozess entzieht der Pflanze und der Umgebung Wärme, es wird kühler. Besonders bei Hitze könnten solche grünen Oasen hohe Temperaturen erträglicher machen. Geht man von außen auf die Fassade zu, spürt man, dass es kühler wird, je näher man der Pflanzenwand kommt.
Im konkreten Fall sorge die begrünte Wand für ein besseres Mikroklima im Hof. Auch innen im Haus wird es nie unangenehm heiß, sagt der 64-jährige Besitzer. Außerdem sei das Haus erst 2022 gebaut und zusätzlich aufwendig gedämmt worden.
Blätter und Blüten statt Farbanstrich am Haus in Karlsruhe
Grün in den verschiedensten Tönen und Schattierungen ist die vorherrschende Farbe auf der etwa 50 Quadratmeter großen Fläche. Zwischendrin blüht es. Weiße, violette oder rosa Blüten sind zu sehen. Auch kleine rote Walderdbeeren recken sich aus der Wand und werden von den Enkeln genascht. Die vielen kleinen und großen Pflanzen sehen beeindruckend schön aus, fast wie ein Gemälde.
Die Vorlage zu diesem vertikalen Garten wurde akribisch vorher aufgezeichnet, am Computer ein Plan ausgearbeitet, erklärt Volker Lück, der als Kunstschreiner mit eigenem Betrieb arbeitet. Er hat die Gestaltung der Fassade selber übernommen. Ein Fachbetrieb hat dann die einzelnen Elemente - Kunststoffträger, in denen die Pflanzen hängen - an die Wand montiert.
Gartenarbeit in der Vertikalen
Gießen an der Wand geht natürlich nicht so wie in einem herkömmlichen Garten. Der vertikale Garten wird automatisch bewässert. Tropfleitungen aus schwarzem Kunststoff hängen hinter den Pflanzen an der Hausfassade und versorgen punktgenau die einzelnen Pflanzen mit Wasser. Die Pflanzen stecken mit ein wenig Erde in Mineralwolle, die als Feuchtigkeitsspeicher dient.
Richtig durstig sind die etwa 3.000 Pflanzen. Rund 250 Liter Wasser brauchen sie täglich. Das kommt aus einem alten Heizöltank, in dem das Regenwasser vom Dach aufgefangen wird. Wie viel Arbeit macht so ein Garten an der Hauswand, das würden sich viele Menschen fragen. Volker Lück erklärt, das sei absolut überschaubar, was den Zeitaufwand betrifft. "Ich schneide den einmal im Herbst und einmal im Frühjahr, das war's eigentlich", meint er. Und ergänzt dann noch, so über das Jahr müsse er gut 100 bis 150 Pflanzen nachpflanzen, mehr Arbeit sei es aber nicht. Ein rollbares Gerüst erleichtere die Arbeit.
Mein horizontaler Garten braucht viel mehr Arbeit als mein vertikaler Garten.
Grüne Oase auch mit Tieren
Neben dem kühlenden Effekt und der Farben- und Blütenpracht zieht der vertikale Garten auch viele Tiere an. Volker Lück berichtet, er habe in der Fassade viele Insekten. Zum Beispiel Spinnen oder Hummeln und Bienen, die angelockt werden, ins Haus kämen aber keine, meint er. Die Entscheidung für den vertikalen Garten habe er nie bereut. Vor allem auch, weil die grüne Fassade am Haus Schwalben angelockt habe. Die würden nun im Hausdurchgang brüten.
Ich habe keine Schnaken auf dem Hof, die werden jetzt von den Schwalben weggefressen.
Fassadenbegrünung gegen Stadthitze in der Forschung bewiesen
Die Vorteile einer grünen Wand sieht nicht nur Hausbesitzer Volker Lück: Mit einer "Wilden Klimawand" hat ein aktuelles Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart den vertikalen Lebensraum für Wildpflanzen erprobt. Dabei kommen Module zum Einsatz, bestehend aus Wildstauden, Kräutern und Gräsern.
Die bepflanzte Oberfläche kühlt die Bauteiloberfläche effektiv ab und reduziert den urbanen Hitzeinseleffekt.
Expertinnen und Experten des Fraunhofer-Instituts Stuttgart, Abteilung Bauphysik haben zusammen mit der Universität Stuttgart und dem Unternehmen Helix diese neue Grünfassade für heimische Wildpflanzen entwickelt. Das System soll Städte kühlen und Insekten wie Vögeln Lebensraum bieten.