Maira tanzt. Wirft wirbelnd bunte Tücher in die Luft. Die Sporttherapie hilft ihr, lenkt sie kurzfristig von ihren Kopfschmerzen ab. Die hat die Elfjährige dauerhaft, tagtäglich. "Ich habe sie die ganze Zeit, schon seit drei Jahren", erzählt sie. "Manchmal kann ich einfach nicht mehr in der Schule."
Deshalb ist Maira jetzt hier im Kinderschmerzzentrum des Klinikums Stuttgart - das einzige stationäre in Baden-Württemberg. In ganz Deutschland gibt es nur eine Handvoll dieser Zentren.
Kopfschmerzen bei Kindern: Ein unterschätztes Problem
Dabei ist der Bedarf groß. Laut Studien leiden 30 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter wiederkehrenden Kopfschmerzen. Doch oft würden diese nicht ernst genommen, wie Gudrun Goßrau, Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, betont: "Diagnostik und Therapie werden nicht konsequent verfolgt."
Das könne gravierende Folgen haben, erklärt Michael Schroth, Oberarzt im Kinderschmerzzentrum des Klinikums Stuttgart: "Wir haben oft Fälle, dass Kinder jahrelang Kopfschmerzen haben mit hohen Schulfehlzeiten, wo sich dann auch die Noten verschlechtern, bis man die dann einer zielgerichteten Therapie zuführt." Dazu komme, dass die Strukturen für stationäre Schmerztherapien bei Kindern im Moment nicht ausreichten. Es gäbe zu wenig Einrichtungen, die sich darauf spezialisiert hätten. Das habe gravierende Auswirkungen, bis ins Erwachsenalter, so Schroth. "Ein länger anhaltender Schmerz kann chronisch werden und das Leben der Betroffenen bestimmen - mit negativen Auswirkungen auf Sozialkontakte, Hobbys und die schulische Leistung."
Stationäre Therapie für vier Wochen
Maira ist ein von rund 250 Patienten, die hier im Jahr behandelt werden. Sie ist seit einer Woche da. Im Schnitt bleiben die Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 18 Jahren rund vier Wochen. Ohne ihre Eltern. Maira teilt sich ein Zimmer mit einem anderen Mädchen, über ihrem Schreibtisch hängen Bilder, die ihre drei kleinen Geschwister für sie gemalt haben. Allein hierherzukommen sei nicht leicht gewesen, erzählt sie: "Ich war sehr aufgeregt. Und ich hatte auch ein bisschen Angst. Aber jetzt geht's mir hier eigentlich ganz gut."
Ihr Zuhause ist eineinhalb Stunden entfernt. Zweimal die Woche kommen ihre Eltern zu Besuch, sprechen dann zusammen mit ihr auch mit den behandelnden Ärzten.
Warum leiden immer mehr Kinder unter Kopfschmerzen?
Maira lernt heute Oberarzt Michael Schroth vom Kinderschmerzzentrum des Klinikums Stuttgart kennen. Er will wissen, ob sie einen Grund weiß, warum die Kopfschmerzen begonnen haben. Doch Maira kennt keinen erzählt sie: "Sie kamen so schleichend, aber warum, wissen wir nicht."
Das sei häufig so, erklärt Oberarzt Schroth, denn die Ursachen für Kopfschmerzen bei Kindern seien vielfältig. Soziale und emotionale Faktoren wie Stress, Schlafmangel, Bewegungsmangel oder schulischer Druck. Auch der Medienkonsum spiele eine Rolle, so Schroth.
Wir gehen davon aus, dass hohe Mediennutzung zum einen durch den Input durch den Bildschirm, zum anderen durch die statische Körperhaltung Kopfschmerzen fördern können.
Tabletten helfen den Betroffenen nicht
Dabei gehe es um primäre Kopfschmerzen, die aus dem Gehirn heraus entstünden, so Oberarzt Schroth. Alle anderen organischen Ursachen würden vorher ausgeschlossen, sonst müsse die Behandlung eine andere sein. Maira hat Spannungskopfschmerzen. "Wir fragen das immer aktiv ab, weil wir ganz häufig die Konstellation haben, dass die Kinder zwei Kopfschmerzformen haben. Im Wesentlichen sind es fast immer Spannungskopfschmerzen. Migräne und andere Kopfschmerzformen spielen eine sehr untergeordnete Rolle", so Schroth.
Mairas Eltern haben die Beschwerden ihrer Tochter von Anfang an ernst genommen. "Wir waren bei vielen Ärzten und haben vieles ausprobiert", erzählen sie. Doch nichts half. Tabletten nimmt sie nicht. Denn Medikamente, die bei akuten Kopfschmerzen wirksam sind, können bei chronischen Schmerzen sogar schaden.
Vielseitige Therapie: Was hilft Kindern wirklich?
Jetzt hofft Maira im stationären Kinderschmerzzentrum auf Hilfe. Oberarzt Schroth erklärt das Konzept: "Unsere Schmerztherapie ist interdisziplinär. Sie umfasst Sport-, Musik- und Physiotherapie sowie psychologische Unterstützung." Ziel sei es, die Selbstwirksamkeit der Kinder zu stärken: "Wir geben ihnen Werkzeuge an die Hand, damit sie ihre Schmerzen selbst besser in den Griff bekommen."
Das wöchentliche Tanzen in der Sporttherapie sei nur ein Baustein: Bewegung spiele insgesamt eine zentrale Rolle. "Wir wissen, dass Sport bei chronischen Schmerzen sehr gut hilft", ergänzt Schroth. Die Kinder bewegen sich in Gruppen, gehen oft nach draußen und werden von Sport- und Physiotherapeuten angeleitet.
Rantasten an den Alltag: Kinder werden auch unterrichtet
Außerdem werden die Kinder hier am Klinikum Stuttgart unterrichtet. Gerade sind noch Ferien, aber in einer Woche geht’s wieder los: "Wir wollen natürlich, dass vor allem die Kinder, die nicht zur Schule gehen oder zu selten zur Schule gehen, das wieder trainieren", so Schroth.
Nach ihrem Gespräch mit Oberarzt Schroth hat Maira in der Gruppe Musiktherapie. Gemeinsam mit Stationsleiter Radoslaw Pallarz üben die Kinder und Jugendlichen verschiedene Stücke ein und nehmen diese auch auf. Maira sitzt am Schlagzeug, zuhause spielt das ihr kleiner Bruder.
"Musik hilft, Emotionen wieder zu spüren - etwas, das bei chronischen Erkrankungen oft schwerfällt", sagt Stationsleiter Radoslaw Pallarz. Maira, die zuhause Querflöte spielt, findet die Musiktherapie großartig: "Es macht Spaß, gemeinsam zu musizieren. Wir basteln auch und machen Ausflüge."
Ihre Kopfschmerzen sind noch nicht besser geworden. Doch Mairas Chancen stehen gut: Rund 250 Kinder werden hier jährlich behandelt. Zwei Drittel hilft die Therapie im Klinikum Stuttgart.