Für neun- und zehnjährige Kinder soll es künftig eine neue Vorsorgeuntersuchung geben. Die Krankenkassen sollen diese zusätzliche U-Untersuchung, wie die ärztlichen Checks im Kindesalter auch genannt werden, übernehmen. Das gab der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) bekannt, der für die Ausgestaltung der Gesetze im Gesundheitsbereich zuständig ist.
- Was ändert sich für Eltern und Kinder?
- U10-Untersuchung: Was ändert sich?
- Profitieren auch Ärzte davon?
- Welche Probleme könnte es geben?
- Ab wann startet die neue Untersuchung?
Was ändert sich für Eltern und Kinder?
Die größte Änderung besteht darin, dass die U10-Vorsorgeuntersuchung künftig allen Kindern im Alter von neun und zehn Jahren zur Verfügung steht. Zurzeit gibt es eine freiwillige U10 und U11-Untersuchung. Diese wird allerdings nur teilweise von Krankenkassen übernommen. Nämlich dann, wenn behandelnde Ärzte sogenannte "Selektivverträge", also spezielle Vereinbarungen mit den Kassen, getroffen haben. Das sei in Baden-Württemberg allerdings nur bei rund der Hälfte aller Kinderärzte und -ärztinnen der Fall, sagt Kinderarzt Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte BW. Mit der Neuerung werden die einzelnen Verträge hinfällig.
Im Vordergrund der Untersuchung sollen die Themen Übergewicht, körperliche Aktivität, digitaler Medienkonsum und psychische Auffälligkeiten stehen. Zudem soll das U-Heft umgestaltet werden. Neben der U10 soll künftig auch die Jugenduntersuchung J1 ab 12 Jahren dokumentiert sein.
U10-Untersuchung: Was ändert sich?
Die U10 schließt vor allem eine zeitliche Lücke. Aktuell durchlaufen Kinder die U9 mit fünf Jahren und die Jugenduntersuchung J1 mit 12 Jahren. Dazwischen liegen oft große Teile der Grundschulzeit. Das sei zu lang, sagt Kinderarzt Till Reckert. "Gerade in dieser Zeit können wesentliche Dinge vorkommen, bei denen unser Rat gefragt ist - zum Beispiel bei der Erkennung von Lese-Rechtschreib-Problemen oder Dyskalkulie." Auch Probleme mit der Aufmerksamkeit seien derzeit allgegenwärtig. "Da geht es darum, früh gegenzusteuern."
Auch Übergewicht oder Adipositas entwickeln sich oft um den Schulbeginn. Das sagt nicht nur Till Reckert, sondern auch Sportexpertin Claudia Niessner vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). In Studien seien bei der Bewegung besonders in zwei Lebensphasen Einbrüche zu beobachten: beim Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule und von der Grundschule in die weiterführende Schule. "Während der Schulwechsel sind oft andere Dinge wichtiger, sodass die Bewegung verloren geht", sagt Niessner. Auch Ausdauer, Kraft und Motorik seien zurückgegangen, weil alltägliche Bewegungen wie der Weg zur Schule zunehmend wegfielen. Eine Bewegungs- und Ernährungsberatung durch einen Arzt sei in dieser Zeit daher sinnvoll.
Profitieren auch Ärzte davon?
Doch nicht nur für Eltern und Kinder könnte die Vorsorgeuntersuchung künftig einfacher werden. Auch Ärztinnen und Ärzte könnten davon profitieren. Das liegt laut Reckert vor allem an den Selektivverträgen. "Da sehe ich immer ein bisschen einen Flickenteppich", so der Kinderarzt. Dieser führe teils zu einem gewaltigen Aufwand in der Verwaltung, der sich durch die einheitliche Kostenübernahme verringern könnte.
Wie genau die Kollegen zur Neuerung stehen werden, sei aber noch unklar. "Das hängt dann von einigen Begleitfragen ab", sagt Reckert - etwa, wie die Untersuchung konkret ablaufen werde und welches Honorar verhandelt werde.
Welche Probleme könnte es geben?
Mögliche Probleme sieht Till Reckert besonders an Orten, an denen die ärztliche Versorgung derzeit schlecht ist. Hier könnten die Ärzte und Ärztinnen schnell an die Grenzen ihrer Kapazität kommen. Denn Praxen, die bereits jetzt stark ausgelastet seien, hätten tendenziell keine Selektivverträge. Dort sei man meist darauf konzentriert, die Grundversorgung sicherzustellen, sagt der Kinderarzt. "Wenn jetzt alle Eltern kommen und im gelben Heft steht, dass man dazu verpflichtet ist, kann es gut sein, dass die Arbeit mehr wird."
Zu großen Schwierigkeiten könne es zudem bei der Anschlussversorgung kommen. Besonders betroffen sei die Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Reutlingen, wo Till Reckert seine pädiatrische Praxis betreibt, gebe es bei den Psychiatern schon jetzt nicht einmal mehr eine Warteliste. Doch mehr Untersuchungen würden wahrscheinlich auch mehr Überweisungen bedeuten.
Ab wann startet die U10?
Wann die neue U10 genau startet, ist noch unklar. Bisher gibt es lediglich den Beschluss, dass die Krankenkassen die Untersuchung übernehmen sollen. Dieser muss laut GBA noch rechtlich geprüft werden, auch die Verhandlungen für das Honorar der Ärzte stehen noch aus. Diese können bis zu einem halben Jahr lang dauern.