Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Jung (CDU) will neue Regeln für Hitzefrei an den Schulen. "Wenn es im Klassenzimmer über 30 Grad hat, da kommt nix Gescheites dabei raus", sagte der CDU-Politiker am Dienstagmorgen im Gespräch bei SWR1 BW. "Ich kann mir vorstellen, dass wir neue Regelungen erarbeiten, alles auf den Prüfstand stellen." Neue Regeln könnten frühestens ab dem nächsten Schuljahr gelten.
Kultusminister: Klassenzimmer-Temperaturen als Hitzefrei-Maßstab
Zwar solle auch künftig die Verantwortung für Hitzefrei bei den Schulen liegen, aber er sei dafür, "dass man etwas mehr Verbindlichkeit reinbringt". Bisher lautet die Empfehlung nur, dass man ab einer Außentemperatur von 25 Grad im Schatten Hitzefrei geben könne. Daraus müsse eine "Soll"-Regelung werden, erklärte der Minister. Er sei zudem dafür, dass man die Temperatur im Klassenzimmer zum Maßstab nehme, hier dürfe es nicht über 30 Grad gehen.
Vize-Ministerpräsident und Innenminister Manuel Hagel (CDU) begrüßte Jungs Vorschlag. "Ich finde diese Initiative von Andreas Jung wirklich total richtig." Er könne auch nicht verstehen, warum die Temperatur draußen und nicht im Klassenzimmer gemessen werde. Man müsse auch bedenken: "Wir müssen zunehmend mit mehr Hitzetagen rechnen", sagte der CDU-Landeschef.
Angesichts der momentanen Hitzewelle forderte Jung die Lehrkräfte auf, besonders auf die Belastung der Schülerinnen und Schüler zu achten. "Besondere Lagen erfordern besondere Maßnahmen", sagte Jung. So sollten neben der Möglichkeit von Hitzefrei nach der vierten Stunde "grüne Klassenzimmer oder eine kühle Aula" genutzt werden.
GEW fordert Sanierungsoffensive für Schulen
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg betont, dass Hitzefrei kein Dauerzustand werden dürfe. "Wichtig wäre eine Sanierungsoffensive für Kita- und Schulgebäude, um [sie] für den Klimawandel fit zu machen". Auch neue Schulden dürften in dem Zusammenhang "kein Tabu sein". Die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein forderte Kultusminister Jung auf, er solle mit seiner Vorgängerin und jetzt Bauministerin Schopper von den Grünen ein Sanierungspaket für die Bildungseinrichtungen auflegen. Wichtig sei ihr auch, an die Schulen zu denken, an denen es kein Hitzefrei geben könne. Dazu gehörten beispielsweise Schulen im Ganztag und auch Berufliche Schulen.
VBE für "intelligente Architektur"
Auch der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg, Gerhard Brand, fordert Investitionen in die Gebäude. "Wir brauchen Regeln, wie wir die Kinder in der Schule belassen. Wir brauchen also Regeln für die Kommunen, wie sie die Klassenzimmer auszustatten haben, dass Unterricht auch bei großer Hitze stattfinden kann." Er nennt in dem Zusammenhang: Klimaanlagen, Isolation und intelligente Architektur.
SPD für neue Hitzefrei-Regel
Ähnlich sieht das die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Katrin Steinhülb-Joos. Sie sei selbst zehn Jahre lang Schulleiterin gewesen und habe mitbekommen, wie jede Schule anders mit der Hitze umgegangen sei. Die SPD-Politikerin fordert nachdrücklich eine einheitliche Regelung - und zwar sofort. Man bräuchte "verbindliche einheitliche Regelungen, so dass es klar ist, dass bei bestimmten Temperaturen alle Kinder Hitzefrei haben." Wie auch GEW und VBE stellt Katrin Steinhülb-Joos fest, dass der Hitzeschutz an vielen Schulen mangelhaft sei. Die Gebäude müssten entsprechend ausgestattet werden, so die SPD-Politikern. "Wir haben ein Förderprogramm von mindestens 25 Millionen Euro für Hitzeschutzmaßnahmen gefordert." Das müsse als längerfristig Maßnahme dringend angegangen werden.
Auch AfD fordert moderne Schulgebäude
Der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag Hans-Peter Hörner begrüßt den Vorschlag aus dem Kultusministerium. "Als kurzfristige und pragmatische Zwischenlösung kann '25 Grad morgens um 11 Uhr' dazu beitragen, Schüler und Lehrkräfte zu entlasten." Allerdings mahnt auch die AfD-Fraktion, dass langfristig "Hitzefrei" kein Ersatz für notwendige Investitionen sein. Moderne Schulgebäude seien das Ziel. Der AfD-Politiker fordert beispielsweise auch Klimaanlagen für die Schulen, wie sie in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens schon Standard seien.
Keine einheitliche Festlegung von Hitzefrei für Schulen in BW
In Baden-Württemberg gibt es bisher keine gesetzlich festgelegte Temperatur, ab der automatisch Hitzefrei erteilt wird. Das Kultusministerium gibt lediglich Empfehlungen aus, am Ende soll die Schulleitung entscheiden. Wenn es um 11 Uhr vormittags im Schatten mindestens 25 Grad hat, soll Hitzefrei gegeben werden können - frühestens aber nach der vierten Schulstunde. Benachbarte Schulen sollen sich möglichst abstimmen. Die Empfehlung gilt nicht für berufliche Schulen und die Oberstufe an Gymnasien.
Die Entscheidung hängt nicht nur von der Temperatur ab, sondern zum Beispiel auch von den Betreuungsangeboten, den verfügbaren Lehrkräften und ob die Schülerinnen und Schüler abgeholt werden können.