Debatte nach Leihmutterschaft von Spahn

Ethikrat-Chef fordert klare Regeln zu Leihmutterschaft - wie ein betroffener Vater das sieht

Seit Jens Spahn ein Baby-Foto veröffentlicht hat, kochen die Gemüter. Der Ethikrat-Vorsitzende fordert eine offene Debatte. Ein Papa aus Mannheim erzählt von seinen Erfahrungen.

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Von Autor/in Leonore Kratz

Ein Neubau in Mannheim, im Flur steht ein Bobbycar, im Wohnzimmer liegt buntes Spielzeug. Hier wohnt Tom Müller mit seinem Mann und den zwei Söhnen. Sie sind sechs und anderthalb Jahre alt - beide kamen durch Leihmütter in den USA zur Welt. Tom Müller heißt eigentlich anders, er möchte anonym bleiben. Die Debatte um Leihmutterschaft ist ihm zu aufgeheizt. Sein großer Sohn ist heute nicht im Kindergarten, er spielt neben dem Sofa. Währenddessen erinnert sich sein Papa an die Geburt des Jüngeren.  

Enger Kontakt zu den Leihmüttern 

Der kam kurz vor Weihnachten, ein paar Wochen zu früh, auf die Welt: "Dann mussten wir ganz schnell rüber reisen und hatten selbst noch kein Quartier dort. Wir haben dann den Trailer von den Eltern von der Leihmutter bekommen." In dem Wohnwagen durften Tom und sein Mann für eine Woche übernachten. Sie feierten Weihnachten mit der Familie der Leihmutter: "Wir sind richtig ein Teil der Familie geworden." 

Bis heute ist der Kontakt mit beiden Leihmüttern gut. Sie tauschen Fotos aus und telefonieren per Video. Tom Müller und seinem Mann ist es wichtig, dass ihre Söhne wissen, wo sie herkommen. Und auch das Wohl der Leihmutter beschäftigt sie. Neun Monate seien eine prägende Zeit, sagt der zweifache Vater. "Das ist oft in der Kritik gewesen, dass da ein Baby gekauft wird und man ist dann weg. Wir waren so, dass wir den Kontakt halten möchten." 

Leihmutterschaft ist in den USA ein großer Markt 

Die beiden Väter haben sich bewusst für Leihmütter in den USA entschieden, weil das Verfahren dort gesetzlich geregelt ist. Sie haben eine Agentur genutzt und beide Male einen sechsstelligen Betrag gezahlt. Für das Paar eine Summe, auf die sie sparen mussten. Auch ihre Eltern haben sie um finanzielle Unterstützung gebeten. Die Leihmütter bekamen jeweils rund 40.000 Dollar, hatten Anspruch auf einen Anwalt und einen Psychologen. Und sie hätten das Baby am Ende auch behalten dürfen, berichtet Tom Müller. 

Er erinnert sich, wie die zweite Leihmutter ihnen erklärt hat, warum sie für andere Menschen ein Kind austrägt: Sie habe zwei ungewollt kinderlose Schwestern, das sei der Grund, warum sie anderen Familien helfen wolle. "Als wir uns kennengelernt haben, da hatte sie Tränen in den Augen, als sie uns das berichtet hat, von ihrer Motivation. Das war wirklich sehr schön", erinnert sich Tom Müller an das Gespräch zurück. 

Schwangere Frau mit Babybauch
Eine Leihschwangerschaft in den USA kann um die 100.000 Euro kosten Eibner

So positiv läuft es aber nicht überall. Es gibt Babys, die nie bei den Leihmüttern abgeholt werden. Das war etwa der Fall, als in der Ukraine 2022 plötzlich Krieg war und die ausländischen Eltern nicht mehr einreisen konnten. Und es gibt Frauen, die sich nur für eine Leihschwangerschaft entscheiden, weil sie dringend Geld brauchen. Ein Dilemma kann außerdem entstehen, wenn die Leihmutter im Laufe der Schwangerschaft den Wunsch entwickelt, das Kind selbst zu behalten. 

Queere Community enttäuscht über Spahns Doppelmoral 

Seit dem Fall Jens Spahn steht das Thema Leihmutterschaft im Fokus. Der CDU-Politiker und sein Mann sind mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden. Spahn hatte Leihmutterschaft in der Vergangenheit abgelehnt. Diese Doppelmoral kam nicht gut an. Auch nicht in der queeren Community, sagt Joachim Schulte, Sprecher von Queernet Rheinland-Pfalz.  

Jens Spahn habe als Politiker Leihmutterschaft und die Rechte queerer Familien bekämpft, nutze sie aber nun privat und inszeniere sich öffentlich. Der Politiker hätte seine Erfahrung nutzen können, um eine sachliche Debatte über Leihmutterschaft anzustoßen, fordert Joachim Schulte. 

Ethikrat-Vorsitzender fordert offene Debatte 

In Deutschland ist eine Leihmutterschaft verboten. Grundlage dafür ist das sogenannte Embryonenschutzgesetz. Eizellenspende und das Einsetzen eines Embryos zum Zweck der Leihmutterschaft sind durch das Gesetz unter Strafe gestellt. Kinder, die von einer Leihmutter im Ausland geboren werden, werden aber hierzulande anerkannt. Wie viele Kinder jährlich durch Leihmutterschaft nach Deutschland kommen, ist statistisch nicht erfasst.

Der Ethikratvorsitzende Helmut Frister
Der Ethikratvorsitzende Helmut Frister kritisiert Doppelmoral in Deutschland Political-Moments

Helmut Frister, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, kritisiert, dass Deutschland das Problem ins Ausland abschiebt. "Das ist eine Form von Doppelmoral, die ich erstens nicht gut finde. Und zweitens führt das dazu, dass Formen der Leihmutterschaft im Ausland stattfinden, die von den Begleitumständen hochproblematisch sind." Der Ethikrat-Vorsitzende fordert deshalb eine offene Debatte.  

Legalisierung nur mit klaren Regeln

Eine Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland könnte er sich vorstellen - aber nur unter bestimmten Bedingungen. Es müsste darauf geachtet werden, dass keine finanzielle Notsituation ausgenutzt werde, sagt Helmut Frister. Und dass die Leihmütter medizinisch gut betreut werden. "Und eins wäre mir ganz wichtig: Die Regelung müsste vorsehen, dass die Leihmutter auch noch kurz nach der Geburt die freie Entscheidung hat, ob sie das Kind doch behalten möchte." 

Auch Tom Müller aus Mannheim wünscht sich eine ausgewogene und vor allem sachliche Debatte. Es ärgert ihn, wenn von "gekauften Kindern" oder "Lifestyle-Babys" gesprochen wird. "Ich weiß noch als ich den Herzschlag vom Großen gesehen habe, mir sind die Tränen gekommen, ich war wirklich glücklich." Der Weg zu den Kindern mag ungewöhnlicher gewesen sein. Aber das sei kein Lifestyle, sondern die vier führten ein ganz normales Familienleben.

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Autor/in
Leonore Kratz
SWR-Redakteurin Leonore Kratz

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