Sommer 2024. Laetitia Feige inszeniert in ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HMDK) in Stuttgart, was sie selbst und viele andere Studierende im Studium erlebt haben: Anzügliche Kommentare von Lehrpersonen, Fragen über sexuelle Erfahrungen und abwertende Bemerkungen. Ein Jahr später, beklagt die Studierendenschaft, habe es wenig Konsequenzen gegeben.
Trotz "Awareness" - Studierende sehen wenig Aufarbeitung
Dabei sind die Musikhochschulen im Land sensibilisiert, werben für "Awareness". Die Rektorenkonferenz der Musikhochschulen hat das Thema auf dem Schirm. Es gibt landauf, landab Anlaufstellen, Richtlinien und Handlungsempfehlungen zum Thema Machtmissbrauch. Das Land Baden-Württemberg hat zudem eine Vertrauensanwältin eingesetzt, die rechtliche Beratung geben kann. Und wenn an der HMDK das neue Semester beginnt, dann wird der Rektor sogar eine Ansprache vor allen Studierenden halten und erklären, dass Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen an der Hochschule nicht geduldet werden.
Vieles hat in den Augen Studierender nur Appell-Charakter. "Es herrscht in der Studierendenschaft nicht der Eindruck, dass sich viel getan hat", erklärt Anna Zimmermann, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) an der HMDK. Es habe keine konkrete Aufarbeitung der Fälle gegeben, die in der Abschluss-Arbeit vor einem Jahr präsentiert wurden, so Zimmermann.
Mehr als 170 Studierende haben sich geäußert Studentin: Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung an Musikhochschule Stuttgart
Eine Studentin der Musikhochschule Stuttgart hat in ihrer Abschlussarbeit sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch thematisiert. Bei ihrer Performance wurden Zitate aus einer Umfrage vorgetragen.
Aus der Anonymität heraus trauen sich wenig Geschädigte
Das hat eine ganz banalen Grund: Zu keinem der Vorfälle liegt der Musikhochschulleitung in Stuttgart eine formelle Beschwerde vor. Das bestätigt auch der Rektor der HMDK, Axel Köhler. Für eine formelle Beschwerde braucht es letztlich eine genaue Beschreibung des Vorfalls. Grundsätzlich geht das auch anonym. Aber arbeitsrechtliche Konsequenzen können nur dann folgen, wenn die Personen, um die es geht, klar sind. Viele Studierende scheuen sich genau diesen Schritt zu gehen.
Für die Studierenden ist es schwierig bis unmöglich einer Lehrperson, die ihnen zu nah gekommen ist, aus dem Weg zu gehen. Rektor Köhler spricht von einem "System des Einzelunterrichts". Schüler und Lehrer träfen sich oft zu zweit zum Unterricht. Er räumt ein, manche Dozierende seien "gute Künstler, aber nicht extra ausgebildete Pädagogen."
"Es herrscht in der Studierendenschaft nicht der Eindruck, dass sich viel getan hat."
Pflicht-Workshop für neue Professoren in Trossingen
Gibt es also einen anderen Weg für einen fairen Umgang an Musikhochschulen zu sorgen? An der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen (Schwarzwald-Baar-Kreis), verfolgt man genau diese Spur. Trossingen schreibt Professorinnen und Professoren, die neu an die Hochschule kommen, verpflichtend vor, einen Workshop zum Thema "Nähe und Distanz" zu belegen. Denn auch hier hat man Erfahrungen mit Machtmissbrauch gemacht. Die Pflicht kommt durch die Hintertür - in der Berufungsvereinbarung. Für bereits berufene Professoren oder gar freie Lehrbeauftragte gilt das nicht.
Körperkontakt im Unterricht manchmal notwendig
Einer derjenigen, die im Herbst an dieser Schulung teilnehmen werden, ist Jochen Schorer, der als Professor Schlagzeug in Trossingen unterrichtet. Er findet solch eine vorgeschriebene Schulung gut. Körperlich wird es in seinem Schlagzeug-Unterricht mit Studierenden unter Umständen dann, wenn es darum geht, wie man den Trommelstock hält. Das höre sich zwar vielleicht erst einfach an, aber das Entscheidende sei, zu spüren, dass man mit einem unterschiedlichen Druck auf dem Finger einen unterschiedlichen Klang erzeuge, erklärt Schorer. "Die Studierenden wollen oft, dass man es zeigt." Sonst rede man sich "den Mund fusselig". Wichtig sei es, sich vorher die Zustimmung einzuholen.
"Es braucht Respekt, dass man sich nicht zu nahe kommt"
Über die Jahre hinweg entstehe auch ein enges Verhältnis zu den Schülern seiner Schlagzeugklasse, erzählt Schorer: "Wir sind ein kleines Team." Der Professor setzt dabei aber auch Grenzen. "Es braucht eine gehörige Portion Respekt voreinander, dass man sich nicht zu nahe kommt", sagt er.
Die Hochschulleitung in Trossingen sieht in den Schulungen eine Möglichkeit, Lehrkräfte, die in "#MeToo"-Zeiten verunsichert seien, was noch in Ordnung sei, Klarheit zu geben. Was bleibt, ist allerdings ein Abhängigkeitsverhältnis von Studierenden zu Professoren.
Abhängigkeitsverhältnis bleibt - Studierende befürchten Karrierenachteile
Nicht nur bei der Benotung oder der Vermittlung von Engagements sind Studierende auf das Verhältnis zur Lehrkraft angewiesen. Wer sich entscheidet, einen Vorfall zu melden, könnte seine gesamte Ausbildung gefährden.
Der Rektor der Musikhochschule Trossingen, Christian Fischer, erklärt: "Wir sind eine kleine Hochschule. Wir haben in den meisten Instrumenten tatsächlich nur eine Professur. Das heißt, wenn dort ein Studierender sich nicht wohl fühlt, aufgrund bestimmter Erfahrungen, die er oder sie gemacht hat, ist es nicht so leicht die Klasse zu wechseln."
Was Studierende am Ende zu befürchten haben, ist Benachteiligung. Vielleicht auch deswegen findet unter Studierenden die Idee Anklang, ein Awareness-Team einzurichten. Von Studierenden für Studierende. Nach dem Vorbild der Musikhochschule Trossingen soll es ein solches Team nun auch an der HDMK in Stuttgart geben.