Bundesweite Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Wenn Eltern süchtig sind: Eine Betroffene erzählt

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut dem Verein "Nacoa" mit einem suchtbelasteten Elternteil. In Mannheim unterstützt der Drogenverein Betroffene - darunter auch Erwachsene.

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Von Autor/in Anna Mohl

Mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen: Diese Situation ist für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland Realität. Darauf soll eine bundesweite Aktionswoche aufmerksam machen, die vom Verein Nacoa initiiert wurde. Schätzungen zufolge gibt es in Mannheim etwa 13.000 Kinder und Jugendliche, bei denen mindestens ein Elternteil suchtkrank oder psychisch krank ist. Der Drogenverein versucht, sie zu unterstützen. Eine Betroffene ist Simone Lehnert.

Betroffene mit suchtkrankem Elternteil: "Gehofft, dass es aufhört"

Lehnerts Geschichte mit einem suchtkranken Elternteil beginnt mit etwa zehn Jahren. Ihr Vater verkraftete die Trennung von ihrer Mutter nicht, die Situation verschlimmerte sein schon existierendes Alkoholproblem deutlich. "Ich habe es als Normalität empfunden, meinen Vater in jeglicher Hinsicht zu unterstützen“, berichtet sie. Sie habe Wäsche gewaschen, die Wohnung geputzt und die Flaschen ausgeleert – in der Hoffnung, dass er aufhört zu trinken.

Das ist kein Penner, das ist mein Vater.

Die Situation zieht sich durch ihre gesamte Kindheit: Der Versuch, die Rolle der Erwachsenen im Haus zu übernehmen, die Scham für die Situation, ihren oft ungepflegten Vater. "Einmal wurde ich gefragt, wieso bist du mit diesem Penner unterwegs? Da habe ich gesagt: Das ist kein Penner, das ist mein Vater!“, erinnert sie sich.

Betroffene Angehörige Simone Lehnert im Drogenverein Mannheim
Simone Lehnerts Vater war während ihrer Kindheit alkoholabhängig.

Erst als sie eine Ausbildung beginnt, wird es besser. Simone Lehnert merkt: Sie muss sich um ihr eigenes Leben kümmern. Dabei helfen ihr auch Beratungsangebote. Das erste nimmt sie mit 18 wahr: Eine Angehörigengruppe für erwachsene Kinder von Alkoholikern. Später findet sie Unterstützung beim Drogenverein Mannheim. In dieser Zeit hat sie auch selbst einen drogenabhängigen Partner.

Der Kontakt mit anderen Angehörigen hilft ihr enorm, sie fühlt sich nicht mehr allein. "Du bist nur die Partnerin, nicht die Mutter. Du kannst gehen“, habe ihr eine Frau gesagt. Sie erkennt: Suchtkranke Menschen kann man nicht aus der Sucht ziehen, sie müssen sich selbst auf den Weg machen. Lehnert bricht den Kontakt zu ihrem Vater ab, beginnt nach der Ausbildung ein Studium zur Sozialpädagogin.

Anlaufstelle Mannheimer Drogenverein

Kinder wie Simone Lehnert gibt es viele in Deutschland. Jedes vierte bis fünfte Kind lebt schätzungsweise mit einem suchtkranken oder psychisch erkrankten Elternteil zusammen. Im Mannheimer Drogenverein versucht man deshalb mit Angeboten, Kindern zu ermöglichen, "Kind sein zu dürfen“, sagt Sozialpädagogin Hella-Talina Tatomir-Yeboah, die beim Drogenverein arbeitet. Etwa in einer Bouldergruppe, in der Kinder lernen könnten, sich auszuprobieren, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Sozialpädagogin Hella-Talina Tatomir-Yeboah vom Drogenverein Mannheim
Sozialpädagogin Hella-Talina Tatomir-Yeboah vom Drogenverein Mannheim.

Zudem gebe es ein Patenschaftsprojekt namens "Patronus". Einmal pro Woche treffen sich dabei Ehrenamtliche mit Kindern aus suchtbelasteten Familien zu Freizeitaktivitäten. Die Kinder seien zumeist die der 1.300 Klientinnen und Klienten, die sie hier im Jahr betreuen. Hinzu kommen Informations- und Aufklärungsangebote. Primäres Ziel des Vereins sei es, die Öffentlichkeit und Verantwortliche in Institutionen dafür zu sensibilisieren, sagt Tatomir-Yeboah. So erreiche man die meisten Kinder.

Es wäre wichtig gewesen, dass Menschen hinsehen.

Was Simone Lehnert geholfen hätte, wäre eine Vertrauensperson in ihrem Umfeld gewesen, erinnert sie sich: Lehrkräfte oder Menschen im Kindergarten etwa, die das Problem bemerkt und ihr geholfen hätten, den Kreislauf zu durchbrechen. "Als Kind bist du immer loyal, das System wird gedeckt nach außen hin", erklärt Lehnert.

Ziel: Die Sprachlosigkeit durchbrechen

Sie hätte Halt und Verständnis gebraucht, um da herauszukommen; viele Kinder aus solchen Familien kämpften mit ihrem Selbstwertgefühl. "Es wäre wichtig gewesen, dass Menschen hinsehen", sagt sie. Erst dann könnten Hilfen greifen. Präventionsarbeit halte sie für sehr wichtig.

Lehnert ist heute selbst Sozialpädagogin. Und sie möchte dazu beitragen, Sichtbarkeit für das Thema zu schaffen. "Ich sitze hier, weil ich mich unsichtbar gefühlt habe. Und weil das Thema immer noch unsichtbar im öffentlichen Raum ist." Man müsse die Sprachlosigkeit durchbrechen.

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Simon arbeitet ehrenamtlich als Sprecher des „Paule Clubs”. Der „Paule Club” ist eine Initiative, die hilfsbedürftige Menschen unter der Paulinenbrücke in Stuttgart versorgt. Meistens sind die Menschen suchtkrank und freuen sich über warmes Essen und frische Spritzen. 

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Anna Mohl
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Vuk Dajović
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