Rückgabe von Auszeichnungen nach Unionsantrag

Bundespräsident Steinmeier lädt Bundesverdienstkreuzträger Weinberg und Toscano ein

Der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano und der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg wollen ihre Auszeichnungen zurückgeben. Bundespräsident Steinmeier will mit ihnen reden.

Teilen

Stand

Von Autor/in Christian Hauck, Christian Scharff

Luigi Toscano informierte am Freitag darüber, das Büro von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier habe ihn zu einem Gespräch eingeladen. Außerdem wurde Bedauern ausgedrückt, dass Albrecht Weinberg sein Bundesverdienstkreuz und Luigi Toscano seine Verdienstmedaille zurückgeben wollen.

Der Fotograf Luigi Toscano steht vor großformatigen Bildern seiner Ausstellung "Gegen das Vergessen" auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche Dresden. Zu sehen sind 80 großformatige Bilder von Holocaust-Überlebenden. Die Portraits sind Teil eines internationalen Erinnerungsprojekts von Luigi Toscano.
Der Fotograf Luigi Toscano steht vor großformatigen Bildern seiner Ausstellung "Gegen das Vergessen" vor der Frauenkirche Dresden. Die Portraits sind Teil eines internationalen Erinnerungsprojekts von Luigi Toscano. picture alliance/dpa | Jürgen Lösel

Wegen Bundestagsabstimmung über Fünf-Punkte-Plan

Luigi Toscano hatte dem SWR gesagt, er sei erschüttert und entsetzt darüber, dass die CDU mithilfe einer teilweise gesichert rechtsextremen Partei ihren Antrag zur Migrationspolitik durchgesetzt habe. Deshalb hätten er und der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg gemeinsam beschlossen, ihre Auszeichnungen wegen der Bundestagsabstimmung am Mittwoch zurückzugeben. Toscano ist Träger der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, Albrecht Weinberg dagegen ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

"Es ist zu schwer geworden, es zu tragen, wenn man solche Nachrichten hat. Furchtbar."

Die Auszeichnungen stünden auch symbolisch dafür, "unsere Werte zu verteidigen", so Toscano. Wie genau die Rückgabe ablaufen könnte, sei noch unklar. "Entweder empfängt uns der Bundespräsident oder wir werfen es bei ihm in den Briefkasten", sagte Toscano der Deutschen Presse-Agentur.

Luigi Toscano erhält im Schloss Bellevue den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht 2021 im Schloss Bellevue den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zum Tag der Deutschen Einheit an Luigi Toscano aus Mannheim. picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Wo ist die Brandmauer? Wo sind die demokratischen Werte, die wir verteidigen wollen?

Luigi Toscano ist seit 2021 von der UNESCO berufener Botschafter "Artist for Peace" und setzt sich gegen Antisemitismus ein. Toscano ist für seine Porträts von Holocaust­Überlebenden international bekannt. Zum Projekt "Gegen das Vergessen" gehören auch ein für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis nominierter Dokumentarfilm und ein Bildband. Rund eine Million Menschen weltweit haben die Ausstellung bereits gesehen, unter anderem in Pittsburgh, Kiew, New York, Washington und San Francisco.

Fünf-Punkte-Plan: "Ein Schlag ins Gesicht"

Für Weinberg als Holocaust-Überlebenden sei das, was am Mittwoch im Bundestag passiert ist, ein noch härterer Schlag ins Gesicht als für ihn selbst, erzählt Toscano. Der 99-Jährige überlebte die drei Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora im Harz, Bergen-Belsen bei Celle und mehrere Todesmärsche. Seine jüdische Familie wurde von den Nazis fast vollständig ermordet. 2012 kehrte er zusammen mit seiner Schwester aus den USA zurück in seine ostfriesische Heimat. Seitdem geht er in Schulen und berichtet Schülerinnen und Schülern von seinen Erinnerungen. 

Das wolle Weinberg auch weiter tun. Er "spreche zu Schülern, was sein kann und was würde sein, wenn die die Macht wieder übernehmen", sagte Weinberg mit Blick auf die AfD. "Die haben ja keine Ahnung, wie das ausgesehen hat '45 in Deutschland." Er hoffe, dass die Menschen zur Vernunft kommen. "Politik ist ein komisches Geschäft."

Toscano: Verständnis für Migrationsdebatte - aber nicht so

Er könne nachvollziehen, dass sich Menschen angesichts der Anschläge beziehungsweise Angriffe von Mannheim, Solingen und Aschaffenburg strengere Migrationsregeln wünschten. Damit müsse man sich in unserer Demokratie auseinandersetzen, das sei völlig klar - aber nicht zugunsten einer gesichert rechtsextremen Partei, sagte Toscano. "Die Symbolik und die Gefahren, die daraus resultieren, sind verheerend", sagte Toscano über die Abstimmung im Bundestag am Mittwoch.

Viele Holocaust-Überlebende, mit denen er in Kontakt sei, hätten ihm gesagt, Ähnliches sei passiert, als Hitler an die Macht gekommen sei. Toscano sagte: "Wo ist die Brandmauer, von der immer gesprochen wird? Wo sind die demokratischen Werte, die wir verteidigen wollen?" Das, was gerade passiere, sei demokratiegefährdend.

Baden-Württemberg

Merz' Fünf-Punkte-Plan im Bundestag So äußern sich BW-Abgeordnete und Experten zum Unionsantrag

Der Bundestag hat dem Antrag der Union zur Verschärfung der Migrationspolitik zugestimmt - auch mit Stimmen der AfD. Eine CDU-Abgeordnete aus BW stimmte wohl bewusst nicht ab.

Baden-Württemberg

Mit Stimmen der AfD Unionsantrag zur Verschärfung der Migration bekommt Mehrheit im Bundestag

Nach einer hitzigen Debatte hat der Bundestag einem Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik zugestimmt - auch mit Stimmen der AfD. Die Union hat den Antrag eingebracht.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Christian Hauck
Christian Scharff
Christian Scharff