Neue Einblicke in historischen Kriminalfall

Eichmühle Sinsheim: Fünffachmord nach 80 Jahren noch immer ein Rätsel

Im Dezember 1945 erschüttert ein Fünffachmord Sinsheim-Hilsbach: Eine ganze Familie wird ausgelöscht. Der SWR hat jetzt exklusiv Einblicke in die Ermittlungsakte bekommen.

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Stand

Von Autor/in Stefan Bugert

80 Jahre nach dem Mord an der Müller-Familie Neff gibt es neue Einblicke in einen historischen Mordfall. Der 18. Dezember 1945 ist ein kalter Wintertag im Kraichgau. Gegen 8.30 Uhr trifft ein Weinhändler aus der Pfalz an der zwei Kilometer südlich von Sinsheim-Hilsbach (Rhein-Neckar-Kreis) gelegenen Eichmühle ein. Er macht eine grausige Entdeckung: In der Mühle liegen vier Leichen: Müller Emil Neff (56), seine Ehefrau Luise (48) sowie ihre beiden Töchter Elise (22) und Luise Neff (20). Alle erschossen. Sohn Kurt Neff liegt schwer verletzt in einer riesigen Blutlache. Der 17-Jährige ist bewusstlos. Erst Stunden später kann er mit einem Sanitätswagen in eine Klinik nach Heidelberg gebracht werden. Dort stirbt er gegen 18.45 Uhr. Wäre alles zwei Stunden schneller gegangen, hätte er wohl überlebt, sagen Ärzte laut der Ermittlungsakte später, in die der SWR jetzt Einblick bekommen hat.

Fünffacher Mord in Sinsheim - für immer ungeklärt?

Der Fünffachmord wird wohl für immer ungeklärt bleiben, obwohl es rund 20 Tatverdächtige und mehrere vorübergehende Festnahmen gab. Das geht aus der rund 1.000 Seiten starken polizeilichen Ermittlungsakte hervor, die 70 Jahre lang im Generallandesarchiv Karlsruhe unter Verschluss gehalten wurde. Die Akte zeigt auch: Die Polizei hat mit hohem Aufwand mehr als 15 Jahre lang versucht, das Verbrechen aufzuklären.

 

Familienfoto
Brutal erschossen in der Eichmühle (v.l.): Kurt Neff (17), Müller Emil Neff (56) sowie die Töchter Elise (22) und Luise Neff (20). Privat

Entsetzen im Kraichgau

Der brutale Überfall auf die Eichmühle mit fünf Toten sorgte im Dezember 1945 – ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs – für blankes Entsetzen in der Region, weit über das damals noch eigenständige Dorf Hilsbach mit seinen 1.300 Einwohnern hinaus. Möglicherweise war die Familie im Schlaf überrascht worden. In der gesamten Mühle waren Schränke aufgerissen. Laut Protokoll fehlten jede Menge Kleidungsstücke, darunter Pelzmäntel, Uhren und Schmuck. Drei Taschen mit einer hohen Summe Bargeld, Sparbüchern und Wertpapieren übersahen die Täter offenbar. Die Polizei fand sie laut Ermittlungsakte unter dem Bett, in dem die ermordete Mutter Luise Neff lag – ihre jüngere Tochter vor dem Bett kniend.

Beisetzung am Tag vor Heiligabend

In den Tagen nach der Bluttat waren die Leichen in der Mühle aufgebahrt. Mehrere Männer hielten mit Äxten und Heugabeln bewaffnet Nachtwache. Als in einer Nacht ein Auto zur Mühle kam, sei Panik unter den Nachtwächtern ausgebrochen, so ein Zeitzeuge in einer SWR-Sendung von 1995:

"Die Männer haben gedacht, die Mörder kehrten zurück."

Es handelte sich aber um eine Streife der US-Armee, die als Besatzungsmacht in die Ermittlungen eingebunden war. Am 23. Dezember 1945 fand das Begräbnis statt. Das Pferdegespann der Müllerfamilie führte mit den Särgen auf einem Leiterwagen den Leichenzug zum zweieinhalb Kilometer entfernten Friedhof von Hilsbach an. Hunderte Menschen seien bei der Beerdigung dabei gewesen, so Heimatforscher Bernd Heinz. Er hat den Fall in den 1990er Jahren recherchiert und mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Auf dem Friedhof von Hilsbach erinnert der schwarze Grabstein noch heute an den Fünffachmord.

Viele Gerüchte und ein unklares Tatmotiv

Auf den ersten Blick war es ein Raubmord. In der Zeit Ende 1945 waren Räuberbanden unterwegs, die das allgemeine Nachkriegs-Chaos für Beutezüge ausnutzten. Doch die Polizei hatte auch andere Ansätze, lässt sich der Ermittlungsakte entnehmen. So hielt sich in Hilsbach lange das Gerücht, der ehemalige Knecht der Eichmühle, der polnische Zwangsarbeiter Stanislaus B. (damals 24 Jahre alt), habe Rache geübt, weil seine angebliche Liebe zur älteren Tochter Elise unerwidert geblieben sei.

Genährt wurde dieses Gerücht von der Tatsache, dass am Tag vor den Morden in Hilsbach ehemalige Zwangsarbeiter zu Besuch waren, unter anderem, um sich vor Weihnachten mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Möglicherweise ein Zufall. Wie die Ermittlungen der Polizei ergaben, soll Stanislaus B. bereits am 11. November 1945 mit einem Transport nach Polen zurückgefahren sein. Gefunden hat ihn die Polizei nie.

Familienfoto
Die Müllerfamilie Neff in Sinsheim-Hilsbach: Ein fünffacher Mord, der wohl für immer ungeklärt bleiben wird. Privat

Eine andere Theorie, so die Akte, entsprang der Aussage des Häftlings Walter D., der in Hameln eine lebenslange Zuchthaustrafe verbüßte. Er behauptete, er kenne die Mörder: Eine Schwarzhändlerbande, die Geschäfte mit dem Müller Neff gemacht habe. Dieser habe jedoch Absprachen nicht eingehalten und deshalb sterben müssen. D. stand selbst in Verdacht, weil er Detailkenntnisse über die Mühle und die Tat hatte. Verdächtigt wurden auch ukrainische Zwangsarbeiter. Sie wurden knapp ein Jahr nach der Tat vorübergehend festgenommen. Die Polizei machte fast alle beschuldigten Männer ausfindig und befragte sie.

Hunderte Seiten Vernehmungsprotokolle

Die Vernehmungsprotokolle füllen hunderte Seiten. Sie sind voller widersprüchlicher Angaben. Letztlich konnte die Polizei keinem Verdächtigen etwas nachweisen. Den Ermittlern fehlten weitgehend die Möglichkeiten kriminalistischer Techniken. So wurden am Tatort keine Fingerabdrücke genommen, obwohl diese Technik 1945 längst bekannt war. An DNA-Analysen war noch nicht zu denken.

Kugeln aus zwei Pistolen

Lediglich die ballistische Auswertung von zwei Geschossen und fünf Patronenhülsen brachte einige Erkenntnisse. So wurden die tödlichen Kugeln in der Eichmühle aus zwei Pistolen abgegeben: eine belgische Armeepistole FN Browning und eine deutsche Armeepistole 08. So stellte das hessische Landeskriminalamt (LKA) im November 1948 fest, dass eine der beiden Pistolen wahrscheinlich bei einem Raubüberfall am 24. März 1948 auf die Grorother Mühle in Wiesbaden-Schierstein benutzt wurde. Dies stützt die Räuberbanden-Theorie. Aber alle Spuren, die die Polizei verfolgte, liefen ins Leere.

Akten
Die Ermittlungsakte im Generallandesarchiv in Karlsuhe umfasst rund 1000 Seiten. Bild in Detailansicht öffnen
Eichmühle
Mühlsteine und das ehemalige Stallgebäude erinnern am Campingplatz Hilsbach an die frühere Eichmühle. Bild in Detailansicht öffnen
Grabstein
Der Grabstein der ermordeten Familie Neff auf dem Friedhof in Hilsbach. Bild in Detailansicht öffnen
Eichmühle
Das Hilsbachtal: Hier stand die Eichmühle. Bild in Detailansicht öffnen

Die Eichmühle Sinsheim: Heute ein Campingplatz

1952 startete die Polizei eine letzte große Ermittlungsoffensive. Der Tatort wurde noch einmal fotografisch festgehalten. Pläne von den Räumen entstanden, um sie mit den Aussagen der zahlreichen Verdächtigen abgleichen zu können. Alles ohne Erfolg. 1962 schloss die Staatsanwaltschaft Heidelberg die Akte endgültig. Der Fall bleibt ungelöst. Die Eichmühle, die seit 1375 betrieben wurde, wurde Anfang der 1970er Jahre abgerissen.

Das Gelände am Hilsbach ist heute ein FKK-Campingplatz. Wo früher der Stall der Mühle stand, befindet sich heute ein Gebäude mit Toiletten und Duschen. Im Eingangsbereich erinnern einige Mühlsteine an die frühere Nutzung. Auf dem Parkplatz steht zu Dekorationszwecken ein historischer Leiterwagen – vielleicht der, mit dem die Müllerfamilie Neff ihren letzten Weg zum Friedhof Hilsbach angetreten hat.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Stefan Bugert

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