"Muslime tun Gutes, reden aber nicht darüber"

Vielfalt, die kaum sichtbar ist: Ausstellung über muslimisches Leben in Stuttgart

Persönliche Geschichten von Musliminnen und Muslimen aus Stuttgart sollen die Vielfalt in der Stadt abbilden. Die Bilder und Texte sind von Freitag an im Rathaus zu sehen.

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Von Autor/in Magdalena Haupt

Eine Mitarbeiterin im Jobcenter, ein Oberarzt, ein Designer, eine Gastwirtin, ein ITler - all das sind Menschen aus Stuttgart, die die Ausstellung "Muslimisches Leben in Stuttgart" vorstellt. Sie alle leben schon lange in Stuttgart und der Umgebung, sie alle engagieren sich ehrenamtlich und sie alle wünschen sich, dass muslimisches Leben sichtbarer wird in ihrer Stadt. Ihre Portraits hängen im dritten Stock des Stuttgarter Rathauses.

Portraits und prägnante Statements der abgebildeten muslimischer Menschen sind in der Ausstellung im Rathaus Stuttgart zu sehen. Ein QR-Code führt zu einem ausführlichen Interview.
Portraits und prägnante Statements der abgebildeten muslimischer Menschen sind in der Ausstellung im Rathaus Stuttgart zu sehen. Ein QR-Code führt zu einem ausführlichen Interview. Magdalena Haupt

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, darunter jeweils ein prägnantes Zitat aus einem Interview, dass sie den Ausstellungs-Macherinnen und -Machern gegeben haben. Der ausführliche Text steht auf einer Internetseite, die Besucherinnen und Besucher per QR-Code abrufen können. Außerdem werden Gegenstände in Vitrinen ausgestellt. Initiiert wurde die Ausstellung von der Abteilung Integrationspolitik der Landeshauptstadt Stuttgart, vom Muslimennetzwerk Stuttgart und der Eugen-Biser-Stiftung. Die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt das Projekt.

Das Ziel: Vielfalt und großes Engagement abbilden

Münevver Çakici etwa hat einen uralten Koran ihres Vaters beigesteuert, den er 1993 mit nach Deutschland gebracht hat. Er liegt neben anderen Büchern, Schriftstücken und Gebetsteppichen. "Wir tun viel Gutes, aber wir reden nicht darüber", sagt Münevver Çakici. Die 25-jährige arbeitet im Jobcenter, ehrenamtlich engagiert sie sich im Muslimen-Netzwerk Stuttgart und in ihrer Moscheegemeinde in Kornwestheim. "Wir bauen Gebetsräume und kümmern uns darum, das ist wichtig für unsere Community", sagt sie.

Münevver Çakici ist eine der Mitorganisatorinnen der Ausstellung zum Muslimischen Leben im Rathaus Stuttgart. Auch sie selbst kommt in der Schau zu Wort.
Münevver Çakici ist eine der Mitorganisatorinnen der Ausstellung zum Muslimischen Leben im Rathaus Stuttgart. Auch sie selbst kommt in der Schau zu Wort. Magdalena Haupt

Aber es sei auch wichtig, dass Muslime in Behörden, in Schulen arbeiten. Denn wenn ein Mensch mit Migrationsgeschichte einem anderen gegenüberstehe, führe das dazu, dass man sich verstanden fühle. Von der Ausstellung erhofft sie sich, dass sie muslimische Menschen repräsentiere, die Vielfalt zeige, die es in der Region Stuttgart gebe.

Ausstellung zeigt das Engagement von Muslimen

Muslimisches Leben gebe es überall in Stuttgart und die Menschen dahinter seien vielfältig engagiert. "Wir unterstützen bei der Digitalisierung, wir organisieren uns in Vereinen, helfen bei der Eingliederung von Menschen, die neu nach Deutschland kommen", sagt die 25-Jährige. "Dieses Engagement wollen wir zeigen." Denn es gebe immer noch viele Vorurteile, mit denen muslimische Menschen konfrontiert würden.

Wir unterstützen bei der Digitalisierung, wir organisieren uns in Vereinen, helfen bei der Eingliederung von Menschen, die neu nach Deutschland kommen. Dieses Engagement wollen wir zeigen.

Mit vielen anderen hat sie deshalb eineinhalb Jahre diese Ausstellung vorbereitet und ist jetzt sehr aufgeregt und gespannt. "Ich hoffe, dass viele muslimisch gelesene Menschen ins Rathaus kommen und eine Ehrung erfahren für die Arbeit, die sie tagtäglich im Stillen leisten." Münevver Çakici hat türkische Wurzeln. Ihr Vater ist 1993 nach Deutschland gekommen, da hatte ihre Mutter schon in Stuttgart gelebt. Denn ihre Eltern kamen schon früher als Gastarbeiter.

Muslimische Menschen mit Wurzeln in vielen Ländern

In der Ausstellung werden aber auch Menschen mit Wurzeln in anderen Ländern porträtiert. Etwa aus dem Kosovo, wie die Brüder Besim und Milaim Limani. In ihrem Text für die Ausstellung fordern sie Musliminnen und Muslime auf, sich an Wahlen zu beteiligen und politisch zu engagieren. Die Stadtgesellschaft könne Teilhabe fördern, indem sie Diskussionen auf Augenhöhe unterstütze. Diese Forderung unterstützt auch Shahnura Kasim. Die 22-Jährige arbeitet im Restaurant ihrer Eltern - es ist das einzige uigurische Restaurant in Stuttgart.

In ihrem Interview erzählt sie, dass manchmal muslimische Menschen ins Restaurant kommen um zu beten, weil es keinen Gebetsraum in der Nähe gebe. Da die uigurische Gemeinde in Deutschland klein sei, will Shahnuras Familie neben dem Restaurant auch die Kultur der Uiguren zu vermitteln. In der Region Xinjiang in China sind die Uiguren eine Minderheit, die unter Repressionen leidet.

Ausstellung als Ort für Begegnung und Gespräche

Die Stuttgarter Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Integration Alexandra Sußmann (Grüne) sagt: "Wir wollen die Vielfalt in dieser Stadt sichtbar und greifbar machen." Ein Ziel der Ausstellung sei es, zu zeigen, wie viel Engagement es von muslimischen Menschen seit Jahrzehnten gebe, in der Wirtschaft, im Sport und Kultur. Die Vielfalt in der Stadt müsse auch in einem positiven Kontext erfahren werden.

Die Bürgermeisterin wünscht sich, dass viele Bürgerinnen und Bürger ins Gespräch kommen und sich begegnen, unabhängig von Herkunft oder Religion. Das hofft auch Münevver Çakici: "Ich habe eine wunderschöne Community in Stuttgart und freue mich, dass ich mit wunderbaren Menschen zusammen ausgestellt werde", sagt sie.

Mehr Integration durch mehr Beteiligung in der Stadt

In Baden-Württemberg leben nach Schätzungen des Statistischen Landesamtes rund 800.000 muslimische Menschen, in Stuttgart knapp 60.000. Obwohl das rund 10 Prozent der Einwohner seien, gibt es nur eine muslimische Person im Gemeinderat - das ist im Beitrag von Ramazan Kara zu lesen. Der Designer fordert muslimische Menschen auf, sich zu beteiligen - etwa in Elternbeiräten, Bezirksräten oder Jugendparlamenten. Dort werde Integration konkret gelebt.

Die Ausstellung ist von diesem Freitag, 24. April, bis zum 21. Mai geöffnet. Von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr können Interessierte die Bilder, Texte und Gegenstände im dritten Stock des Rathauses anschauen.

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