Es geht um eine Ergänzung, ein "Add-on" würde man heutzutage sagen: Im Bibliorama, dem Bibelmuseum der Evangelischen Landeskirche Württemberg in Stuttgart unweit der Hospitalkirche, haben drei Nachwuchs-Lehrerinnen eine Station der Dauerausstellung mit interaktiven Gegenständen erweitert. Damit wollen sie Jugendlichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam zeigen - Kernzielgruppe sind Zehn- bis Zwölfjährige. Die Idee: Es gibt Personen, die sowohl in der Bibel als auch im Koran eine Rolle spielen. Etwa Moses.
Gebote auf Plexiglas und ein Wackelbild von Moses
Das ganze Konzept des Bibelmuseums sind Personen der Bibel: Mit 15 Stationen zu einzelnen Figuren führt das Bibliorama durch die großen Themen des Christentums und Glaubens. Im vergangenen Dezember gab es für die Moses-Station eine Ergänzung, einen knallroten Rollkoffer mit Schaumstoff-Polsterung. Dieser enthält zehn quadratische Plexiglasscheiben mit Textpassagen aus dem Koran und ein Lentikulardruck, ein Wackelbild von Moses.
Entworfen und gestalten haben dieses museale "Add-on" die drei Nachwuchs-Lehrerinnen Makisa Fathai, Esra Öztürk und Hanna Allgayer. Fathai und Öztürk haben an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg auf Lehramt studiert. Allgayer hat an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Religions- und Gemeindepädagogik sowie Soziale Arbeit studiert.
Angefangen hatte es im Frühjahr 2023 als studentisches Projekt als Pflichtteil des Studiums. Die Initiative dazu kam von Beate Schuhmacher-Ries, die das Bibliorama leitet und im Rahmen einer eigenen interreligiösen Fortbildung die Kooperation mit den Hochschulen gesucht hatte. "Am Anfang lief das noch innerhalb unseres Studiums, später nicht mehr", sagt Makisa Fathai. Es sei längst zu einem Herzensprojekt geworden.
Parallelen zwischen den Zehn Geboten und Koranversen
Ein Herzensprojekt zum Anfassen und Mitmachen: Zunächst kann die Museumsführerin oder der Museumsführer an der Station Moses das Wackelbild zeigen. Je nach Perspektive zeigt es Moses als Baby im Korb oder Moses beim Teilen des Meeres - beide Geschichten findet man im Alten Testament wie im Koran. Ein erster Gesprächsanlass, an den christliche und muslimische Kinder anknüpfen können.
Und dann gibt es die zehn Plexiglasscheiben mit den Koranversen. Die Jugendlichen bekommen je eine in die Hand, damit geht es dann hinein in die Moses-Installation. Ein Spiegelkabinett: Wasserzeichnungen am Boden, Spiegel links und rechts, nichts ist greifbar, alles verliert sich – ein Gefühl von Halt- und Orientierungslosigkeit, von Flucht. Nur die zehn Vertiefungen in den Spiegelwänden schaffen Struktur.
In jeder Vertiefung steht eines der zehn Gebote, die Plexiglasscheiben mit den Koranversen sind die Pendants dazu. Eingesetzt in die Vertiefungen liegen dann die koranischen Verse in den Leerstellen zwischen den Zeilen der biblischen Verse. Beides ist lesbar - und gleichberechtig. Es hat Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Museums-Leiterin: Moses-Station nun "Highlight" im Bibliorama
Makisa Fathai hat selbst das Wackelbild von Moses entworfen. Ihr bietet die Installation die Möglichkeit, einmal anders mit Christen über ihren jeweiligen Glauben ins Gespräch zu kommen: "Ich kann hier über mich sprechen, woran ich glaube als Muslima", sagt die 29-Jährige. "Und ich kann jemanden zuhören, jemand anderen begegnen, der anders glaubt als ich." Auch Hanna Allgayer empfand die Konzeption des Religions-Projekts für das Bibliorama persönlich als bereichernd. Die 23-Jährige habe ihren eigenen Glauben nochmal ganz anders erleben dürfen.
Das Tolle für mich an dem Projekt ist, dass ich meinen eigenen Glauben, die Geschichten, die mich begleiten, noch einmal ganz anders erleben durfte. Sie wurden nochmal um eine Perspektive bereichert. Und gleichzeitig habe ich so auch die Möglichkeit, anderen Menschen diese Chancen zu eröffnen.
So sieht das auch die Museumsleiterin Beate Schuhmacher-Ries. Das Projekt sei mittlerweile "das Highlight" ihrer Ausstellung. Jetzt könnten sich Schulklassen mit christlichen und muslimischen Kinder hier im Museum miteinander über ihre Religionen austauschen - auf Augenhöhe. Es gehe um ein Miteinander, sagt Schuhmacher-Ries. Und darum sich zu akzeptieren.