Interreligiöser Dialog

Bibliorama: Jung-Lehrerinnen bringen Christen und Muslime ins Gespräch

Drei junge Frauen zeigen im Stuttgarter Bibelmuseum Bibliorama Gemeinsames und Unterscheidendes bei Christentum und Islam auf - mit einer Figur, die in der Bibel und im Koran vorkommt.

Teilen

Stand

Es geht um eine Ergänzung, ein "Add-on" würde man heutzutage sagen: Im Bibliorama, dem Bibelmuseum der Evangelischen Landeskirche Württemberg in Stuttgart unweit der Hospitalkirche, haben drei Nachwuchs-Lehrerinnen eine Station der Dauerausstellung mit interaktiven Gegenständen erweitert. Damit wollen sie Jugendlichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam zeigen - Kernzielgruppe sind Zehn- bis Zwölfjährige. Die Idee: Es gibt Personen, die sowohl in der Bibel als auch im Koran eine Rolle spielen. Etwa Moses.

Das Bibliorama in Stuttgart von außen: Das Museum stellt an 15 Stationen Figuren aus der Bibel vor.
Das Bibelmuseum Bibliorama der Evangelischen Landeskirche Württemberg in der Innenstadt von Stuttgart ist auch ein Lernort für Schulklassen und Konfirmandengruppen.

Gebote auf Plexiglas und ein Wackelbild von Moses

Das ganze Konzept des Bibelmuseums sind Personen der Bibel: Mit 15 Stationen zu einzelnen Figuren führt das Bibliorama durch die großen Themen des Christentums und Glaubens. Im vergangenen Dezember gab es für die Moses-Station eine Ergänzung, einen knallroten Rollkoffer mit Schaumstoff-Polsterung. Dieser enthält zehn quadratische Plexiglasscheiben mit Textpassagen aus dem Koran und ein Lentikulardruck, ein Wackelbild von Moses.

Alles Material in einem roten Koffer: Hannah Allgayer (links) und Makisa Fathai (rechts) stellen Bibliorama ihr Dialog-Projekt vor.
Hanna Allgayer und Makisa Fathai präsentieren ihren interaktiven Ausstellungskoffer mit 10 Plexiglasscheiben und einem Moses-Bild

Entworfen und gestalten haben dieses museale "Add-on" die drei Nachwuchs-Lehrerinnen Makisa Fathai, Esra Öztürk und Hanna Allgayer. Fathai und Öztürk haben an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg auf Lehramt studiert. Allgayer hat an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Religions- und Gemeindepädagogik sowie Soziale Arbeit studiert.

Angefangen hatte es im Frühjahr 2023 als studentisches Projekt als Pflichtteil des Studiums. Die Initiative dazu kam von Beate Schuhmacher-Ries, die das Bibliorama leitet und im Rahmen einer eigenen interreligiösen Fortbildung die Kooperation mit den Hochschulen gesucht hatte. "Am Anfang lief das noch innerhalb unseres Studiums, später nicht mehr", sagt Makisa Fathai. Es sei längst zu einem Herzensprojekt geworden.

Parallelen zwischen den Zehn Geboten und Koranversen

Ein Herzensprojekt zum Anfassen und Mitmachen: Zunächst kann die Museumsführerin oder der Museumsführer an der Station Moses das Wackelbild zeigen. Je nach Perspektive zeigt es Moses als Baby im Korb oder Moses beim Teilen des Meeres - beide Geschichten findet man im Alten Testament wie im Koran. Ein erster Gesprächsanlass, an den christliche und muslimische Kinder anknüpfen können.

Die Moses-Station im Bibliorama in Stuttgart: Das Spielgelkabinett schafft ein Gefühl von Chaos und Unsicherheit, die in den Spiegelwänden eingelassenen Gebote schaffen Struktur.
Im Bibliorama ist jedem der Zehn biblischen Gebote ein eigener Spiegelkasten gewidmet.

Und dann gibt es die zehn Plexiglasscheiben mit den Koranversen. Die Jugendlichen bekommen je eine in die Hand, damit geht es dann hinein in die Moses-Installation. Ein Spiegelkabinett: Wasserzeichnungen am Boden, Spiegel links und rechts, nichts ist greifbar, alles verliert sich – ein Gefühl von Halt- und Orientierungslosigkeit, von Flucht. Nur die zehn Vertiefungen in den Spiegelwänden schaffen Struktur.

In jeder Vertiefung steht eines der zehn Gebote, die Plexiglasscheiben mit den Koranversen sind die Pendants dazu. Eingesetzt in die Vertiefungen liegen dann die koranischen Verse in den Leerstellen zwischen den Zeilen der biblischen Verse. Beides ist lesbar - und gleichberechtig. Es hat Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Museums-Leiterin: Moses-Station nun "Highlight" im Bibliorama

Makisa Fathai hat selbst das Wackelbild von Moses entworfen. Ihr bietet die Installation die Möglichkeit, einmal anders mit Christen über ihren jeweiligen Glauben ins Gespräch zu kommen: "Ich kann hier über mich sprechen, woran ich glaube als Muslima", sagt die 29-Jährige. "Und ich kann jemanden zuhören, jemand anderen begegnen, der anders glaubt als ich." Auch Hanna Allgayer empfand die Konzeption des Religions-Projekts für das Bibliorama persönlich als bereichernd. Die 23-Jährige habe ihren eigenen Glauben nochmal ganz anders erleben dürfen.

Das Tolle für mich an dem Projekt ist, dass ich meinen eigenen Glauben, die Geschichten, die mich begleiten, noch einmal ganz anders erleben durfte. Sie wurden nochmal um eine Perspektive bereichert. Und gleichzeitig habe ich so auch die Möglichkeit, anderen Menschen diese Chancen zu eröffnen.

So sieht das auch die Museumsleiterin Beate Schuhmacher-Ries. Das Projekt sei mittlerweile "das Highlight" ihrer Ausstellung. Jetzt könnten sich Schulklassen mit christlichen und muslimischen Kinder hier im Museum miteinander über ihre Religionen austauschen - auf Augenhöhe. Es gehe um ein Miteinander, sagt Schuhmacher-Ries. Und darum sich zu akzeptieren.

Stuttgart/Mekka, Saudi-Arabien

Mentale und körperliche Herausforderung Die Reise ihres Lebens: Zwei Stuttgarter Muslime pilgern nach Mekka

Jedes Jahr nehmen bis zu 2 Millionen Menschen an der muslimischen Pilgerreise Hadsch teil. Dieses Jahr sind auch Gül-Meryem und Bayram Çalışkan aus Neuhausen bei Stuttgart dabei.

Lektüren von Peter Sloterdijk bis Peter Schäfer Drei Bücher, mit denen Sie die Bibel besser verstehen

Während der Glaube schwindet, wird die Bedeutung der Bibel für die Gegenwart neu ausgemessen. Was bleibt von den Mythen? Und kann sie zur Verständigung der Religionen dienen?

lesenswert Magazin SWR Kultur

Baden-Württemberg

Rund 10.000 Schüler Islamischer Religionsunterricht in BW: Zahl der Schüler fast verdoppelt

An fast 140 Schulen in BW gibt es islamischen Religionsunterricht. Das Land will ihn an noch mehr Schulen anbieten, doch es gibt dafür nur wenige Lehrerinnen und Lehrer.

Nachrichten, Wetter SWR Kultur